Ein kaltweiß beleuchtetes Gefängnis, dazu Videos von Parsifal rund um eine Klosterruine im Schnee – die Parsifal-Inszenierung von Kirill Serebrennikov an der Wiener Staatsoper ist, von künstlerischen und eindringlichen Videos tätowierter Gefangener abgesehen, eine kühle Angelegenheit. Aber es gibt immer noch Richard Wagners Musik und beeindruckende Gesangsleistungen. Insbesondere die Stimme von Klaus Florian Vogt strahlt noch durch die dicksten Klangschichten wie das Gralslicht.

Das Parsifal-Gurnemanz-Duo des Abends, Franz-Josef Selig und eben Vogt, gefiel in Wien bereits 2023 und konnte sich demgegenüber nochmals steigern. Insbesondere Selig konnte diesmal mit deutlich mehr Lautstärke aufwarten, und obwohl die Stimme in den länger zu haltenden Tönen mitunter zu einem breiten Vibrato neigt, beeindruckt seine Darstellung, in der jedes Wort Bedeutung hat, zutiefst. „Unerhörtes Werk!“ – diese zwei Wörter allein gestaltet er mit der geforderten Fassungslosigkeit und Empörung, und doch so viel Autorität und Noblesse, dass man unweigerlich erschaudert.
Vogt hat in dieser Inszenierung wieder Nikolay Sidorenko als sein junges, schauspielendes Alter Ego zur Seite, was ihm (der sich darstellerisch ohnehin meist reduziert gibt) ermöglicht, sich aufs Singen zu fokussieren. Sein großer, jugendlich-silbriger Unschuldston macht ihn schon seit vielen Jahren zur ersten Wahl für diese Partie, und das stellte er in Bestform wieder unter Beweis – jeder Ton ein Erlebnis, das man gern festhalten möchte. Und wenn Vogt neben Sidorenko doch am Bühnengeschehen beteiligt ist, wirkt dies umso prägnanter.

Gerald Finley ist ein feinsinniger Gestalter und daher ein tiefgründiger, wenn auch nicht großstimmiger Amfortas. Ärgerlich nur wieder einmal, dass Amfortas im dritten Aufzug auf den Tisch hüpfen muss, obwohl er bekannterweise an einer sich nicht schließenden Speerwunde leidet, die ihm als Höhepunkt des Werks geschlossen werden sollte. Davon ist aber nichts zu sehen, denn Serebrennikovs Inszenierung bleibt in dieser Hinsicht buchstäblich heil-los: Wenn die Insassen das Gralsgefängnis zum Schluss verlassen, muss Amfortas, scheinbar kraftloser als zuvor, von Kundry gestützt werden.
Als solche müsste Jennifer Holloway gemäß Libretto zu diesem Zeitpunkt entseelt am Boden liegen, aber sei’s drum. So ist es zwar nicht logisch, aber immerhin sympathisch. Holloways Stimme ist für eine vormalige Mezzosopranistin und die Partie der Kundry eher hell, was sie weniger als eine hintergründige Verführerin, sondern eher wie eine lockende Sirene wirken lässt. Mit der Zurückweisung Parsifals muss sie in dieser Inszenierung auch zunehmend nervöser werden, bis sie nach dem nicht stattfindenden Speerwunder Klingsor erschießt. In dieser Partie gefiel Werner Van Mechelen, der aus dieser Figur stimmlich wie emotional mehr als das Übliche herausholte – vielleicht oder obwohl Serebrennikovs Klingsor nichts von einem finsteren Zauberer an sich hat.

Komplettiert wurde das Sangespersonal durch den stimmlich robusten Matheus França als Titurel sowie die Blumenmädchen, die in ihrer Empörung über die Zurückweisung überzeugender als bei den schwelgerischen Verführungsversuchen klangen. Angeführt wurden sie von Ileana Tonca und Ilia Staple, die mit ihrer Routine auch für Abstimmung und Ordnung unter den Blumenmädchen bzw. Moderedakteurinnen sorgten. Von den kleineren Partien gefiel Andres Turner, der als dritter Knappe mehr als nur Stichwortgeber für Gurnemanz war. Schade nur, dass sich der weibliche Teil dieser Truppe mit seinen dramatischen Stimmen nicht besonders gut ins Knappen-Ensemble fügte, was man aber keiner der beiden Seiten zum Vorwurf machen kann. Lob auch für den Chor bzw. alle Chöre, der sich durch die viele Action auf der Bühne nicht ablenken ließ.
Axel Kober ist Experte für das deutsche Repertoire, und packt am Pult gern auch einmal kräftig zu. Das bewies er auch an diesem Abend, ohne auf die Feinheiten zu vergessen – der Beginn des Vorspiels wirkte so unwirklich ätherisch, wie es sein soll, auch wenn sich in der Blech-Sektion des Staatsopernorchesters bald ein paar Übermotivierte fanden, die ihre Einsätze herzhaft-rustikal gestalteten. Schnell war aber alles (wieder) im Griff, und so erlebte man das Werk mehr als nur kompetent dirigiert. Die Vorstellung von Klingsors Zaubergarten in Form des Vorspiels zum zweiten Aufzug ist immer ein Höhepunkt – auch wenn man sich in dieser Inszenierung in einer Zeitschriftenredaktion wiederfindet. Dabei punktete Kober mit der Betonung auf den Dissonanzen und erinnerte das Publikum daran, wie modern vieles an Wagners letztem musikdramatischem Werk ist.

Was die Inszenierung mit ihrem visuellen Dauerfeuer auf drei Leinwänden über der Bühne (Foto- und Videodesign: Aleksey Fokin & Yurii Karih) und zwei Bühnenebenen betrifft, so möchte man stellenweise selbst wie Parsifal im zweiten Aufzug die „Klage um das entweihte Heiligtum“ anstimmen. Daran, dass der Gral mit der Post im Karton kommt, oder vor Gralsenthüllung im dritten Aufzug zu den Chor-Klängen von „zum letzten Mal“ eine heftige Gefängnisrauferei angezettelt wird, will man sich nicht gewöhnen, weil es schlicht und un-ergreifend einfach nicht zur Atmosphäre passt, die musikalisch vermittelt wird, oder vermittelt werden sollte. Man gesteht Serebrennikov eine spannende Auseinandersetzung mit dem Werk zu, allerdings hat nicht jede Idee Bühnenreife.





