Die Mannheimer Philharmoniker sind ein junges Orchester, das sich der Nachwuchsförderung verschrieben hat und ausschließlich aus Musikstudenten besteht. Sie eröffneten den Abend mit Mozart Ouvertüre zu Don Giovanni . Etwas unpräzise artikuliert waren die Läufe der Violinen und Flöten, die in den beschwingten Hauptteil der Ouvertüre überleiteten; hier aber arbeitete das Orchester gelungen die stetigen Kontrastwirkungen zwischen filigranen Läufen und den immer präsenten mahnenden Orchesterschlägen gelungen heraus, die die Hauptfigur, Don Giovanni, die sich zwischen Komik und Tragik bewegt, nachzeichnen.

Mannheimer Philharmoniker © Hagen Orgus | Mannheimer Philharmoniker
Mannheimer Philharmoniker
© Hagen Orgus | Mannheimer Philharmoniker

Dass sie zu überaus präzisem Spiel fähig sind, zeigten die Mannheimer Philharmoniker auch mit einer überzeugenden Interpretation von Beethovens Vierter Symphonie, die das Konzert beschloss; besonders in den sauber artikulierten, beschwingten Figurationen des ersten Satzes und ihrer differenzierten Ausarbeitung der dynamischen Kontraste zwischen der düsteren langsamen Satzeröffnung und dem nach vorne preschenden Allegro vivace. Auch den ruhigen Charakter des zweiten Satzes fing das Orchester gekonnt ein. Die einzelnen Instrumentengruppen warfen sich die helleren, immer wieder auftretenden kleinen Melodiebögen präzise zu. Lediglich die metrischen Verschiebungen des dritten Satzes – eines Menuettes mit scherzohaften Zügen – stellten das Orchester vor eine hörbare Herausforderung. Umso überzeugender war schließlich der überschwängliche Finalsatz, dessen schnelle Läufe wunderbar perlend durch die einzelnen Stimmgruppen wanderten. Diese mündeten in die ungewöhnliche Schlussbildung, deren gewitztes Changieren von Generalpausen und Läufen das Orchester meisterhaft vermittelte.

Das Kernstück des Konzertabends jedoch bildete das Violinkonzert von Johannes Brahms , und schon in der Vorstellung des ersten Themas im Orchester überraschten Streicher und Holzbläser durch die herbe Klangschattierung, die sie dem eigentlich lyrischen Hauptthema verliehen. Erst Oboe und Flöte färbten diese in Dreiklangsbrechungen fortschreitende Melodik lieblich ein. Sie weitete sich alsdann über das gesamte Orchester aus, um nochmals im Fortissimo hart hervorzubrechen. Weniger gut wahrnehmbar war durch die barsceh Interpretation des ersten, wogenden Themas der Kontrast zum Seitenthema, von dem man erwarten würde, dass es sich durch seine prägnanten Punktierungen absetzt . Nichtsdestotrotz gelang es dem Orchester durch ein geschicktes Ritardando und eine Steigerung, spannungsvoll den Einsatz des Solisten Michael Barenboim vorzubereiten.

Michael Barenboim © Janina Escher
Michael Barenboim
© Janina Escher
Schon mit dessen ersten Klängen wurde ersichtlich, woher die Motivation für diese ungewöhnliche Interpretation des ersten Themas stammte: Michael Barenboim artikulierte die Motivik des Hauptthemas hart und mit beißendem Klang und bewies in den anspruchsvollen Doppelgriffpassagen und Läufen sein technisches Können. Auch im weiteren Verlauf dieses Satzes, den Brahms komplett aus der Motivik seiner beiden Themen ableitet, zeigte sich Barenboim wenig lyrisch. Er verdeutlichte die Dramatik des Satzes und nahm von dem romantisch verklärten Gestus vieler Interpreten Abstand.

Durch den stets hohen Druck auf den Bogen und gelegentliche Unreinheiten in den Doppelgriffen und Figurationen blieb der Violinklang jedoch immer streng und wenig strahlend. Der Grundgedanke, die Dramatik dieses musikalisch kontrastreichen Satzes zu akzentuieren, ist ungewöhnlich und zeugt von dem Versuch einer genuinen Interpretation. Zugleich aber überging diese Interpretation die ebenso vorhandenen lyrisch-sanften Elemente und schränkte die Bandbreite möglicher Kontraste dadurch ein.

Diese Tendenz setzte sich auch im folgenden, lyrischen zweiten Satz fort. Die Oboe stellte das Thema dieses Satzes vor, formte es in sanftem, reinem Ton und arbeitete die dynamischen Nuancen differenziert aus. Barenboim beantwortete dieses Thema in dramatischem, zunächst dennoch weichem Tonfall, zunehmend aber verfiel er zurück in seinen harten Gestus und nahm damit diesem Satz seinen ruhigen Glanz. Sehr viel eher kamen Barenboims Stil die ungarisch anmutenden Rhythmen des dritten Satzes entgegen. Er verlieh dem verspielt-tänzerischen Rondo einen folkloristischen Gestus, den das Orchester übernahm, ohne dabei die stilistische Prägnanz Barenboims zu erreichen. In diesem Satz brillierte Barenboim in den hochvirtuosen Figurationen und den zahlreichen Doppelgriffpassagen. Er traf den Ton dieses Satzes auf den Punkt und zeigte sich als ausgezeichneter Geiger.

Barenboims Interpretation dieses Violinkonzerts war ungewöhnlich und interessant, sie berührte jedoch nicht. Die klangliche Härte warf einen beinahe nüchtern-verfremdenden Blick auf dieses so gefühlvolle Violinkonzert, sie zeigte aber zugleich die Ambition und Suche eines jungen Geigers nach einer eigenständigen Interpretation.

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