Es gibt immer wieder außergewöhnliche Plätze, an denen klassische Konzerte veranstaltet werden. Mit vier Veranstaltungen im Kesselhaus der Kulturbrauerei präsentiert sich „Klassik im Kessel“, eine neue Reihe des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin für Kammermusik. Die Kulturbrauerei, ein ehemaliges Brauereigelände in Berlin-Prenzlauer Berg, ist normalerweise ein beliebter Platz für verschiedenste Nachtaktivitäten wie Theater, Konzerte, Tanzen, Trinken. Am 15. Mai fand dort das letzte Konzert in der Reihe „Klassik im Kessel“ statt, bei dem Mitglieder des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin Neue Musik für Tuba vorstellten.

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin © Kai Bienert
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
© Kai Bienert

Das Stammpublikum des Orchesters ist nicht unbedingt ein guter Freund der Neuen Musik. Allerdings sind einige dennoch bereit, sich auf einen Abend mit moderner, atonaler Musik einzulassen. Volker Wieprecht, ausgezeichnet mit dem Deutschen Radiopreis als „Bester Moderator“, führte das Publikum sympathisch mit seinen Ansagen durch den Konzertabend. Nur er kann so frech fragen, ob man sich beim Hören der Musik berührt fühlt oder dabei fast einschläft. Doch diese Frage entspannte die Zuhörer sichtlich und öffnete für sie die Tür zur Neuen Musik.

Der Tubist Georg Schwark spielte eine Kernrolle im ersten Teil des Konzerts. Normalerweise sieht man eine Tuba hinten rechts im Orchester, wenn sie überhaupt gebraucht wird. Diesmal ist die Tuba in der Mitte der Bühne zu sehen und fungiert als leitendes Instrument, was schon selten für ein übliches Konzerterlebnis ist. Mit Morton Feldmanns Durations III für Tuba, Violine und Klavier beginnt das Konzert unberührt, teils meditativ. Satzbezeichnungen „langsam – sehr langsam – langsam – schnell“ zeigen sich in den Tempowechseln, sind aber nur schwer erkennbar.

Bei Luigi Nonos Post-prae-ludium per Donau für Tuba und Live-Elektronik gibt es einige spieltechnische Überforderungen an den Tubisten. Man hörte ausgewöhnliche hohe Töne, die, vom gängigen Ambitus der Tuba ausgehend, kaum zu glauben sind. Gleichzeitig bearbeitete der Elektroniker Andre Bartetzki dabei die in Echtzeit live aufgenommenen Klänge der Tuba und spielte sie dann entsprechend der ausgeschriebenen Partitur wieder ab. Die Tuba spielte quasi mit Eigenbegleitung. Man hört sie z. B. mehrstimmig im Saal, obwohl nur eine einstimmig gespielte Tuba auf der Bühne zu sehen war. Dieses Erlebnis verzauberte und begeisterte das Publikum.

Dona nobis pacem – Komposition Nr. 1 für Piccoloflöte, Tuba und Klavier von der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja weist der Tuba abermals eine Schlüsselrolle zu. Sie stellt das Hauptmotiv kräftig und eindrucksvoll vor, dann folgt der Piccoloflötist Markus Schreiter, hysterisch piepend, und die Pianistin Anja Götze, gewaltsam Tasten anschlagend. Die drei Instrumentalisten erreichen mit dem Stück einen musikalischen Höhepunkt. 

Im zweiten Teil des Konzerts gab es mit Richard Strauss' Metamorphose als letztes Stück einen Auflösungseffekt. Man verabschiedete sich schließlich von dem Hörerlebnis der Neuen Musik und kam nochmal in den musikalischen Alltag zurück. Dabei stellte das Rundfunk-Sinfonieorchester die Urfassung dieser Komposition für sieben Solostreicher vor. Die Metamorphose ist eine Form der Variation, die auf dem konventionellen Satzbau der Musik basiert. Eine musikalische Analogie besteht angeblich zwischen dem Hauptmotiv dieser Musik und dem Trauermarsch aus der dritten Symphonie Beethovens. Das Motiv wird von Musiker zu Musiker übernommen, jedes Timbre harmonisiert mit den anderen und schließt das Stück angenehm harmonisch ab.

Mit Strauss’ Metamorphose ist das Konzert allerdings nicht zum Ende, denn den Ausklang des Abends bietet DJ Bobby Soulo. Nicht nur Zuhörer, sondern auch Musiker genießen einen Nachklang der Konzertstimmung mit einem Bier am selben Ort. Dabei ergibt sich eine Gemeinsamkeit von Musikern und Zuhörern. Das ist etwas, das so nur im Kesselhaus zu erfahren ist.