Bereits die ersten Takte des Vorspiels erzählen, wovon diese Oper handelt: eine lang gezogene Dreiviertel-Note gebunden an zwei kurze Achtel, auf- und absteigend in Moll mehrfach wiederholt, bis die Phrase plötzlich abbricht und nach einer Generalpause neu anhebt - ein musikalisches Fluchtmotiv, das zum Begleiter der jungen Frau wird, der Titelheldin Luisa Miller, die wie ein unschuldiges Reh gehetzt und am Schluss gemeuchelt wird.

Luisas Geburtstagsfeier © A. T. Schaefer
Luisas Geburtstagsfeier
© A. T. Schaefer

Bevor sich überhaupt die Bühne öffnete, machte das Stuttgarter Staatsorchester dies eindrücklich deutlich: Unter der Leitung  von Marco Comin ließ schon der betont gehetzte Ausdruck der einleitenden Sinfonia erahnen, welch dramatischer Sog sich im weiteren Verlauf entwickeln wird. Dieser Rolle als dramatischer Spielmacher dieser Aufführung blieb das Orchester den ganzen Abend über treu. 

Die Inszenierung lässt der Dominanz der Musik den ihr zustehenden Raum. Sie nimmt sich visuell zurück, verzichtet in einem minimalistisch gehaltenen Bühnenbild auf  übermäßigen Aktionismus, verdeutlicht aber durch gezielt gesetzte Symbolik immer wieder handlungsbestimmende Motive. Wenn in der ersten Szene Luisas Geburtstag gefeiert wird und die Dorfmädchen mit roten Rosen gratulieren, verweisen zwei der Choristinnen bereits mit einer Totenkopfkrone auf das tragische Ende.

Denn der Mann, den  Luisa Miller hier noch sehnlichst als ihren Geliebten erwartet, wird sie am Schluss aus blinder Eifersucht töten. Man kann derartige Hinweise bisweilen als etwas zu platt empfinden wie das erlegte Reh, das in Übergröße auf die Hinterwand projiziert wird oder die Rückerinnerung Luisas an ihre ersten Begegnung mit Rodolfo als weich gezeichnete Videosequenz; sie geben aber in der kargen Szenerie immerhin einen bildlichen Background.

Evez Abdulla (Miller), Dmytro Popov (Rodolfo) und Adina Aaron (Luisa) © A. T. Schaefer
Evez Abdulla (Miller), Dmytro Popov (Rodolfo) und Adina Aaron (Luisa)
© A. T. Schaefer
In derart stilisierter Bühnenumgebung hat die Regie von Markus Dietz der Personenführung große Aufmerksamkeit geschenkt. Die Charaktere werden präzise gezeichnet und wurden durch die Besetzung der Wiederaufnahme auch eindrucksvoll dargestellt. Die  Afroamerikanerin Adina Aaron ließ als Luisa die tragische Fallhöhe dieser Figur von der Unbefangenheit der ersten Liebe bis hin zur tiefen Verzweiflung über die schändliche Intrige intensiv spüren. Ihre wandlungsfähige Stimme ließ im Glückstaumel des ersten Akts die Koloraturen brillant perlen, tief berührend gestaltete sie das Lamento im Augenblick tiefster Todessehnsucht im dritten Akt. Als musikalischer Seelenspiegel Luisas kommt in der Oper an prominenten Stellen die Klarinette solistisch zu Wort, was an diesem Abend stets ein besonderer instrumentaler Glanzpunkt war, im Ensemble allerdings eines insgesamt ganz hervorragend spielenden Orchesters.

Als Rodolfo stellte der südamerikanische Tenor Gaston Rivero jenen Typ eines selbstbezogenen und larmoyanten Liebhabers dar, der diese Figur in der Opernfassung mehr ist als der idealistisch überschwängliche Ferdinand in Schillers Drama (derselben Figur, deren Namen aus Gründen der Zensur von Verdis Librettisten geändert werden musste). Breitbeinig auftretend und in den Gefühlen immer irgendwie unecht wirkend hat er sich unter falschem Namen zuerst die Liebe Luisas erschlichen, lässt sich dann abgeschirmt von Bodyguards verspätet auf ihren Geburtstag sehen.

Er zeigt sich den eindeutigen Avancen der Herzogin Federica d’Ostheim durchaus aufgeschlossen, die sein Vater, der Graf von Walter, eigentlich für ihn bestimmt hat und rastet schließlich völlig aus, als er aus dem Luisa abgepressten Brief entnimmt, dass sie angeblich nicht ihn, sondern den Höfling Wurm liebt. Von rasender Wut verblendet zieht er am Schluss die unschuldige Luisa mit in den Tod – ein unsympathischer Vertreter mehr unter den Tenorrollen Verdis. Leider bot Rivero für diese Rolle hauptsächlich viel Metall in der Stimme, dafür umso weniger Farbe an.

Dmytro Popov (Rodolfo) und Adina Aaron (Luisa) © A. T. Schaefer
Dmytro Popov (Rodolfo) und Adina Aaron (Luisa)
© A. T. Schaefer
Eine mehr oder minder ebenso verhängnisvolle Rolle spielen in dieser Oper zwei Väterfiguren: Der Conte di Walter, der seinen Sohn Rodolfo nicht nur standesgemäß, sondern auch gezielt machtpolitisch verheiraten will, und Luisas Vater, dem sie in Tochterliebe so eng verbunden ist, dass sie durch sein Schicksal, seine Verhaftung, erpressbar wird. Um den Vater zu befreien, schreibt sie schließlich den Brief, der zugleich ihr Todesurteil bedeutet. Die Szene zwischen Tochter und Vater im letzten Akt wurde in der Gestaltung durch die hoch emotional singende Adina Aaron und die warme, empathische Stimme Evez Abdullas zu einem der Höhepunkte des Abends. Adam Palka dagegen als Graf von Walter stellte dessen verbissenen Ehrgeiz mit bellendem Bass ein wenig zu plakativ zur Schau.

Ebenfalls dramatischer Höhepunkt war die Szene, in der Wurm Luisa zu dem Brief zwingt, der ihr Verhängnis wird, weil sie sich an den Eid gebunden fühlt, ihn als freiwillig verfasst zu erklären. Im Hintergrund wird der Text Zug um Zug in großer Projektion an der Wand sichtbar. Dies ist der große Moment, in dem Wurm seine teuflische Macht ausspielt und Attila Jun, großartiger Darsteller und machtvoller Bass, langjähriges Mitglied des Stuttgarter Ensembles, war auch hier wieder ein überragender Rollengestalter.

Zum starken Eindruck dieser Aufführung trug in der kleinen Rolle der Frederica d’Ostheim die Mezzosopranistin Ramona Zaharia bei, die in den Momenten ihres Auftretens in Statur und Stimme gleichermaßen starkes Charisma ausstrahlte. Auch der Stuttgarter Opernchor, hier wie in einer antiken Tragödie als Kollektiv geführt, war vokal einer der großen Pluspunkte. 

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