Am zweiten Abend von Igor Levits Beethoven-Zyklus beim Musikfest Berlin standen, abgesehen von der „Lebewohl“-Sonate, nur Sonaten am Programm, die allesamt im Schatten ihrer jeweiligen Vorgänger stehen.

Igor Levit
© Monika Karczmarczyk | Berliner Festspiele

Levit begann die Matinee mit der zweisätzigen Fis-Dur-Sonate, deren erster Satz durch eine Gesanglichkeit charakterisiert ist, die später in Etüdenhaftes umschlägt. Dank seiner Fähigkeit, Akkorde genau ausbalancieren zu können, kann Levit auch vokal spielen: wie ein kleiner Chor oder auch solistisch mit Begleitung. Der zweite Satz hat den Charakter des Sturen und Obsessiven. Dass sich Levit beim Vortrag nicht allein auf seine Spontaneität verließ, sondern, um Beethoven authentisch zu spielen, mit der Aufführungspraxis beschäftigt hat, zeigte sich daran, dass er in den Sechzehntel-Läufen die jeweils zweite mittels eines Zweierbogens mit der ersten verbundenen Note stets abreißen ließ, so wie Czerny es von Beethovens eigenem Spiel berichtete. Am Ende schien Levit aber selbst von dem wie abgebrochenen Schluss überrascht worden zu sein. Er schüttelte den Kopf und versprach dem Publikum diese letzten, ihm offenbar missratenen Töne, als Zugabe noch einmal zu spielen.

Mit der 1796/97 komponierten Es-Dur-Sonate wandte er sich Beethovens Frühwerk zu. Zur „Grande Sonate“ wurde Op. 4 unter seinen Händen nicht allein ihres Umfangs wegen, sondern vor allem weil er es verstand, den Gestaltenreichtum des Kopfsatzes zu einem schlüssigen Ganzen zu verbinden. Im Largo setzte er die beredten Pausen im Thema so, dass eine Sarabande hörbar wurde. Sehr überzeugend gelang Levit mit der ihm eigenen Leichtigkeit, das an die Stelle eines Menuetts oder Scherzos als dritter Satz gesetzte Charakterstück. Besonders im Trio verdichtete er die Triolen zu einem Klangrausch, mit dem er aus dem Flügel ein Orchester entstehen ließ. Das Finale nahm er wie einen Opernschluss. Im Zentrum des Ensembles brach ein Wutanfall aus, dessen düstere Wolken Levit aber, nachdem das Refrainthema nach Ces-Dur entrückte, in Vorschlagsnoten aufzulösen wusste.

Die beiden Sonaten Op. 14 wusste Levit klug als ein miteinander zusammenhängendes Werkpaar zu spielen. Im ersten Satz der E-Dur-Sonate arbeitete er sorgfältig nach, wie Beethoven diesen Satz aus Quarten und Tonleitermotiven entfaltete. Den mittleren Satz deutete er als „Geisterstück“ und dämpfte darum mit linkem Pedal die Töne ab. Im Schlussrondo übertrug Levit den Kopfsatz ins Leichte. In der G-Dur-Sonate, die der Pianist als erste aller Beethoven-Sonaten mit 9 Jahren zu spielen gelernt hatte, entfaltete er in seinen beiden Händen einen Parlando-Dialog im ersten Satz. Besonders angetan aber hat ihm seit jeher der zweite Satz, dessen Variationenfolge er als kecken Marsch spielte und mit diebischer Freude sein Publikum mit dem Fortissimo-Schlussakkord unsanft aus seinen Träumen weckte.

Das Konzert beschloss die „Lebewohl”-Sonate. Im Kopfsatz demonstrierte Levit, wie alles aus dem dreitönigen „Le-be-wohl“-Motiv entwickelt ist und traf dann den Charakter eines schmerzvollen Allegros sehr überzeugend. Die „Abwesenheit“ tönte er herb im Klang durch Pedalgebrauch. Dennoch wäre mir die im Satz musikalisierte Isolation deutlicher im Ton hervorzuheben gewesen. Bewundernswert dann, wie Levit im entfesselten „Wiedersehen“ alle Töne förmlich voller Freude vibrieren ließ.

Als Zugabe spielte er tatsächlich zunächst nur für sich, wie er dem Publikum mitteilte, die „missratenen Töne“ von Op. 78, dann aber noch eine für ihn von Malakoff Kowalski komponierte Zustandsbeschreibung. Als er das Stück erhielt, wusste er, dass er es im Anschluss an die „Lebewohl”-Sonate vortragen werde.

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