Früher war nicht alles besser, aber zumindest waren manche Dinge doch um einiges stilvoller. Streamt man heute die Lieblingsmusik mit einem Klick, war der Musikgenuss im ausgehenden 18. Jahrhundert noch live und analog. Um 1770 entstand die Tradition der Harmoniemusik, die sich besonders bei Gesellschaftsanlässen in den Wiener Adelshäusern, aber auch im öffentlichen Raum, großer Beliebtheit erfreute. Meist wurden die Buffo-Opern-Hits für diese Zwecke bearbeitet; die übliche Besetzung war ein Bläseroktett bestehend aus je zwei Oboen, Klarinetten, Hörnern und Fagotte. Ein solches Bläseroktett bildeten acht Mitglieder des Ensemble Zefiro bei diesem vormittäglichen Konzert der Styriarte im Grazer Schloss Eggenberg. Gespielt wurde auf historischen Instrumenten, was einerseits natürlich die historische Authentizität gewährleistete, andererseits aber für das moderne Ohr doch einige Abstriche hinsichtlich der Üppigkeit, besonders bei den Klarinetten, und der Sauberkeit – naturgemäß vor allem beim Horn zu bemerken – des Tons bedeutete.

Ensemble Zefiro © Werner Kmetitsch
Ensemble Zefiro
© Werner Kmetitsch

Mit Franz Krommers Partita in F stand zunächst ein Stück auf dem Programm, das keine Bearbeitung eines Werkes ist, sondern tatsächlich für Harmoniemusik komponiert wurde und sich im Wien des frühen 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute. Mit militärischem Eifer stürzte sich das Ensemble Zefiro in den burschikos-marschierenden ersten Satz, der sogleich klar machte, warum dieses Werk bei Militärkapellen der damaligen Zeit ein Hit war. Im Adagio war es Paolo Grazzi, der mit seiner Oboe elegische Klangfäden spann und die trauernde Grundstimmung wunderbar auskostete, bevor in der abschließenden Polacca wieder flottere Töne angestimmt wurden, die eine elegante Wiener Tanzgesellschaft vor den Ohren der Zuhörer auferstehen ließen. In einer Bearbeitung von Josef Triebensee erklang im Anschluss die Harmoniemusik zu Wolfgang Amadeus Mozarts Oper La clemenza di Tito. Dass die Wahl ausgerechnet auf dieses Werk fiel, kann durchaus als ungewöhnlich bezeichnet werden, waren doch komische Opern als Harmoniemusik weitaus mehr in Mode und Mozarts Opera seria darüber hinaus bei ihrer Premiere kein sonderlich großer Erfolg beschieden. Mittlerweile aber hat die Clemenza längst ihren Platz im Repertoire gefunden und begeisterte auch als „Oper im Schnelldurchlauf“. So waren das unterschwellige Grollen der Intrige, Sestos ebenso romantisches wie schwärmerisches Cantabile und Vitellias Primadonnengehabe präsent. Letzteres wurde besonders in „De se piacer mi vuoi“ von Oboe und Klarinette, die die Gesangslinien gestalteten, klangschön und mit Augenzwinkern umgesetzt; überhaupt hauchte das Ensemble Zefiro den Instrumenten die verschiedenen Facetten der handelnden Figuren ein, sodass nicht bloß die Musik erklang, sondern auch die erzählte Geschichte mit Leben erfüllt wurde.

<i>Mozart in Prag</i>: Am Weg zur zweiten Konzerthälfte © Werner Kmetitsch
Mozart in Prag: Am Weg zur zweiten Konzerthälfte
© Werner Kmetitsch

Für die zweite Hälfte des Konzerts ging es, bei idealem Wetter, in den Schlosspark. Und dass diese Idee eine wunderbare war, bewiesen die entspannten Mienen der Konzertbesucher. Denn ganz ehrlich, wer sitzt schon gerne in einem Konzertsaal mit engen, unbequemen Sitzreihen, eingequetscht zwischen den Nachbarn? Stattdessen konnte es sich das Publikum – ob auf Decken oder Klappsesseln, mit vorbestelltem Picknickkoffer oder bei Selbstverpflegung – gemütlich machen und die Harmoniemusik zu Mozarts Le nozze diFigaro ganz entspannt genießen. Nebenbei bemerkt herrschte trotz des ungezwungenen Settings mehr Ruhe und auch größere Aufmerksamkeit für die Musik, als ich an so manchen „zerhusteten“ und „zerraschelten“ Abenden in klassischen Konzertsälen erlebt habe! Hatte das Ensemble Zefiro schon vor der Pause seinen Sinn für Humor bewiesen, drehten die Musiker im Freien so richtig auf – so machten sie sich etwa bei Piano-Passagen klein, marschierten kriegerisch nach „Non più andrai“ ab oder mussten ihren Leiter, Alfredo Bernardini, der es sich mit seiner Oboe auf einer Decke im Publikum gemütlich gemacht hatte, zurück zum Notenpult zerren.

<i>Mozart in Prag</i> im Park © Werner Kmetitsch
Mozart in Prag im Park
© Werner Kmetitsch

Keine dieser Einlagen beeinträchtigte in der leisesten Form die musikalische Qualität; denn diese war auch im zweiten Konzertteil hoch. Einmal mehr begeisterten besonders die warmen, samtweichen Klänge der Oboen, an denen ich mich nur schwer satthören konnte. In der Bearbeitung von Johann Nepomuk Wendt wurden sämtliche Figaro-Schlager geboten, die vielen ironischen Zwischentöne von Mozarts Werk arbeiteten die Musiker feinsinnig heraus und verliehen den Charakteren der Oper – ganz so wie es in einer gelungenen vokalen Gestaltung auf der Opernbühne passiert – auch im zweiten Konzertteil Persönlichkeit und Charme.

Ein herrlicher Sonntagvormittag zwischen Schloss und Park, gespickt mit kulinarischen und musikalischen Genüssen – gäbe es dieses Konzertformat noch nicht, man müsste es glatt erfinden!