Das mehrstimmige Europa um das Jahr 1600 steht im Zentrum des diesjährigen Sommerfestivals des AMUZ in Antwerpen, Laus Polyphoniae. Und damit der Eintritt in das 17. Jahrhundert, einem der musikalisch und historisch spannendsten, wenn es nicht überhaupt das interessanteste Zeitalter der Neuzeit ist. Es herrscht Umbruch – und in künstlerischer Welt so eben zugleich Koexistenz wunderbarster Entwicklungen, die heute nach wie vor faszinieren. Auf Noten und Wort bezogen, treten die ersten Opern oder theatralischen Dialoge in neuem Frühbarockstil auf, während die Meister der Spätrenaissance die Kirchen mit den Gipfeln ihrer Kunst füllen.

Zur Eröffnung der Edition in Antwerpens Handelsbeurs, dem weltweit ersten offiziellen Börsengebäude (nach ihrer moderneren Entstehung in Brügge), exaktes Vorbild der vierzig Jahre später errichteten Londoner Stock Exchange, lud sich Laus Polyphoniae erstmals Nigel Shorts Tenebrae Choir ein. Er begeht 25-jähriges Jubiläum und gesellte sich in dieser Periode fest zu der großen Riege an ganz speziell beeindruckender a cappella-Exzellenz Großbritanniens, die der Dirigent als ehemaliges Countertenor-Mitglied der King's Singers zuvor selbst sängerisch bereichert hatte.
Tenebrae brachte – wie historisch selbstverständlich passend, zogen viele Kaufleute der iberischen Halbinsel mit der Handelsbörse seinerzeit in die flämische Stadt – Tomás Luis de Victorias Officium Defunctorum von 1603 mit, bestehend aus Missa pro defunctis à 6 mit dem Begräbnissatz Versa est in luctum und dem Totengebetsresponsorium Libera me, Domine. De Victorias letztes, 1605 veröffentlichtes Werk als kaiserlicher Kapellmeister und Priester, komponiert für die Trauerfeier der Kaiserin-Witwe des Heiligen Römischen Reichs sowie Statthalterin Spaniens und Portugals, Maria; ergänzt um einen Auszug aus dessen Tenebrae Responsoria (Rom, 1585) und die Versa est in luctum-Motette Alonso Lobos zur erzbischöflichen Totenmesse 1598 in Toledo auf König Philipp II. von Spanien, Marias Bruder.

Mit Lobos Motette begann Tenebrae das klangliche Zeremoniell hinter der Bühne, wo der 16-köpfige Chor einen ersten Vorgeschmack auf seine graziös ineinander schmiegende Phrasierung und dabei lichte Artikulation in englisch-italienischer Aussprache sowie feinfühlige Dynamik der mit schmückender Melancholie und erbauender Trostkraft bestellten Musik gab. Jener und jene entfaltete sich nach dem gregorianischen Hymnus-Gang auf das Podest mehr und mehr unter Beibehaltung stilistisch nicht zu extravaganter, sondern von Würde, Andacht, Demut und Anmut durchzogenen Kontrastbeleuchtung in de Victorias fünf gewählten Karresponsorien.
Mit de Victorias Requiem kam schließlich der umhüllende und grundierende Effekt der Sechsstimmigkeit affektbeseelt zum Tragen, indem die zugleich insgesamt etwas fruchtsüßer werdenden beziehungsweise harmonisch effektvollen und flügelhaft-antiphon um die Alt-Bass-Mitte postierten Kehlen der doppelten Tenebrae-Soprane und -Tenöre die gedankliche Pforte zum Himmelreich aufstießen. Beim „Agnus Dei“ mit zunehmend schwebenderer Energie, verflüchtigte sich nach dem balsamisch-schmeichelnden „Communio“ beinahe das sehr schlichte, einfache „Amen“, ehe der Tenebrae Choir de Victorias Versa-Motette in gleichsam elegante, doch intensivere Bahnen lenkte.
Solche, die das Libera me-Responsorium kontrast- und textdramatischer bestimmten und an deren Ende sich ein empathisches „Requiem aeternam“ sowie zärtliches „Kyrie“ zur Grablegung in einer Wolke erlesener Polyphonie für diesen gelungenen Auftakt des Hochamts flämischer und europäischer Vokalfestivals befanden.



















