Alle Jahre wieder?! Das trifft auch auf Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium zu, das mittlerweile fest zum Konzertrepertoire der Weihnachtszeit gehört. Abgenutzt und verstaubt? Keine Spur! Ton Koopman ließ es knistern und knacken. Zusammen mit seinem 1979 bzw. 1992 gegründeten Amsterdam Baroque Orchestra & Choir ließ er Bach sprechen und überzeugte nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich.

Ton Koopman © Jaap van de Klomp
Ton Koopman
© Jaap van de Klomp

Der Barockspezialist, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, sprühte vor Energie und Elan und zog einen mit seinem sympathischen Lächeln und seinen schwungvollen Gesten unmittelbar in den Bann. Nicht nur die Gesichter einiger Zuhörer erhellten sich sichtbar, hatte man doch gerade erst den beschwerlichen Weg zum Konzert durch Sturm und Regen gemeistert. Dem studierten Organisten, Cembalisten und Musikwissenschaftler gelang es, seine Vielseitigkeit und Wendigkeit direkt auf das Orchester zu übertragen. Dieses überzeugte mit lebhaftem und präzisem Ensemblespiel mit intensivem Augenkontakt untereinander und viel Bewegung während des Spielens. Besonders in der Continuo-Gruppe sorgte der Cellist für gute Stimmung, indem er sich des öfteren lächelnd zu seinen Kollegen umsah.

Neben dieser angeregten Kommunikation innerhalb des Ensembles spielte besonders die Artikulation eine große Rolle. Knackige Bogenstriche machten jede Note verständlich und trugen zu der klaren Phrasierung bei, die man gerade von einem Barockensemble erwartet. Dass man bei aller Deutlichkeit gleichwohl sanft und zurückhaltend spielen kann, bewies die Konzertmeisterin mit ihrer einfühlsamen Einleitung der Alt-Arie im dritten Teil des Oratoriums. Maarten Engeltjes sang diese Partie als Countertenor mit ebenso starker Empathie, und es entstand ein Dialog, der intimer kaum hätte sein können.

Intim schien auch das passende Wort für die Tenor-Arie im zweiten Teil zu sein. Tilman Lichdi gab ein perfektes Duo mit der Traversflöte, in dem sich die beiden Musiker in einer fließend, perlenden Ausdrucksweise trafen, die den Text „Frohe Hirten, eilt, ach eilet, Eh' ihr euch zu lang verweilet“ anschaulich werden ließ. Besonders seine Koloraturen waren trotz des hohen Tempos sauber intoniert und gesetzt, sodass man als Zuhörer die komplexen Verzierungen genießen konnte. Doch auch Lichdis Rezitative als Evangelist fesselten in ihrer perfekten Mischung aus einer erzählenden bzw. berichtenden und gesanglichen Partie.

Neben den Solisten überzeugte auch der Chor in seinen Chorälen; nahezu jedes gesungene Wort war klar verständlich, sodass man auf das Textheftchen im Konzertprogramm getrost verzichten konnte. Es war jedoch die geschickte und spannende Umsetzung der sogenannten Echo-Arie im vierten Teil, die auch den steifsten Konzertgänger aus dem Sitz trieb. Woher das Echo der Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez kam, blieb so manchem ein Rätsel, obwohl man mit Recken und Strecken versuchte, den Ursprung des Widerhalls zu finden. Die drei Musiker, inklusive zweiter Sopranistin, die sich hinter der Bühne versteckte, kosteten das Echo-Spiel in vollen Zügen aus. Besonders die Oboe, die an einigen Stellen ihr eigenes Echo simulierte, war so überzeugend, dass man glaubte, tatsächlich ein Echo gehört zu haben.

Ton Koopman und sein Amsterdamer Barockensemble zeigten ein Weihnachtsoratorium voller Spielfreude, Präzision und Transparenz, das Lust auf mehr machte. Für die erbetene Zugabe stellten sich die Solisten bezeichnenderweise mit in den Chor, und gemeinsam sang man Bachs Choral Ich steh an deiner Krippen hier – ein wunderbarer Ausklang eines eindrucksvollen Konzertes, und ein schöner Wegbegleiter hin zu den baldigen Feiertagen.