Im Rahmen des Festivals „Into Iceland“ öffnete die Hamburger Elbphilharmonie am zuletzt ihre Tore für die Musiklandschaft Islands. Wenngleich dieses Land nur rund 320.000 Einwohner zählt, hat sich hier in der jüngeren Vergangenheit eine bemerkenswerte Musikkultur entwickelt. Ikonen ihres Fachs wie Björk repräsentieren die facettenreiche Pop- bzw. Rockszene Islands, doch mittlerweile ziehen auch die Kollegen aus der klassischen Musik nach. Grund genug also, im Rahmen des Festivals auch ein Symphoniekonzert aufs Programm zu setzen, das nicht nur zwei isländische Komponisten, sondern auch einen Landsmann am Klavier ins Zentrum des Geschehens stellt.

Esa-Pekka Salonen © Benjamin Suomela
Esa-Pekka Salonen
© Benjamin Suomela

Einzig auf einen isländischen Dirigenten musste das NDR Elbphilharmonie Orcheste verzichten, hatte sich aber mit Esa-Pekka Salonen einen alten Bekannten als zumindest auch aus Europas Norden stammende Alternative eingeladen. Und dank seiner langjährigen Tätigkeit beim Los Angeles Philharmonic Orchestra sollte sich Salonen im Laufe des Konzerts auch deshalb als gute Wahl erweisen, weil er mit den akustischen Möglichkeiten des Großen Saals der Elbphilharmonie – die den Verhältnissen in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles ausgesprochen ähneln – hervorragend umzugehen verstand.

Das Konzert am vergangenen Freitag begann dennoch mit einem wenig isländischen Werk aus der Feder des Amerikaners Charles Ives: The Unanswered Question wartet bekanntlich mit einer regelrecht bescheidenen Besetzung aus Streichern, solistischer Trompete und vier Holzbläsern auf. Dass die drei Orchestergruppen laut Partitur räumlich getrennt voneinander aufgestellt werden sollen führte dazu, dass Streicher und Trompete unsichtbar aus dem Off spielten, während die vier Holzbläser auf der Bühne im ansonsten abgedunkelten Saal Platz nahmen. Trotz anhaltender Unruhe im Publikum während dieses Stücks gelang es Salonen, einen intensiven Austausch zwischen den drei Musikergruppen zu etablieren, obwohl sich diese eigentlich völlig unabhängig voneinander die Bälle zuzuspielen scheinen. Mit großer Klarheit intonierte vor allem das vierköpfige Holzbläserensemble, das in einem wilden Geplapper die von der Trompete in den Raum gestellten Fragen zu beantworten versucht. Der als Basis von den Streichern gelegte Choral war als rahmengebendes Fundament, dabei zugleich zart und dezent interpretiert. Ein passender Ohrenöffner für die folgenden, unbekannten Werke.

Anna ThorvaldsdóttirAeriality ist eine faszinierend anzuhörende Komposition, die den Raum zwischen bloßem Geräusch und zu Musik geordneten Klängen auslotet. Eine direkte Vermittlung zwischen beidem scheint in Thorvaldsdottirs Komposition nicht möglich zu sein. Es ist denn auch keinerlei Melodie, die sich anfänglich in Aeriality etabliert, sondern schlichte Klanglichkeit: dort knarzt und knackt ein Pizzicato, hier klappert und scheppert das Schlagwerk am äußersten Rand der Hörbarkeit, dann fiepen und rauschen in minutiös austarierter Schichtung die Bläser, sodass sich ein quasi in Töne umgedeuteter Lufthauch etabliert. In großer Düsterkeit scheinen sich gewaltige Prozesse zu vollziehen, die unmittelbar an die in Island so präsenten Naturgewalten angelehnt sein mögen. Es vergehen rund zehn Minuten, ehe sich aus diesen Klanggewalten plötzlich so etwas wie Musik im konventionellen Sinne herausschält und von den Streichern für einige Augenblicke eine harmonische Melodie intoniert wird. Der so unmittelbar spürbaren Spannung in Aeriality zeigte sich das NDR Elbphilharmonie Orchester gut gewachsen und bestach mit feinem Streicherklang ebenso wie mit flirrenden Holzbläsern und sonor in der Tiefe verankertem Blech.

Víkingur Ólafsson © Ari Magg
Víkingur Ólafsson
© Ari Magg
Einen Gegenentwurf zur Erkundung zwischen Geräusch und Musik zeigte sich in der folgenden Uraufführung, Haukur Tómasson Zweitem Klavierkonzert. Am Klavier gab der gefeierte Shootingstar Víkingur Ólafsson sein Debüt beim NDR und brillierte mit seinem sensiblen und zugleich äußerst virtuosen Spiel. Tómasson integriert häufig Elemente der isländischen Volksmusik in seine Kompositionen und gerade der Beginn des Klavierkonzerts besticht durch seine große Schlichtheit, die bald von Virtuosität und einem immensen Schwierigkeitsgrad abgelöst wird. Hellwach präsentierte sich hier das NDR Elbphilharmonie Orchester als ein idealer Partner für den in Perfektion aufspielenden Víkingur Ólafsson. Salonen zeigte sich dabei in jeder Sekunde als der Partitur völlig gewachsen und behielt die ihm so eigene ruhige Präsenz. Hier zeigte sich auch nachdrücklich, wie gut die zeitgenössische Musik in der neuen Elbphilharmonie aufgehoben ist: Jede noch so kleine Nuance von Tómassons feingliedriger Komposition war zu hören.

Dass er sich gerade aber auch meisterlich darauf versteht, die Akustik eines Raumes auszuloten, zeigte Esa-Pekka Salonen schließlich in der zweiten Konzerthälfte, die mit Strawinskys Ballettmusik zu Der Feuervogel zurück auf etablierteres Terrain führte. Bestechend, wie sich hier das Blech an den lauten Stellen präsentierte und in der feinen Klanglichkeit des Saals im Finale einen regelrechten Freudentaumel erklingen ließ, ohne dabei zu vordergründig aufzuspielen.

Salonen modellierte mit all seiner Erfahrung dabei gerade am Ende einen saftigen, erdigen Klang, der seinesgleichen suchte, während er in er glasklaren Akustik an den leiseren Stellen bereitwillig Raum für den flirrenden Streicherklang oder die kreisende Melodik in den tiefen Holzbläsern ließ. Einzig die erzählerische Tiefe und Dichte, die bei einem Werk der Programmmusik wünschenswert gewesen wäre, fehlte in den lyrischen Passagen etwas. Mag es der immensen Anzahl an Konzerten geschuldet sein, die das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Anfangszeit im neuen Haus auf dem Programm hat – dennoch verschenkten die Musiker hier ein wenig in einem ansonsten spannungsreichen und entdeckerfreudigen Konzert.