Die Geschichte kann man im Magazin der Tonhalle-Gesellschaft Zürich nachlesen. Der Steinway, den der Dirigent und Pianist Georg Solti besaß, war nicht irgendein Steinway, sondern einer, der von Angelo Fabbrini, dem offiziellen Steinway-Vertreter in Pescara, für den Maestro ad personam eingerichtet wurde. Nach Soltis Tod ging der Fabbrini-Flügel in den Besitz der Solti Foundation über, die daraufhin nach einer geeigneten Verwendung Ausschau hielt. Fündig wurde man schließlich nicht in Budapest oder New York, sondern in Zürich. Hierher war Solti 1939 geflohen, und zur Tonhalle pflegte er bis zu seinem Tod enge Beziehungen. Die entscheidende Rolle bei der Auswahl spielte dabei der Pianist Sir András Schiff. Das Instrument mit den Elfenbeintasten steht seit kurzem in der Tonhalle, und selbstredend fiel Schiff die Ehre zu, den Fabbrini in einem Konzert der Tonhalle-Gesellschaft einzuweihen. Gleichzeitig konnte man auch sein Debüt als Dirigent des Tonhalle-Orchesters erleben.

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Sir András Schiff © Nadja Sjoestroem
Sir András Schiff
© Nadja Sjoestroem

Wer Schiff kennt, wundert sich nicht, dass die Inauguration mit einer Komposition von Bach beginnt. Dass es dann das Klavierkonzert in D-Dur, BWV 1054 sein würde, erstaunt doch einigermaßen. Handelt es sich doch bei dem Werk um eine von Bach selbst vorgenommene Transkription des bekannten Violinkonzerts in E-Dur. Ob das die glücklichste Wahl war, um den Fabbrini-Flügel vorzustellen, sei dahingestellt. Denn der Transkription haftet der Makel an, dass das Klavier (beziehungsweise das Cembalo) den kantablen Charakter einer Solovioline nur unbefriedigend nachahmen kann.

Man braucht als Hörer eine Weile, um sich an die Kombination von Streichorchester und Flügel zu gewöhnen. Die Klavier-Fassung hat immerhin den Vorteil, dass sich das Soloinstrument vor dem Klanghintergrund der Streicher recht deutlich abhebt. Und je länger man zuhört, desto mehr springt einem der intime und individuelle Charakter dieses Fabbrini in die Ohren. Dies ganz besonders im Adagio, aber auch im Schlusssatz, wo Schiff mit einem leichtfüßigen und perlenden Spiel begeistert.

Zum großen Aha-Erlebnis des Abends wird das Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur, Op.15 von Beethoven. Für diese Komposition scheint der Fabbrini-Flügel wie geschaffen. Natürlich klingt er nicht wie ein Hammerflügel aus dem frühen 19. Jahrhundert. Aber auch nicht wie einer dieser donnernden Steinway-Instrumente, die heutzutage in Mode sind. Schon bei der Orchesterexposition des ersten Satzes, die Schiff im Stehen dirigiert, setzt er auf einen größtmöglichen Kontrast zwischen den leisen und den lauten Abschnitten. Und wenn er dann selber in die Tasten greift, klingt das so überraschend zärtlich, als ob er tatsächlich auf einem Hammerflügel spielen würde.

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In der Folge funktioniert das Zusammenspiel zwischen dem Solisten und dem Orchester ausgezeichnet. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, denn Schiff erlaubt sich im Tempo und in der Dynamik erstaunliche Freiheiten. Und – auch dies ein Markenzeichen von ihm – er pflegt neben den Melodien im Diskant auch die Nebenstimmen in den mittleren und tiefen Lagen. Abgeklärt interpretiert er das Largo, und im abschließenden Rondo dialogisieren Solist und Orchester auf das Schönste miteinander: keck und doch sehr gepflegt. In der Zugabe mit Chopins Valse brillante in a-Moll, Op.34 Nr.2 führt Schiff die singulären Qualitäten des Fabbrini auch in einem Solostück nochmals vor.

War Solti ein großer Dirigent, der auch Klavier spielte, ist Schiff ein Pianist, der gelegentlich auch dirigiert. Der zweite Teil des Abends vermag nicht mehr in gleicher Weise zu überzeugen wie der erste. Vom Programm her durchaus schlüssig ist die Gegenüberstellung von Lutosławskis Musique funèbre in memoriam Béla Bartók und Bartóks Tanz-Suite in der Orchesterfassung. Dass Schiff für Lutosławski statt der geforderten kammermusikalischen Streicherbesetzung gleich das für Bartók vorgesehene Streichertutti einsetzt, tut dieser strukturbetonten Trauermusik keinen guten Dienst. Umgekehrt passt die symphonische Riesenbesetzung des Tonhalle-Orchesters für Bartoks Tanz-Suite ausgezeichnet. Als Dirigent kann Schiff jedoch das Raffinement, das seine Klavierinterpretationen kennzeichnet, nicht in gleicher Weise auf das Orchester übertragen.

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