Seitdem am 2. September Daniel Barenboim und Gustavo Dudamel das Musikfest Berlin 2014 mit einem spannenden Brahms-Programm eröffneten, ist das Berliner Publikum mal wieder in einem Festival-Rausch. Es ist etwas Besonderes, wenn man Christian Thielemann als Gast nach Berlin einlädt, denn der Star-Dirigent stammt aus Berlin und die Berliner freuen sich immer wieder über seine Heimkehr. Thielemann kam diesmal als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden in die Philharmonie und gestaltete einen intensiven Abend mit dem zweiten Violinkonzert „In tempus praesens“ Sofia Gubaidulinas und der neunten Symphonie Anton Bruckners. Als Solisten brachte er Gidon Kremer mit, den Capell-Virtuosen der Sächsischen Staatskapelle. Dieser Abend versprühte künstlerische Faszination und wirkte beruhigend auf die über-fröhliche Stimmung des Publikums.

Christian Thielemann und die Sächsische Staaskapelle Dresden © Matthias Creutziger
Christian Thielemann und die Sächsische Staaskapelle Dresden
© Matthias Creutziger
Die Auswahl des ersten Stücks war nicht beliebig, sondern diente zur Vorstellung von Sofia Gubaidulina, der Capell-Compositrice für die Saison 2014/2015 an der Dresdener Semperoper. Gidon Kremer kennt sie gut und ist tatsächlich ein ausgezeichneter Interpret für diese Komposition. Er war es, der vor 33 Jahren durch die Uraufführung ihres ersten Violinkonzerts die tatarische Komponistin weltbekannt machte. Kremer begann mit einem Solo. Sein klagender Geigenklang erfüllte den großen Saal der Philharmonie und bereitete den ersten Orchestereinsatz vor. Durch die große Orchesterbesetzung gab es auf der Bühne eine Palette von Klangfarben, beispielsweise mit sechs Perkussionisten, drei Hörnern, die mit drei Wagnertubisten in einer Gruppe zusammensaßen, sowie den drei Tasteninstrumenten Flügel, Celesta und Cembalo.

Die Komposition Gubaidulinas war voll von gewagt kombinierten Timbres. Bei der klanglichen Verkörperung dieser Musik balancierte Thielemann die von der Komponistin angegebenen Klangkombinationen sorgfältig und gab ihnen verschiedene dynamische Nuancen. Dabei zeigte sich das Orchester immer in Koexistenz zu Kremer – nicht als Begleiter. Es griff mit seinem massiven Klangkörper eher den Geigenklang an, aber Kremer ließ seine Geige trotzdem unbekümmert zart und bezaubernd ertönen. Dieses duale Zusammenspiel begeisterte die Zuhörer und hinterließ einen besonderen Eindruck.

Christian Thielemann und Gidon Kremer © Matthias Creutziger
Christian Thielemann und Gidon Kremer
© Matthias Creutziger
Die ersten und zweiten Geiger der Staatskapelle Dresden hatten genug Energie und Konzentrationsfähigkeit für die letzte Symphonie Bruckners gespart, denn Gubaidulina hatte allen ein tacet – eine Pause – für das komplette Violinkonzert verordnet. Die Streicher fingen mit einem langen Ton unisono die Symphonie klar und sauber an, und die Spannung erhöhte sich, als die Holzbläser einsetzten und denselben Ton anspielten. Auf diesem Klangteppich stellte sich feierlich und mysteriös, so wie es der alte Bruckner vorgegeben hatte, ein melodisches Motiv der Hörner. Thielemann ließ jeden Ton genügend ausklingend, ohne das Tempo zu verschleppen. Im Vergleich zum idealen Tempo im ersten Satz trieb der Dirigent es nun im zweiten Satz, dem Scherzo, an. Massiv hallte das perkussive unisono im Saal wider, was mit der breiten und weiten Melodie des Trios kontrastierte. Die Dynamik zwischen musikalischer Aggressivität und Sanftheit wurde durch die perfekten Artikulationen von Thielemann und der Staatskapelle Dresden hervorragend gemeistert. Da Bruckner diese Symphonie nicht vollendet hatte, entsprach der dritte Satz dem Finale für diesen Abend. Thielemann schloss somit das Te Deum, welches Bruckner selbst vor seinem Tod als Finale der Symphonie vorgeschlagen hatte, und auch Bearbeitungen von dritter Hand aus, wie z. B. die von Peter Jan Marthé. Der extra ausgedehnte Schlussakkord der Blechbläser war ein wunderschönes Finale.

Dieser Abend war sowohl für das Publikum als auch für die Musiker sehr anspruchsvoll, denn die beeindruckende Aufführung ließ kaum Raum zum Atmen und jeder Moment war eine musikalische Pracht. Als circa zwei Stunden nach Konzertbeginn der Schlussakkord der Blechbläser und die Pizzicati der Streicher ertönten, war im Publikum auch ein wenig Erleichterung zu spüren. An diesem Abend präsentierte sich die Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Thielemann nicht als Kulturorchester für eine Touristenstadt, das immer das beliebte Opernrepertoire routinemäßig ausführt, sondern als ein künstlerisch engagierendes Musikensemble, das Zuhörern faszinierende Klangerlebnisse vermittelt. Angesichts seiner Fertigkeiten bei der musikalischen Interpretation und seiner so dargebotenen Musik waren die Berliner von ihrem Heimkehrer Christian Thielemann wieder einmal restlos begeistert.

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