Das Thema der Basel Sinfonietta für die kommende Saison ist „Grenzen“. Das lässt sich auf vielfältige Weise verstehen und deuten: das Ausloten und Überschreiten von (geographischen oder musikalischen) Grenzen. Es kann sich gleichermaßen auf das Überwinden von Grenzen im lokalen Rahmen beziehen. Zum ersten Mal in den 36 Jahren seines Bestehens musiziert das Ensemble unter einem Chefdirigenten Baldur Brönnimann. Zum anderen ist die reguläre Spielstätte des Orchesters, das Stadtcasino, drei Jahre wegen Renovation geschlossen und zwingt zu alternativen Spielstätten, vermehrten Tourneen. Das gut besuchte Eröffnungskonzert fand im großen Saal des Volkshauses Basel statt, mit „Werken von 6 jüngeren Komponisten aus 6 Kontinenten“.

Die Uraufführung von Came Adrift des Baslers Jannik Giger eröffnete den Abend. Das „Schwemmgut“, das Giger zu dieser Komposition inspirierte, ist die altertümliche, choralartige Melodie, welche die Blechbläser im zweiten Satz von Béla Bartóks Konzert für Orchester spielen. Giger zerlegte diesen Choral in Bruchstücke, die er in sein zehnminütiges Werk eingeflochten hat. Diese Zitate ziehen sich als roter Faden durch das Werk. Das Stück beginnt in der Stille, mit hohlen Klappengeräuschen des Kontrafagotts zu einem langsam, dann immer mehr anschwellenden, mikrotonalen, sich aufweitenden Tonspektrum. Abschwellen nach einer Klimax; Aufblitzen von kleinen Fragmenten aus der Finsternis. Neubeginn auf einer anderen Stufe – es sind diese Wellen, die das Werk prägen, aber auch eine kleinräumige Vielfalt von Facetten, starke dynamische Kontraste. Im Mittelteil erinnerte mich die Musik an einen Stotterer, der einen Gedanke ausdrücken möchte. Das Stück beruhigt sich, entschwindet in der Stille, mit einer Naturtonreihe (Alphornklänge!), und am Schluss nochmals die Klappenschläge des Kontrafagotts. Der musikalische Fluss ist oft nur angedeutet, obwohl sich ein regelmäßiges Metrum durch die Komposition zieht, wie man den Bewegungen des Taktstocks unschwer entnehmen konnte.

Basel Sinfonietta © Basel Sinfonietta
Basel Sinfonietta
© Basel Sinfonietta

Toshio Hosokawas Komposition Ferne Landschaften III – Seascapes of Fukuyama entführt einen in eine ganz andere Klangwelt: das Stück beginnt mit Metallophonen, Tamtam, fernöstlichen Perkussionsinstrumenten, einzelnen Klavier-Glockentönen. Lange dominieren Stille, Dunkelheit, Tremoli, Flageolett, Obertöne, unmerkliche Veränderungen, Geräusche an der Hörgrenze in Tonhöhe und Lautstärke, langsames Anbranden großer Wellen mit Gischt: eine unbelebte, gar artifizielle Welt? Leben allenfalls untergründig, vielleicht Gewürm in der Erde, am Meeresboden? Faszinierend auf jeden Fall. Auch hier erschließt sich das durchgehende Metrum nur aus dem Taktschlag des Dirigenten.

Im Kontrast dazu ist Unstuck des US-Amerikaners Andrew Norman ein belebtes, lebendiges, rhythmisch vielfältiges Stück, stark strukturiert, auch im Tempo. Es wechselt zwischen Geräusch und tonalen Segmenten, zwischen Stellen fast industrieller Geschwätzigkeit und Bedächtigkeit, die wiederum durch plötzliche, redselige, eruptive Einwürfe unterbrochen werden. Elegische Melancholie wechselt mit Passagen drängender Spannung, repetitive Fragmente symbolisieren das Anrennen gegen die Enge einer Sackgasse. Die Komposition endet mit Flageolett-Tönen in den Celli, die in höchste Höhen entschweben – nur um am Ende doch noch in einem kratzenden Absturz stecken zu bleiben. Interessant, sehr abwechslungsreich und bildlich.

In Amphitheatre hat sich der Australier Brett Dean vom antiken Theater in Michael Endes Roman Momo inspirieren lassen. Er beginnt mit einem Schlag, gefolgt von einer Didgeridoo-Imitation auf den vier Hörnern. Das Stück kombiniert also Reminiszenzen aus der alten Welt mit den Klängen der australischen Ureinwohner. Einem Abstieg in tiefes Grollen folgen lange Steigerungswellen. Auf der Klimax überbordende Wildheit der Solovioline, belebte Dissonanzen, Verkehrslärm. Dean arbeitet mit interessanten Geräuscheffekten und Tonfarben; am auffälligsten da wo mit sordinierter Trompete in den Schalltrichter der Basstuba gespielt wird.

Baldur Brönniman © João Messias | Casa da Música
Baldur Brönniman
© João Messias | Casa da Música

Strip-Weave des Südafrikaners Kevin Volans stellt repetierte Muster verwobener, gemusterter Stoffstreifen dar. Es ist Minimal Music, wenn auch nicht in extremer Ausprägung. Man hört ein Gegen- und Durcheinander scheinbar unabhängiger rhythmischer und tonaler, melodischer Muster, die sich allmählich ordnen. In einer zweiten Steigerungswelle ist das Stück sehr rhythmisch und perkussiv geprägt: extrem anspruchsvoll, entsprechend mit kleinen Divergenzen in der Koordination, obwohl der Dirigent von der sehr aktiven Konzertmeisterin Daniela Müller substanzielle Unterstützung erhielt.

Das abschließende Danzón Nr. 2 des Mexikaners Arturo Márquez bedarf keiner Vorstellung, nachdem Gustavo Dudamel das Stück auf seinen Tourneen präsentiert hat. Ein sehr, vielleicht zu populäres Stück, voll von synkopierten Tango- und Sambarhythmen, ein hinreißender, unterhaltsamer Rausschmeißer zwischen Schnulze und Karneval – aber musikalisch eher ein Abstieg.

Für den ganzen Abend gilt: nach nur einer Woche Zusammenarbeit mit dem Orchester hat Brönnimann den Klangkörper im Griff. Er ist ein erfahrener Dirigent neuer Musik und lässt keinerlei Unsicherheit erkennen. Schon bei früheren Konzerten ist mir aufgefallen, wie fokussiert und konzentriert sämtliche Orchestermusiker bei der Sache sind. Das ist die Konzentration von Profis mit dem absoluten Willen, im Team eine außerordentliche Leistung zu erbringen. Sicher war das Konzertprogramm anspruchsvoll und es gab durchaus auch Momente, in denen die Koordination nicht perfekt war. Aber nach diesem Abend hatte ich keine Zweifel, dass wir uns auf erfreuliche und interessante Resultate aus der Zusammenarbeit mit Baldur Brönnimann freuen können.

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