Historisch informierte Aufführungspraxis trifft auf zeitgenössische Klangcluster. So vielfältig wie das Programm agierte auch Omer Meir Wellber bei seinem Gastspiel mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig. Mal dirigierte er im Stehen, mal sitzend vom Cembalo, dann griff er zum Mikrofon, um die Umbaupause mit einer kurzen Werkeinführung zu überbrücken. Statt einer One-Man-Show konnte man allerdings eine Lehrstunde großartigen Musizierens miterleben.

Omer Meir Wellber © Tato Baeza
Omer Meir Wellber
© Tato Baeza

Den Mittelpunkt des Programms bildete die erweiterte Neufassung des dreiteiligen Liederzyklus Alone, I return from the night für Sopran und großes Orchester des israelischen Komponisten Ayal Adler. Vorlage für den Zyklus sind Gedichte des hebräischen Lyrikers David Vogel, der in seinen Gedichten straffen Reimschemen freie Assoziationen vorzieht. Ähnlich sei es auch mit der Musik, erklärte Wellber und warnte vor, dass man eher keine Melodien zum Mitpfeifen nach Hause mitnehmen werde. Gemeinsam mit Sopranistin Hila Baggio tauchte Wellber anschließend in die atmosphärisch dichten, düsteren Klangfarben des Werks ein, das in jedem Satz auf der Suche zu sein schien, sich ärgerlich zu scharfen Klangclustern zusammenbraute und immer wieder von flirrenden Streicherfiguren unterbrochen wurde. Stellenweise mischte sich Metallisches in den ansonsten klaren Klang, der auch besonders von Baggios klarem Sopran, der selbst über das dichte Orchestergeschehen trug, konturiert wurde. Mit dem letzten Satz At the gate of darkness führte Wellber die Philharmoniker an einen tiefschwarzen Abgrund, der so intensiv komponiert ist, dass man kaum frei zu assoziieren braucht.

In klarem Kontrast dazu setzte Wellber Musik von Joseph Hadyn aufs Programm. Die 49. Symphonie „La Passione“ deutete als Auftakt bereits auf die düsteren Klangwelten des Liederzyklus hin. Die Philharmoniker musizierten im Stehen und mit wenig Vibrato. Wellber arbeite dabei mit unglaublicher Präzision die feine Struktur der einzelnen Sätze heraus und gestaltete eine Interpretation der Symphonie, bei der alles passte.

Nach der Pause saß Wellber schließlich am Cembalo und koordinierte Solisten, Chor und Orchester in Haydns Missa in angustiis. Bereits zu Lebzeiten bekam die Messe den Beinamen „Nelsonmesse“, wohl weil sie dem Admiral zu Ehren bei seinem Besuch in Eisenstadt aufgeführt wurde. Ebenso heroisch wie der Namenspate des Werks ging Wellber die Messe an, die mit verwegen flotten Tempi, überraschenden Verlangsamungen und fein ausgearbeiteter Dynamik in ihrer packenden Dramatik in Sphären eines Verdi-Requiems aufstieg. Dabei bewies Wellber, dass auch Musik der Vorklassik in der Münchner Philharmonie gut klingen kann, wenn auch besonders am Cembalo deutlich wird, dass der Gasteig gerne Instrumente verschluckt. Das ist allerdings am heutigen Abend vernachlässigbar, da Wellber und die Philharmoniker mit ihrer leidenschaftlichen Höchstleistung alles vergessen lassen. Überragend agierte allerdings nicht nur das Orchester, sondern auch der Philharmonische Chor, der homogen und kraftvoll das Geschehen bestimmte. Beim luxuriös besetzten Solistenquartett stachen besonders Sopranistin Camilla Tilling mit ihren messerscharfen Koloraturen und Bass Ain Anger mit seiner lyrischen Qualität im Gloria hervor. Mezzo Katija Dragojevic und Tenor Martin Mitterrutzner überzeugten in den Ensemblepassagen ebenfalls. So gelang Wellber ein spektakuläres Programm zwischen Altem und Neuem und musikalischen Eindrücken von magischem Seltenheitswert.

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