Sechseinhalb Jahre war die ehrwürdige Heidelberger Stadthalle, 1901 bis 1903 aus Anlass des 100. Jubiläums der Reform der ältesten deutschen Universität mit Wechsel vom Regierungsordinariat der Kurpfalz nach Baden direkt am Neckar erbaut, wegen umfassender Sanierungsarbeiten geschlossen. Neueröffnet am 1. Februar, ist das Haus auch wieder Heimstätte des Heidelberger Frühlings, der sein diesjähriges Motto „Zurück nach vorn“ genau in den mit Musik und Gästen gemeinsamen Kontext von Tradition und Moderne gerückt hat. Beinahe viermal so lange wie die Baumaßnahmen dauerte die Rückkehr Sir John Eliot Gardiners zu dem Festival, der in Bewahrung und steter Erfrischung seiner Bach-Leidenschaft seine neuen, vielfach aus den Monteverdi-Vorgängergruppen bekannten Ensembles, The Constellation Choir and Orchestra, für eine Osterzeremonie in die Stadt brachte.

Sir John Eliot Gardiner © studio visuell
Sir John Eliot Gardiner
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In stimmlich wie mimisch unerreichter Ausstrahlung des CCO ließ er dabei die frohe Botschaft der Auferstehung dem Heidelberger Publikum mit muskulärer, entwaffnender Unmittelbarkeit und freudenballabiler Rhythmik in Bachs Kantate Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret entgegenschmettern. Einmal mehr riefen die körperreich akzentuierenden, der affektbeseelten Ergreifung verpflichteten Ensembles dabei in geradezu ewig dürstende, stimulierende Erinnerung, wie einzigartig intensiv Chor, Rezitative, Arien und Choral eine Symbiose aus theologischer und musikdramatischer Potenz bilden können. Ein weiteres Markenzeichen inzwischen zudem das Auswendigsingen der Solisten, um den Text zu verinnerlichen und dann höchste Konzentration zur gewünschten Ausdrucksgestaltung dessen zu besitzen. Davon zeugten in ihren rhetorisch und deklamatorisch ungeheuer patenten Einsätzen Jack Comerford mit erdig dunklem Bass, Jonathan Hanley mit äußerst deutlicher, energischer Tenorexzellenz und Hilary Cronin mit warmströmender, sehr verständlicher Sopranzartheit.

Mit der verlässlich genialen Kombination aus weicher Empathie und entschiedener Emphase trafen The Constellation Choir and Orchestra auch in der dafür prädestinierten, durch die Emmaus-Geschichte kontrastierenden Osterkantate Bleib bei uns, denn es will Abend werden mitten ins Herz. Mezzo Eline Welle trug die erste solistische Jünger-Bitte nach Christi hellem Beistandslicht darin gemeinsam mit Michael Niesemanns Oboe da caccia mit solcher innigen, stilistisch klaren, farbigen Nobilität vor, dass sie genauso honigmedizinale Wohligkeit wie ersehnte Erfüllung versprach. Das erreichten in folgendem Nachsuchen ebenfalls der Choral des lieblichen Soprans (Hilary Cronin, Ali Ponsford-Hill und Sam Cobb) über dem engagierten Arpeggio Kinga Gáborjánis Cellos und Hanleys eindringlich sanftes, exquisites Gebet, das mit einem typisch CCO-packenden Choral voll rüttelnden Flehens schloss.

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Sir John Eliot Gardiner dirigiert The Constellation Orchestra und Choir beim Heidelberger Frühling © studio visuell
Sir John Eliot Gardiner dirigiert The Constellation Orchestra und Choir beim Heidelberger Frühling
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Das „Kommt, eilet und laufet“ im Oster-Oratorium müsste einem der CCO natürlich nicht zweimal sagen, derart hineingezogen folgen mochte man der figurativ-theatralischen, dynamischen Aufforderung zur Besichtigung der gotteswunderlichen Auferweckung, mit der Gardiner interpretatorisch weiter in fast eigener Liga spielt. Dazu ein in jeder Hinsicht hervorragender, besonders phrasierungsgeschickter, im ‚nicht‘ der „Seele, deine Spezereien“ detail- und essenzbetonter, prägnanter Sopran Cronins, im überwundenen „Todeskummer“ luftig-delikater Tenor Hanleys – beides absolute Höhepunkte –, im Drängen aufgeregter Mezzo Welles, perfekt war die Assoziation, welche tröstende, hoffnungssehnliche Bedeutung der Glauben im Diesseits hat und wie das himmelsversprechende Jenseits klingen muss. Erst recht, wenn Gardiner wieder eine seiner berüchtigten symbolischen, raumausnutzenden Ideen aus dem Samtärmel schüttelte, dafür Rachel Beckett an der Traverso beziehungsweise sie gemeinsam mit Mark Baigent an den Altblockflöten vom Türbogen der Orgelbalustrade zuzuschalten.

Dieser festliche Bach mündete in einer schneidigen Inbrunst von „Preis und Dank“, dem das Heidelberger Publikum seinerseits Gardiner und seinen Gruppen mit begeisterndem Jubel zollte. Auf dass die abermalige Rückkehr jetzt am besten schon bei allernächster Gelegenheit Wirklichkeit werden möge.

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