Bei Igor Levits drittem Zyklus-Konzert aller 32 Beethoven-Klaviersonaten beim Musikfest Berlin wird deutlich, dass es ihm um wechselseitige Spiegelungen der einzelnen Werke geht. Beethoven komponierte die Fünfte Sonate mit Gewalt gegen alle ihre galanten Vorgänger. Innere Unruhe hallte darum bei Levit auch dann nach, wo die Sonate vermeintlich liebliche Gegenden aufsuchte. Lehrreich, obwohl ganz ohne erhobenen Zeigefinger, erklang die Reprise des Seitenthemas in der „falschen“ Tonart F-Dur ganz stimmig; in der ihr nachgereichten, nun richtig in der Grundtonart c-Moll stehend, dagegen wie entstellt und im Charakter ganz fremd. Das Adagio geriet hinreißend schön als Monolog mit nach innen gerichtetem Blick; der letzte Satz sprudelte dann wie ein aufgedrehter Haydn. Wenn Beethoven am Ende die Tonart nach C-Dur auflichtet, den Triumph aber vermeidet, dann veranlasste dies Levit dazu, es wie ein abgestorbenes c-Moll zu färben, so als hätte der mit der Welt in dieser Sonate Kämpfende am Ende doch die Kräfte verloren.

Igor Levit © Robbie Lawrence
Igor Levit
© Robbie Lawrence

Danach blickte Levit auf den Lehrer Beethoven zurück und spielte ohne Pause die Deux Sonates faciles. In der g-Moll-Sonate klangen die Alberti-Bässe aus Mozarts Sonata facile an, doch vermied es Levit, diese pedantisch hervorzukehren. Er geheimnisste nichts in diese zu Übungszwecken komponierte Sonate hinein. Die Tonart der G-Dur-Sonate ist seit Haydn mit dem Wort „innocente“ verbunden. Genauso unschuldig spielte Levit dieses Rondo und ließ augenzwinkernd den schon vergangenen galanten Stil und das noch nicht erreichte Biedermeier einander zulächeln.

Mit einem Auftakt eröffnete Beethoven auch den Kopfsatz In tempo d’un menuetto Allegretto von Op. 54. Wie heikel diese auch nur zweisätzige Sonate komponiert ist, wurde auch deutlich, weil sie auf diesen beiden harmlosen Stücke folgte. Das stilisiert-grazile Menuett überrumpelte Levit mit der Triolen-Toccata und zerstörte mit Fußtritt-Sforzati den Dreivierteltakt. Dennoch blühte im Verlauf des Satzes das Menuett auf und zähmte die Triolen-Wut. Wenn das Menuett-Thema dann am Ende über den Triolen im Bass erklang, dann war es, als hätte der alte Zopf tatsächlich das Ungestüme zivilisiert und gezähmt. Im aberwitzigen Tempo durchwirbelte Levit das Perpetuum mobile des zweiten Satzes, dessen Proportionen Beethoven völlig durcheinander geschüttelt hat: Auf die Miniatur einer zusammengeschrumpften Exposition folgt eine ellenlange Durchführung, bevor ein Paukenwirbel im Klavierbass eine Reprise heraufbeschwört, die nun alles ist, aber keine Wiederherstellung des einmal Vorgestellten. In der Coda war von Levit zu steigern, was Beethoven ohnehin bereits an die Grenzen des Möglichen geführt hatte. Levit beschleunigte diese Stretta nun, im Vorausblick auf die „Appassionata“, zu fast ungezügelter Hysterie.

Wenn Levit dann die „Appassionata“ in kontrollierter Glut zu Gehör brachte, dann konnten nur diejenigen ein Missverständnis darin vernehmen, die meinten, Leidenschaft müsste jede Formgebung in Klangeruptionen zerwühlen und so letztlich untergraben. Doch wie der von ihm verehrte Schiller hat Beethoven das Tragische gestaltet. Und so fügte Levit das Hauptthema aus den einzelnen Gestalten zusammen, und stellte ihm das As-Dur-Seitenthema entgegen, das vom Hauptthema kontrastierend abgeleitet ist. Insgesamt viermal näherten einander die im Grunde identischen Gestalten einander an, bevor sie in der Coda zu einer Gestalt zusammenwuchsen. So zeichnete Levit im Spiel nach, wie bei genauer Innehaltung des Schemas eine völlig neue Form entstand. Die Variationenfolge des Andante con moto hörte ich – in Andenken an eine Deutung des kürzlich verstorbenen Heinrich Poos – als „via illuminationis“. Auch wenn Levit selbst vermutlich nicht an Plotin dachte, ließ er das Thema doch stets heller werden, in dem er die immer kleiner werdenden Notenwerte aus den tiefen in die hohen Lagen der Klaviatur verlagerte und das Thema auf dem Höhepunkt im reißenden Tiefensturz zurück in den Anfang führte.

Das Finale geriet zu einem Virtuosenstück der Verzweiflung und antwortete so auf das heitere Spiel in Op. 54. In aller Raserei erklang ein Achtelmotiv, aus dem Beethoven am Schluss einen zynischen Schlussgalopp gestaltete. Mit diesem unlösbaren Rätsel wollte Levit sein Publikum nicht entlassen. Darum schenkte er ihm noch die in feinste Farben getauchte Berceuse aus Ferruccio Busonis Elegien, Op. 7 als Zugabe. 

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