Am 7. Oktober 1816 notierte Ludwig van Beethoven in einem Brief an seinem Freund Sir George Smart über sein Streichquartett Nr. 11 f-Moll Op.95 „geschrieben für einen kleinen Kreis von Connaisseuren – niemals aber für die große Öffentlichkeit“. Am vergangenen Freitag, fast genau 200 Jahre später, setzte das Arcanto Quartett Beethovens Wunsch stilgerecht in der Allerheiligenkirche in München um, in intimer Atmosphäre und mit schwungvoller Intensität, die zwar Wehmut anklingen ließ, aber nie in sie abdriftete.

Arcanto Quartett © Marco Borggreve
Arcanto Quartett
© Marco Borggreve

Unter dem Namen Arcanto Quartett machen sich Antje Weithaas (Violine), Daniel Sepec (Violine), Tabea Zimmermann (Bratsche) und Jean-Guihen Queyras (Cello) bereits seit 2002 einen Namen. Diese langjährige Vertrautheit bekamen die Zuhörer in diesem Konzert klanggewaltig zu spüren: In nahezu perfekter Einheit und mit überwältigender Klarheit wurde das letzte von Beethovens „Mittleren Quartetten“ rezitiert. Weithaas setzte dabei gleich zu Beginn einen angenehm emotionalen Akzent mit ihrem Violinspiel. Die Generalpause saß und wurde von ihr einfühlsam und trotzdem klar beantwortet. Damit gelang es ihr, im Allegro weder Schwermut noch Kitsch zu transportieren, und gleichzeitig das unterschwellige Motiv dieses Streichquartetts mit dem Beinamen „serioso“ zu betonen.

Bratsche und Cello gerieten bei dieser Virtuosität in den Hintergrund, ganz im Sinne des Komponisten. Erst im zweiten Satz kam Queyras' analytisches, distanziertes Cellospiel zum Tragen. Mit herber Klarheit eröffnete er die absteigende Melodie des Allegretto und arbeitete damit die durchweg überzeugende Interpretation des Arcanto Quartetts weiter heraus: konturiert und charakterstark. Nie ging dabei jedoch Empathie für Beethoven selbst verloren. Gerade das Rondo-Finale, mit seiner überraschenden Schlusswendung in F-Dur, wurde entschlossen und überlegen artikuliert. Es zeugte nicht nur von spieltechnischer Finesse, sondern insbesondere von einer fast greifbaren Beziehungsaufnahme mit dem Musikgenie selbst. Bravo!

Dem folgte Robert Schumanns Streichquartett Op.41 Nr. 1, aus dem Jahr 1842. Die Verbindung zum ersten Stück präsentierte sich dem Zuhörer nicht auf den ersten Ton. In seinem persistenten, kanonartigen Thema erinnert Schumanns Werk zunächst mehr an Bachs Fugen als an Beethoven. Doch die Berührungspunkte sind da: Der dritte Satz zieht eindeutige Parallelen zum Adagio aus Beethovens Neunter Symphonie, die nur schwerlich zu überhören sind. Und genau diese Verbindung baute das Quartett mit seiner Darbietung des facettenreichen Stückes kontinuierlich aus. Wie Florestan und Eusebius kämpften die vier Streicher mal miteinander, mal gegeneinander um die fortlaufende Melodie des dramatischen Stückes.

Auch an dieser Stelle muss das perfekte Zusammenspiel und das hohe technische Können des Quartetts herausgestellt werden; immerhin wagten sich Weithaas, Sepec, Zimmermann und Queyras mit dieser Interpretation etwas weiter hinaus: Der Versuch, an das klare Kalküls des Quartetto Serioso anzuknüpfen, stand zeitweise gefährlich auf der Kippe. Daniel Sepecs einfühlsames und einsatzstarkes Violinspiel sorgte hier für den Zusammenanhalt. Fast spürbar flirtete der geborene Mainzer mit Antje Weithaas, gab Freiraum, wenn Freiraum benötigt wurde, und forderte Einheit in den melodischen Partien.

Entschieden wärmer gaben sich die Musiker in den gemächlich voranschreitenden Melodien in F-Dur des dritten Satzes. Wer sich jedoch betonte Klarheit und Harmonie erhofft hatte, der wurde wohl enttäuscht. Selbst im finalen Presto setzte das Quartett auf eine spannungsgeladene Interpretation. Eine romantische Verklärung oder eine Vermittlung schien nicht die Intention, sondern vielmehr eine Betonung des Schumann'schen Konflikts. Mir gefiel dies, denn es nahm dem Stück den latent barocken Unterton und ordnete in den Abend ein. Ganz entschieden konnte Tabea Zimmermanns exzellentes Bratschenspiel im ersten Satz von Smetanas Streichquartett erneut hervorstechen. Traumhaft klar, leicht distanziert und dennoch dominant entwickelte Zimmermann das Allegro. Wehmütig? Vielleicht. Sentimental? Auf keinen Fall!

Nur zögerlich gebe ich deswegen zu, dass mich das Arcanto Quartett im zweiten Satz für einige Takte verlor. Smetana entführt den Zuhörer hier, so lässt sich leicht vorstellen, aufs Land. Die flotte Melodie suggeriert eine der Polkas, die Smetana selber in jungen Jahren komponiert haben könnte. Arcanto gab sich an dieser Stelle ein wenig farblos, folkloristisch, aber für meinen Geschmack nicht genügend vehement und humorvoll. Auch das könnte freilich als Teil der Interpretation ausgelegt werden: Smetanas Erstes Streichquartett ist klar autobiographisch, und die Frage, wie die Polkas der Jugend für jemanden klingen , der sein Gehör verloren hat, kann verschieden beantwortet werden.

Als dann allerdings im dritten Satz der warme Klang von Jean-Guihen Queyras Cellos mit viel Subtilität erklang, gelang es den Musikern, zwischen den nuancenreichen Sätzen von Smetanas Streichquartett einen großen Bogen zu spannen, ohne daraus Einheitsbrei zu genieren. Klar akzentuiert war das Spiel der einzelnen Charaktere, das Zusammenspiel dynamisch, und die Interpretation bis zum Schluss glaubwürdig. Den finalen Höhepunkt setzte Antje Weithaas in der Mitte des vierten Satzes: Mit überlegener Einfühlsamkeit und Klarheit strich sie das viergestrichene E , das Smetanas verheerenden Tinnitus vor Einsetzen seiner Taubheit symbolisieren soll.

Doch auch ein stimmiger Konzertabend muss ein Ende haben: Mit geradezu unheimlicher Vorsicht zupften die Streicher des Arcanto Quartetts schließlich die letzten sanften Noten aus Smetanas Leben. Dem Publikum stockte noch der Atem – und belohnte die musikalische Leistung wenige Sekunden später mit zahlreichen Bravi.