Karfreitag in einer Millionenstadt: mindestens sechs Male steht Johann Sebastian Bachs monumentale Matthäus-Passion heuer auf den Programmzetteln von Passionskonzerten in München, auf Dichtungen beruhend von Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, sowie damals bekannten Passionschorälen. Zweimal wird in der Isarphilharmonie, Münchens schickem Interims-Konzertsaal mit knapp 2000 Plätzen in durchaus weltlicher Umgebung musiziert. Vor einer abendlichen Aufführung, mit dem belgischen Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghes Leitung, am Nachmittag bereits an gleicher Stelle und bestens besucht hoch angesehene lokale Kräfte des Bach Collegiums München, seit 1973 bekannt für historische Aufführungspraxis, auf Nachbauten alter Instrumente spielend. Ab der Konzertsaison 2019/2020 schuf das Collegium im Rahmen einer Kooperation mit den drei bayerischen Musikhochschulen München, Nürnberg und Würzburg einen professionellen Chor aus hochbegabten Gesangsstudenten und präsentiert nun regelmäßig geistliche Musik des Thomaskantors und anderer Komponisten als Chor & Orchester Bach Collegium München.
Der Kirchenmusiker und Dirigent Christian Kabitz schloss seine Ausbildung in den 70er Jahren in München ab; in seinem Werdegang sticht insbesondere in Würzburg die Leitung von Bach-Chor und -Orchester sowie die Organisation des dortigen Mozartfests bis 2013 heraus. Mit Kabitz, vom Cembalo aus dirigierend, haben nun Chöre (zweimal 16 Stimmen) und Orchester (je circa 18 Instrumente) des Bach Collegiums München einen Leiter gefunden, der die vielfältigen Ebenen von Aktion und Reflexion in der Passion mit jeweils charakteristischer Klanglichkeit herausstellte und darüber hinaus den dramatischen Bogen des fast dreistündigen Werkes formen und zu kontrastreicher, unmittelbar berührender Wirkung kommen lassen konnte.
Bachs Intention, die beiden Chöre und Orchestergruppen einander eigenständig gegenüber zu stellen, ließ sich, anders als in manch enghalligem Kirchenschiff, in der Weite der Philharmonie optimal umsetzen. Die schmucklose Höhe der Seitenwände um das Orchesterpodium fokussierte die Blicke einzig auf die musizierenden Akteure im Zentrum der musikalischen Handlung: im Innern dabei die Basso-Continuo-Gruppe (sehr flexibel agierend mit Regine Schlereth, Orgel sowie Stefan Trauer, Violoncello, und Pavel Serbin, Viola da Gamba). Da mischten sich wunderbar auch die Gesangssolisten mit den konzertierenden Soloinstrumenten trotz mehrerer Meter Abstand. Die Ensemblesätze waren allesamt gut gelungen; sehr organisch entfalteten sich die großen Bögen des Eingangschors, gefasst und sprachlich prägnant kamen die Choräle daher.
In Martin Platz, lyrischem Tenor und Ensemblemitglied am Staatstheater Nürnberg, fand die Aufführung einen dramatischen Gestalter, der – mit Liedgesang und mit plastisch deutendem Operngesang vertraut – die Leidensgeschichte Jesu intensiv erzählte. Bis in hohe Lagen hinauf überzeugte er auch im ausdrucksstarken Vortrag der Tenorarien, wie „Ich will bei meinem Jesu wachen“ verwoben mit Coro II und Solo-Oboe.
Obwohl Bach den Evangeliumstext vergleichsweise schmucklos vertont, besteht sein Kunstgriff darin, Jesu Worte in einen Heiligenschein aus Streicherklängen zu setzen. Der Bassist Markus Simon, im mittelfränkischen Langenzenn selbst Chorleiter von Stadtkantorei und Vokalensemble, gab auf diesem noblen Streicherteppich einen gedankenvollen Jesus, der aus der Leuchtkraft innerer Überzeugung mit sonorer Basstiefe zu Jüngern, Hohepriestern und Gläubigen sprach und eine Ebene von Bachs Musik erschloss, in der Sinn der Texte und Bedeutung der Musik tiefgründig verschmolzen.
Wandlungsfähig und stimmlich überzeugend füllte Hanno Müller-Brachmann die weiteren männlichen Rollen der Passionsgeschichte aus. Mit glanzvoll baritonalen Höhen begeisterte er in den Bass-Arien wie „Mache dich, mein Herze, rein“ zu herbem Kolorit der Oboen. Leidenschaftlich gestaltete Louise Lotte Edler in sehr hellstimmigem kraftvollem Ausdruck die wundervollen Alt-Arien, so das große „Erbarme dich“ im Wechsel mit dem klagend dichten Part der Konzertmeisterin Plamena Nikitassova. Julia Duscher lyrisch hoher Sopran verströmte dagegen mädchenhaftes Licht, verband sich mit Edlers Alt zu atemberaubenden Momenten im Duetto „So ist mein Jesus nun gefangen“, in das sich die Chöre mit feurigem Abgrund aus Blitzen und Donnern klangmächtig einmischten.
Überwältigende Ausdrucksintensität auf der Bühne der Isarphilharmonie, bei der sich Leidensgeschichte mit dichter Satzstruktur und komplexer Harmonik der Bachschen Musik ohne äußerliches Getöse und Geschrei verbanden – als unerlässlicher Auftakt der Osterfeiertage.

















