Ganz ungewöhnlich war die Eröffnung des Symphoniekonzerts der Bamberger Symphoniker: von der hoch über der Konzertsaal-Bühne schwebenden Jann-Orgel spielte Christian Schmitt, Principal Organist der Bamberger, das Perger-Präludium von Anton Bruckner, das dieser – 1884 zur Zeit der Entstehung der Achten Symphonie – als kleines Auftragswerk für den befreundeten Bürgermeister der Gemeinde Perg komponiert hatte. In nur zwei Minuten konnte Schmitt mit den ruhig schweifenden Bögen, einem harmonischen Labyrinth gleichend, das musikalische Tableau des Abends umreißen. Gastdirigent Thomas Dausgaard, designierter Leiter des Seattle Symphony Orchestras und Ehrendirigent des Swedish Chamber Orchestras, lauschte zusammen mit den Symphonikern und übernahm die harmonische Linie, indem er den ersten Satz von Messiaens L'Ascension fast nahtlos daran anschloss.

Thomas Dausgaard © Thomas Grøndahl
Thomas Dausgaard
© Thomas Grøndahl

Ähnlich wie Bruckner hatte auch Olivier Messiaen früh mit dem Musikstudium und Orgelspiel begonnen. Bereits mit 11 Jahren war er am Conservatoire, mit 22 Jahren spielte er an der berühmten Cavaillé-Coll-Orgel in St. Trinité in Paris und wie Bruckner brillierte er auf Konzertreisen als Organist. Auch wenn von Messiaen keine Äußerungen über Bruckner überliefert sind, gibt es Berührungspunkte mit Bruckners Religiosität, der – fast ein Jahrhundert zuvor – für seine Symphonien Inspiration aus Glauben und religiöser Weltsicht geschöpft hatte. Mit 25 Jahren schrieb Messiaen den Zyklus symphonischer Meditationen L'Ascension, die einen Einblick in seine Beschäftigung mit dem Glauben gewähren, der auch sein späteres Werk prägen würde.

Aus einer Bruckner-Symphonie könnte die choralartige erste Meditation, nur für Blech- und Holzbläser gesetzt, stammen, als Gebet Christi und in seiner aufsteigenden Linie am Schluss bereits auf die Himmelfahrt hinweisend. Mit sparsamer Gestik ließ Dausgaard die Musik fließen; ebenso wie er die meditativ-pastorale Stimmung des folgenden „fröhlichen Hallelujas einer Seele“, von Melodien des Gregorianischen Chorals beeinflusst, zurückhaltend und hoch konzentriert modellierte, mit herrlichen Holzbläsern im Vordergrund, gedämpften Streichern und beeindruckenden Soli von Horn, Trompete und Becken. Im vollen Plenum wurde der dritte Satz musiziert, Messiaens Angabe „jauchzend, mit fröhlichem Schall“ von Dausgaard mit federnder, fast ekstatischer Zeichengebung umgesetzt, wie das Scherzo einer Brucknerschen Symphonie. Die Bamberger stellten diesen Freudentaumel virtuos und klangmächtig in den Steigerungen und dem Fugato zum Satzende dar, veredelt durch die herausragende Akustik der Konzerthalle. Als eindringliches Gebet „des auffahrenden Christus“ charakterisierten Dausgaard und die Streicher die Schluss-Meditation, ein Satz ganz ohne rhythmische oder harmonische Verzierungen, aber in stetiger dynamischer Steigerung, gipfelnd in prägnantem Schluss-Fortissimo.

Für die Uraufführung seiner Zweiten Symphonie 1873 im Wiener Musikverein fand der Komponist erst spät einen Gönner – die Wiener Philharmoniker hatten zuvor das Werk noch als „unspielbar“ bezeichnet; man bespöttelte es als „Pausen-Symphonie“, da Bruckner die Übergangsstellen zwischen den Formgliedern des ersten Satzes durch Generalpausen gekennzeichnet hatte, um das Verständnis zu erleichtern – doch gab es auch positive Reaktionen, die den revolutionären Ansatz einer auf den Schlusssatz ausgerichteten symphonischen Form zu verstehen begannen.

Thomas Dausgaard hatte die späte Fassung (1877) der Symphonie gewählt. Aus dem zarten Flimmern der Geigen heraus führte er die Bamberger in das weitgespannte Hauptthema des Kopfsatzes, von den Celli sanglich ausgebreitet und in kurzen Hornrufen kommentiert. Nach einer Generalpause ein weiteres Thema lyrischer, fast oberösterreichischer Idylle, wieder von den Celli ausgesponnen, das zum sonor von den Blechbläsern markierten dritten Motiv leitete. Mit fast kammermusikalischer Finesse zeichnete er auch das Adagio, die Streicher inbrünstig mit ihrem ersten Thema, delikat das schlichte folgende Lied des Horns mit dem Pizzicato der Streicher: ein Dankgebet mit phantasievollen Variationen, bei dem die Streicher oft ins fast unhörbare Nichts verhauchten. Kraft und Energie forderte Dausgaard im urwüchsigen Scherzo, in dem eine für Bruckner charakteristische Trompetenfanfare nach zarten Flötensoli wieder zum wilden Trubel bläst.

Aus Rondo und Sonatenform verschmelzen die musikalischen Bausteine des krönenden Finale, wobei immer wieder Zitate aus früheren Sätzen (und sogar der frühen f-moll-Messe) in den Ablauf eingebaut werden, bis Trompeten und Posaunen choralartig den überschwänglichen und triumphalen Schlussgesang anstimmen. Dausgaard hatte mit intensiver Körpersprache das Orchester angeleitet, tänzerisch, wiegend und biegsam mit jeder Faser seiner Statur Aufmerksamkeit fordernd. Und das Orchester ließ sich auf diese beeindruckende Lesart ein, die vom Publikum mit stürmischem Beifall gut geheißen wurde.

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