Es gibt sie also noch, die Konzertprogramme, die nicht mit den ewig gleichen Klassikern aufwarten und dennoch ein großes Publikum zu faszinieren vermögen. Demonstriert hat es das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung seines Musikdirektors Paavo Järvi. Angekündigt waren drei Kompositionen aus dem frühen 20. Jahrhundert, die nicht zum Kernrepertoire gehören, die aber in ihrem unterschiedlichen Charakter ein facettenreiches Bild jener Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ergaben: Als Ouvertüre fungierte die von Václav Talich zusammengestellte Suite Das schlaue Füchslein nach Janáčeks gleichnamiger Oper aus dem Jahr 1924. Danach folgte das 1925 vollendete Klavierkonzert von Gershwin, und zum Schluss erklang die Fünfte Symphonie von Sibelius in der Fassung von 1919.

Klangsinnlicher Janáček: Man braucht den Inhalt der Oper Das schlaue Füchslein nicht zu kennen, um sich dem Zauber der daraus abgeleiteten Suite hingeben zu können. Mit einer großen Orchesterbesetzung zaubert der Komponist eine assoziationsreiche Welt hervor, die den Kontrast zwischen Natur und Zivilisation darstellt. Järvi nutzt das Instrumentarium, bei dem unter anderem Harfe, Celesta und Carillon vorkommen, zu einer farbenfrohen und poetischen Interpretation. Und auch der vorwiegend zärtliche Charakter der Komposition ist bei ihm bestens aufgehoben.
Jazz-inspirierter Gershwin: Mit dem Auftritt der Pianistin Hélène Grimaud in George Gershwins Concerto in F wechselt die Szenerie von Mähren an den New Yorker Broadway. Dass die berühmte Pianistin gerade dieses Werk nach Zürich bringt, mag auf den ersten Blick erstaunen. Wenn man jedoch bedenkt, dass Grimaud dieses Konzert schon vor neunzehn Jahren in Baltimore unter der Leitung von David Zinman eingespielt hat, der in jener Zeit Chefdirigent des Tonhalle-Orchester war, bekommt das einen besonderen Reiz. Banaler ist die Tatsache, dass Grimaud zurzeit mit dem Gershwin-Konzert durch ganz Europa tourt.
Das Werk bildet stilistisch eine Synthese aus Jazzelementen und klassischer Symphonik. Je nach Temperament kann ein Interpret mehr die eine oder die andere Seite betonen. Bei Järvi und Grimaud ist der Fall klar: Beide stehen eindeutig auf der Seite des Klassischen. Im ersten Satz gestaltet die Solistin ihren Part sehr gepflegt, könnte ihn aber durchaus noch frecher angehen. In der ausgedehnten Orchestereinleitung des langsamen Satzes spielen die Holzbläser ihre Glissandi etwas akademisch. Hinreißend gerät der dritte Satz, das Allegro agitato. Mit den rasend schnellen Tonrepetitionen ihres Themas läuft die Pianistin zur Höchstform auf, und das Tonhalle-Orchester lässt sich von ihrem Schwung hör- und sichtbar mitreißen.
Melancholischer Sibelius: Zum Schluss des Abends wendet sich der imaginäre Blick nach Finnland. Jean Sibelius‘ Symphonie Nr. 5 in Es-Dur, Op.82 gehört nicht zu den populärsten des Meisters. Sie sei „ein Werk für Kenner“, sagt Järvi. Tatsache ist, dass Sibelius drei Fassungen komponieren musste, bis er mit dem Resultat endlich zufrieden war, und dass die Symphonie sich vom herkömmlichen Gattungsmodell weit entfernt. Wie dem auch sei, unter Järvis Stabführung gelingt dem Tonhalle-Orchester eine zu Herzen gehende Deutung. War dem Dirigenten bei Gershwin eine gewisse mentale Distanz anzumerken, so bewegt sich der aus Estland stammende Järvi mit Sibelius in seiner ureigenen Domäne. Auswendig dirigierend, bringt er das von Schwermut, Nostalgie und hymnischem Aufschwung geprägte Werk in authentischer Weise zum Klingen.
Alles in allem wahrlich ein facettenreiches Programm jenseits der ausgetretenen Pfade. Quod erat demonstrandum.

















