Igor Levit begann den fünften Abend mit Beethovens früher A-Dur-Sonate. Der Kopfsatz bot ihm großen Raum für seine Liebe zu Leichtfertigkeit und Witz, aber auch dafür, selbst bewundernd zu verfolgen, wie Beethoven aus kleinsten Motiven große Zusammenhänge schuf. Das Largo nahm er mit großer Ruhe und ließ es das Gravitationszentrum der Sonate bilden. Mit der linken Hand ahmte er einen Pizzicato-Bass nach, mit der rechten Bläserakkorde. Den Fortissimo-Ausbruch spielte er hart, nicht edel im Ton. Mit aller Klarheit und Disziplin ließ er schließlich die so durchsichtig wie klar komponierten beiden letzten Sätze über die Tastatur rauschen. Angst davor, dass jeder Fehler zu hören wäre, musste er an diesem Abend nicht haben! Er spielte in großer Form auf.

Igor Levit © Monika Karczmarczyk | Berliner Festspiele
Igor Levit
© Monika Karczmarczyk | Berliner Festspiele

Mehr noch als in der A-Dur-Sonate legte Levit in Op.10 Nr.3 das Gewicht auf das Largo e mesto und ließ sich in der Rastlosigkeit des Kopfsatzes zusammenbrauen, was sich später im Largo entlud. Der Satz ist Beethovens erste Musikalisierung des melancholischen Temperaments. Und so quirlig Levit spielen kann, so Staunen erweckend war es, mit welcher abgeklärten Reife er diesen Satz vortrug. Er bohrte die engen, um sich kreisenden Motive des Anfangs im trostlos-schwarzen Ton in die Tasten und ließ sich daraus zuerst einen Sologesang, schließlich einen Männerchor auf dem Instrument entfalten. Am Ende des Satzes erhob sich der Melancholiker dieses Satzes in einer großen Sequenz zur Harmonisierung der aufsteigenden chromatischen Tonleiter zu geradezu heroischer Exorbitanz. Doch das Rätsel seines Grübelns konnte er nicht lösen und so blieb der etwas zu Ende Denkende in seiner Schwarzgalligkeit zurück. Levit ließ das Anfangsthema in seine Bestandteile zerfallen und den Satz stagnierend-niederschmetternd ersterben. Doch wie Goethe ging es auch Beethoven stets um die Überwindung quälender Melancholie. Levit trug darum die Töne des folgenden luftigen Menuetts auch so vor, als lösten sich in ihnen die kreisenden Motive des Largos in Fröhlichkeit auf. Im Finale brach sich Heiterkeit dann vollends ihre Bahn. Ein unbestrittener Höhepunkt in einem ohnehin starken Zyklus war diese Sonate.

Im Kopfsatz der Sechsten Klaviersonate herrschte regelrecht „schöne Verwirrung“, wenn Levit Beethoven folgend den Hörer durch seine Reflexionen an einen Punkt gelangen ließ, an dem Gründe und Gegengründe sich gegenseitig aufhoben: Modulationen liefen ins Leere oder wurden wie verspätet nachgereicht. Ganz in seinem Element war der Pianist, als er in der sich aller thematischen Arbeit enthaltenden Durchführung Beethovens Kunst, am Klavier zu phantasieren, selbst ein Zeugnis geben durfte. Den zweiten Satz trug Levit wie ein Moment musicaux Schuberts vor. Im letzten Satz gab’s dann wirklich etwas zu lachen, wenn Beethoven die Regeln der Fuge geradezu respektlos missbrauchte. Schon das Thema geriet unter Levits Fingern zu einer Lachnummer.

Zum Abschluss erklang die Klaviersonate Es-Dur Op.31 Nr.3, in der Beethoven so arglos wie geistvoll auf die von ihm selbst aus der Musik vertriebenen Liebenswürdigkeiten des 18. Jahrhunderts zurückblickte. Den Kopfsatz eröffnete Beethoven mit einer Schlusskadenz, in der Levit, durch eine unterbrechende Fermate darin unterstützt, mehr ein Suchen nach einem Thema als ein festgesetztes vortrug. Nachdem er dann endlich im Seitensatz eine Melodie spielen durfte, war diese so provozierend simpel im Seitensatz, dass Levit kaum anders konnte, als sich darüber lustig zu machen. Im zweiten Satz hatte er an von den Zeitgenossen beklagten Bizarrerien seine hellste Freude, und scheute auch nicht vor regelrechtem Slapstick zurück. Im dritten Satz griff Beethoven auf den empfindsamen Typ des Menuetts zurück, was Levit klug nicht übertrieben ironisierte, sondern eher mit einem subtilen Augenzwinkern versah. Das Finale, eine Chasse im Tarantella-Rhythmus, wurde zu einem pianistischen Feuerwerk. Nichts darin war künstlich aufgeheizt oder überdreht. Das war für Levit und sein Publikum ein großer Spaß!

Da Levit dem Publikum aber doch auf den Weg geben wollte, dass ihm heute die langsamen Sätze besonders wichtig gewesen waren, spielte er als Zugabe das Andante aus Bachs Italienischem Konzert.

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