„Die Liebe macht den Menschen besser, von welcher Seite sie auch kommen möge.“ So drückte es der Autor des Romans Die Kameliendame Alexandre Dumas aus. Sein Roman handelt von Armand Duval, einem feinen jungen Herren aus den besten Kreisen der Pariser Gesellschaft, der die Kurtisane Marguerite Gautier kennen lernt und sich trotz ihres Lebenswandels in der Pariser Halbwelt heftig in sie verliebt.

Nach anfänglichen Konflikten verliebt sich auch Marguerite in ihn und will ihr früheres Leben hinter sich lassen. Der Vater Armands ist sehr um seinen Sohn besorgt, so dass er schließlich Marguerite überredet, sich von Armand um seiner Ehre willen zu trennen. Armand ist darüber tief verletzt, weiß er doch nichts von dem Manöver seines Vaters. Erst als die lungenkranke Marguerite bereits im Sterben liegt, erfährt Armand, dass sie ihn nur aus Liebe schützen wollte.

Zwei Liebende, die nicht zueinander finden sollten: Frédéric Chopin, der Komponist der Musik, welche John Neumeiers Ballett Die Kameliendame zugrunde liegt, hatte derartig tragische Liebesbeziehungen am eigenen Leibe erfahren. Schon in jungen Jahren hatte er sich in die damals 16jährige Maria Wodzińska verliebt und sich mit ihr verlobt. Marias Familie löste die Verlobung plötzlich und ohne Ankündigung auf und zog fort. Darüber geriet Chopin in eine Lebenskrise. Die Beziehung zu George Sand führte ihn aus dieser Krise, doch auch diese Liaison endete nach zehn Jahren recht abrupt und Chopin starb nicht viel später 1849 mit 39 Jahren, vermutlich an der Lungenkrankheit Tuberkulose.

Der Wahl-Hamburger John Neumeier hätte keine bessere Bühnenmusik für seine choreographische Bearbeitung der Kameliendame wählen können, atmet doch Chopins Musik die ganze Liebesglut, Leidenschaft, aber auch die zarten Zwischentöne und schließlich den Schmerz und die Verzweiflung über die unerfüllte Liebe, welche dem Erzählstoff zugrunde liegen. Zudem sind Chopins Melodien wunderbar beredt und ausschweifend und klingen auch ohne Tänzer bereits so, als würden die Töne eng umschlungen elegante Tanzschritte vollführen. Beste Voraussetzungen also für einen beschwingten Ballettabend. Und die Erwartungen des Publikums wurden nicht enttäuscht an diesem 14. Oktober in der Bayerischen Staatsoper.

Unter der musikalischen Leitung von Michael Schmidtsdorff begleitete das Bayerische Staatsorchester mit dem Pianisten Wolfgang Manz ein exquisit eingestelltes Staatsballett mit vier erstklassigen Solisten, Demi-Solisten und einem großen Corps de ballet. Die nostalgisch-eleganten Kostüme, entworfen von Altmeister Jürgen Rose, versetzten Künstler und Publikum gleichermaßen in einen wogenden Gefühlsrausch. Diesem konnte man sich schon nach wenigen Minuten vertrauensvoll hingeben, bürgt doch das Münchener Dreisparten-Haus immer für Weltklasse-Qualität und souveräne künstlerische Leistungen.

Allen voran Lucia Lacarra tanzte die Hauptrolle der Kameliendame Marguerite Gautier äußerst intensiv. Die tänzerische Schilderung der psychologisch höchst diffizilen und fragilen Entwicklung sowohl des Seelenlebens der Kameliendame als auch ihrer Liebesbeziehung zu Duval gelang Lacarra überzeugend und ohne jegliche erzählerische Brüche, was bei einer hochentwickelten Kunstform wie dem klassischen Ballett umso bewundernswerter ist.

So wie der große italienische Bildhauer Michelangelo Buonarroti davon sprach, dass für ihn die Skulpturen im rohen Marmorstein bereits vorgeformt schlummerten und er sie nur noch aus diesen befreien müsse, liegt die große Kunst des Tanzes darin, in Zeit und Raum quasi einen Tunnel zu formen, in den der Körper des Tänzers unaufhaltsam und mühelos gesogen wird. Die Bewegungen müssen gleichsam zwingend ungezwungen erscheinen. Erst dann entsteht die Intensität, aufgrund derer großen Tänzern nachgesagt wird, bei Ihren Sprüngen bliebe für einen kurzen Moment die Zeit stehen. Diese Intensität trug die elfengleiche Lucia Lacarra über den Bühnenrand und stellte damit ihre Kolleginnen und Kollegen fast ein wenig in den Schatten, ohne diese jedoch absichtlich in den Hintergrund zu spielen.

Marlon Dino als Armand Duval war zwar technisch höchst virtuos und körperlich präsent, ließ jedoch genau diese zwingende Intensität streckenweise vermissen. Besonders überzeugend und bewegend jedoch gelang ihm der Pas de deux mit Marguerite am Ende des zweiten Akts. Hier konnte er seine ganze tänzerische Klasse ausspielen und ließ sich von Lacarras Emotionen anstecken. Norbert Graf gab einen seriösen Monsieur Duval und auch Daria Sukhorukova und Maxim Chashchegorov reüssierten als Manon Lescaut und Des Grieux im parallelen Erzählstrang der „Oper im Ballett“.

Besonders gut gefiel die Japanerin Mai Kono in ihrem Rollendebüt als Olympia, das sie technisch nahezu perfekt und mit erfrischender Leichtigkeit tanzte. Lobende Erwähnung verdient auch das Corps de Ballett, das nicht nur hervorragend vorbereitet war, sondern auch die natürliche Freude an diesem kurzweiligen Tanzvergnügen spüren ließ. Trotz des tragischen und tränenreichen Endes der Erzählung Alexandre Dumas‘ war das Publikum zurecht hochvergnügt ob dieses auserlesenen Ballettabends.