Trug der Komponist des fernen Klanges auch den Namen Schreker, schrecken musste sich das Publikum angesichts der ersten Premiere in der Saison 2015/16 im Grazer Opernhaus wirklich nicht. Dafür durfte man neugierig sein, war doch Franz Schrekers Oper Der ferne Klang seit der österreichischen Erstaufführung 1924 nicht mehr in Graz zu sehen gewesen. Zunächst höchst erfolgreich, wurde das Werk in der Zeit des Nationalsozialismus als entartet gebrandmarkt und verboten; erst seit einigen Jahren erfahren die Werke des österreichischen Komponisten nun wieder mehr Aufmerksamkeit.

Daniel Kirch (Fritz) und Johanni van Oostrum (Grete) © Werner Kmetitsch | Oper Graz
Daniel Kirch (Fritz) und Johanni van Oostrum (Grete)
© Werner Kmetitsch | Oper Graz

Die mutige Entscheidung von Nora Schmid, ihre Intendanz mit einem selten gespielten Werk und nicht mit einem sicheren Publikumsmagneten zu eröffnen, erwies sich als goldrichtig: Die Geschichte des Komponisten Fritz, der seine Jugendliebe Grete zurücklässt, um den perfekten Klang in der Ferne zu suchen, hat einerseits eine überaus tragische Handlung zu bieten, die mit sozialem Abstieg, unerfüllter Liebe, Missverständnissen zwischen den Charakteren und letztendlich dem Tod des Helden aufwartet. Andererseits sind die Schicksale der Figuren in hypnotische Musik gebettet, deren Verklanglichung bei Dirk Kaftan am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters in besten Händen lag. 

Er verband die verschiedenen Klangstränge zu einem enorm farbenreichen, differenzierten, immer wieder glitzernd-hypnotisch wirkenden Ganzen, das den Zuhörer unweigerlich in seinen Bann zog. Wunderschön melancholisch fielen vor allem immer wieder die Harfen auf, überhaupt schien das gesamte Orchester nicht nur bestens disponiert sondern auch mit besonders viel Enthusiasmus bei der Sache zu sein, sodass eine ganz spezielle Energie förmlich im Raum spürbar wurde. Eindrucksvoll umhüllt von schwebendem Klang wurde man am Beginn des zweiten Akts, als zusätzlich ein Teil des Orchesters von der Galerie aus zu hören war, Musiker auf und hinter der Bühne spielten und der Chor in den Proszeniumslogen sang. Eigentlich wären hier absolut keine Wünsche offen geblieben, hätten nicht die Lautstärke und die Wucht der Musik stellenweise einige der Solisten verschluckt.

Johanni van Oostrum (Grete) und Chor der Oper Graz © Werner Kmetitsch | Oper Graz
Johanni van Oostrum (Grete) und Chor der Oper Graz
© Werner Kmetitsch | Oper Graz

Die einzige, die selbst dann noch mühelos mithielt, wenn Dirk Kaftan das Orchester zu monumental schwelgenden Passagen anhielt, war Johanni van Oostrum als Grete. Mit klarem Sopran kostete sie die gesamte dynamische Bandbreite der Rolle aus und konnte selbst dann noch mit strahlenden, wohlklingenden und völlig unforcierten Höhen beeindrucken, wenn sie sich gegen die Klangwogen aus dem Orchestergraben durchsetzen musste. Gleichzeitig vermittelte sie die Wandlung beziehungsweise. den Abstieg von der unschuldigen Grete über die depressive Edelkurtisane Greta bis hin zur gefallenen Straßendirne mit emotionsgeladener Stimme, einer facettenreichen schauspielerischen Leistung und vollem Einsatz (etwa kopfüber von einer Poledance-Stange hängend!) für die Rolle.

Viel Hingabe legte auch Daniel Kirch in die Gestaltung des Fritz, wobei er es nicht immer leicht hatte. Zunächst schien er sehr nervös und angespannt zu sein, konnte nur wenige Nuancen zeigen, die Stimme wirkte zum Großteil matt. Erst gegen Ende des Abends, und dabei besonders in Fritz’ Sterbeszene, schaffte er es dann, die Verzweiflung und die Sehnsucht der Figur auch stimmlich zu illustrieren. Markus Butter hatte in der Doppelrolle als Dr. Vigelius und Graf besonders als Graf, der um Greta wirbt, starke Momente. Die düstere Erzählung von einer glühenden Krone gestaltete er mit seinem markanten Bariton atmosphärisch dicht, wobei die aristokratische Attitüde seiner Darstellung und sein nobles Timbre dazu beitrugen, dass man wirklich meinte, einen (etwas zwielichtigen) Edelmann vor sich zu sehen und zu hören.

In den unzähligen kleineren Rollen kam praktisch das gesamte Grazer Ensemble zum Einsatz, ebenso konnten der Chor und der Extrachor mit Präzision aufhorchen lassen; Alle gemeinsam fügten sich außerdem zu einem stimmigen, toll harmonierenden und vor allem opulenten Gesamtbild. Im Gegensatz zur überbordenden musikalischen Seite des Abends präsentierte sich die Inszenierung von Florentine Klepper nüchtern. Als wirkungsvoll erwies sich der Kunstgriff, Grete in einigen Szenen zu doppeln. So verdeutlichte die Regisseurin etwa im zweiten Akt Fritz’ Suche nach der Grete, die in seiner Erinnerung präsent ist, während er die in Wirklichkeit vor ihm stehende, nun unter dem Namen Greta auftretende, reale Person nicht einmal erkennt. Das Bühnenbild schien passend dazu weniger realen Raum als das Innenleben, die Einsamkeit und Leere der Protagonisten darzustellen, wodurch wiederum eine Symbiose mit der die Seelenzustände illustrierenden Musik entstand.

Daniel Kirch (Fritz), Johanni van Oostrum (Grete) und Markus Butter (Graf) © Werner Kmetitsch | Oper Graz
Daniel Kirch (Fritz), Johanni van Oostrum (Grete) und Markus Butter (Graf)
© Werner Kmetitsch | Oper Graz

Die optische Reduktion der Inszenierung, eine hervorragende Interpretation der Grete durch Johanni van Oostrum und das im Klang schwelgende Orchester sorgten für die Highlights der Vorstellung, und obwohl an diesem Premierenabend noch nicht alles zu hundert Prozent perfekt war, war es doch ein rundum geglückter Saisonauftakt fernab des Mainstream.