Ich gebe es ja zu: die Bilder – und mit ihnen die Musik – aus dem Monteverdi-Zyklus mit Harnoncourt/Ponnelle im Opernhaus Zürich aus den späten 70er-Jahren wollen nicht aus meinem Kopf. Dieses Erleben wirkt so stark nach, ist noch immer derart prägend, dass es mich über alle diese Jahre davon abgehalten hat Monteverdi-Opern, selbst Harnoncourts spätere Aufführungen in Zürich, zu besuchen, aus Furcht vor Enttäuschung. Jetzt habe ich den Schritt dennoch gewagt, weil in Luzern eine halb-szenische Aufführung von L'Orfeo angekündigt war, womit die indirekte Konkurrenz zu Ponnelles Inszenierung entfällt und ich mich auf die Musik würde konzentrieren können. Zudem vertraute ich auf Gardiners Erfahrung im Umgang mit Musik aus der Zeit Monteverdis.

<i>L'Orfeo</i> beim Lucerne Festival © Peter Fischli | Lucerne Festival
L'Orfeo beim Lucerne Festival
© Peter Fischli | Lucerne Festival

Sir John Eliot Gardiner hatte das Orchester, die English Baroque Soloists, geteilt aufgestellt: links die Violinen und Violen, Harfe, Truhenorgel/Regal, Continuo mit Cembalo; rechts das Bass- und Bläser-Segment, ein Continuo mit Theorben, Cembalo und Orgelpositiv. Zumindest aus dem hinteren Teil des Parketts fehlte eine offensichtliche Zuordnung der beiden räumlich knapp getrennten Continuogruppen, außer dass meist die Orgel zum Einsatz kam, während das Regal mit spezifischen Figuren wie Caronte assoziierte. Der Chor befand sich in der Regel am hinteren Rand des treppenartig ansteigenden Podiums, Chor und Solo-Sänger bewegten sich aber auch seitlich und im Zentrum an den vorderen Bühnenrand, gelegentlich auch mit dem Orchester interagierend.

Zu Beginn intonierten auf der Podiumsgalerie Barockposaunen und Zinken die Toccata (Gonzaga-Fanfare), später diente die Galerie gelegentlich als Plattform für die himmlische Sphäre der Handlung. Lichtregie (Rick Fisher) und Farben belebten die Szenerie optisch, lenkten gelegentlich den Blick an den Ort des angedeuteten Geschehens – ein gelungenes Konzept, auch wenn beim zentralen „Bruch“, dem Blick zurück, der Lichtstrahl Verspätung hatte. Die Regie lag in den Händen des Dirigenten und von Elsa Rooke. Die Kostüme waren schlicht und zeitlos gehalten, von Weiß über Beigetöne zu Schwarz, mit Ausnahme der dunkelrot gekleideten Messaggiera.

Der Prolog und die fünf Akte wurden als durchgehende Handlung inszeniert und ohne Pause gespielt. Einziges Requisit: die kleine Barockharfe, von La Musica (Hana Blažiková, später auch als Euridice auftretend) im Prologo spärlich gezupft, wozu die Sängerin hinknien musste. Da das Instrument für den Saal ohnehin zu klein und kaum zu hören war, hätte sie das Harfenspiel getrost der „richtigen“ Harfe überlassen können.

Die wenigen Chornummern des Werkes gestalteten sich zu musikalischen Höhepunkten des Abends. Die Sänger des Monteverdi Choir bewiesen Agilität, Präzision, ausgezeichnete Diktion, produzierten vor allem einen bewundernswerten Chorklang, der den Saal problemlos füllte. Das Ensemble trug auch die Funktion der Hirten, der Freunde und Gespielinnen der beiden Protagonisten, illustrierte die zentrale Handlung. Tanzszenen im ersten Akt wurden dabei von synkopiertem Klatschen und Stampfen untermalt – für mein Befinden etwas zu sehr auf den heutigen Publikumsgeschmack abzielend (es fühlte sich teilweise an, als sollte das Publikum zum Mitklatschen animiert werden).

Generell schien mir Gardiners Fokus nicht auf Dramatik gerichtet, sondern eher auf die sanften Zwischentöne, das Leise, die innere Tragik. Das zeigte sich schon im eigentümlich langsamen, verhaltenen Ritornello des Prologs, wiewohl La Musica dazwischen mit ihrer leuchtenden, tragfähigen Stimme einen Kontrast setzte. Rasche Tempi waren fast ausschließlich dem Chor vorbehalten.

Mir gefiel die Stimme der Messaggiera (Lucile Richardot). Es war eine gelungene Idee, ihre Unglücksankündigung in der Ferne, im ppp, beginnen und danach erst allmählich zur Gewissheit werden zu lassen, statt mit der Nachricht als Schock hereinzuplatzen.

Bei den Männerstimmen übertraf der Bass Gianluca Buratto als Caronte und Plutone alle anderen an Präsenz und Volumen. Das stimmliche Niveau bei den Solisten war durchweg ausgezeichnet, wobei auch hier oft mit moderatem Volumen gesungen wurde. Das betraf vor allem Krystian Adam als Orfeo, der über weite Strecken im Piano, wenn nicht gar sotto voce, sang (gerade im zentralen Lamento) und kaum je seine Stimme zu einem Volumen erhob, welches der Rolle das ihr zustehende Gewicht verliehen hätte. Tragik kann sich doch durchaus auch lautstark äußern? Anderseits war Adams Expressivität, die Ausführung der barocken Melismen beeindruckend, auch im Leisen, Verhaltenen, vor allem wenn er Caronte mit seinem Gesang verzauberte.

Allgemein war mir das Continuo zu füllig. Es tendierte zu Legato, wie um ein konstantes Bass-Fundament erzeugen zu wollen. Damit ging einiges an Durchsichtigkeit verloren, es stellte sich eine gewisse klangliche Monotonie ein. Die Stimme des Orfeo verlor dadurch leider noch mehr Gewicht. Zudem schien das permanente Fundament, die vielleicht etwas reichliche Harmonisierung der Basslinie den Effekt der schneidenden Dissonanzen zu mildern, welche Monteverdi als Ausdruck extremen Schmerzes verwendet, die Gardiner aber auch dynamisch herauszustellen vermied.

Die Aufführung kam in Luzern gut beim Publikum an, mir persönlich aber war sie etwas zu sehr auf Wohlklang ausgerichtet. Radikalität kann man Gardiner jedenfalls nicht nachsagen.