Die Bayerische Staatsoper bietet dem Publikum zu den diesjährigen Münchner Opernfestspielen wahrlich erstaunliches. Während im Prinzregententheater Monteverdis betagtes Stück L’Orfeo läuft, wagt die Staatsoper im Haus der Kunst eine Uraufführung. Alter Stoff, neue Musik, frische Inszenierung und was für eine Örtlichkeit –Francesca da Rimini präsentiert sich vielseitig und bestimmt nicht langweilig.

Bendix Dethleffsen, Iulia Maria Dan und Stefan Wirth © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Bendix Dethleffsen, Iulia Maria Dan und Stefan Wirth
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Hinter dem Stück steht Anna-Sophie Mahler. Dantes Erzählung wird aufgegriffen, aber keineswegs kanonisch umgesetzt. Das erfreut, denn Opern und symphonische Werke zu diesem Thema gibt es mehr als zwei Dutzend und Mahler will offensichtlich nicht langweilen. Was dabei herausgekommen ist, zeigt sich tiefgründig, aber gewiss nicht als Inszenierung aus dem Elfenbeinturm. Im Gegenteil! Mahler kocht den fatalen Konflikt zwischen Francesca da Rimini, dem geliebten Paolo und der Zwangsehe mit Giovanni auf nur eine Frage ein: „Gibt es auch bei dir einen Moment, in dem du einen einzigen Augenblick genießt und dabei die fatalen Konsequenzen vergisst?“

Um Antworten zu finden, ging Anna-Sophie Mahler ins Frauengefängnis in München. Drei Schauspielerinnen stehen alsbald auf der Bühne (Duri Bischoff) und lesen die transkribierten Gespräche im authentischen Tonfall vor. Die Szenerie erinnert dabei an einen Gefängnistrakt, in den das Publikum über große Fenster voyeuristische Einblicke erhält – authentisch genug, um verstanden zu werden, aber nicht realistisch genug, um plump zu wirken.

So bleibt auch die Befürchtung, dass die Charakterisierungen in die Populärkultur abgleiten (man denke nur an einschlägige Fernsehserien), oder zu sehr an eine Sexismus-Debatte erinnern, unbegründet. Nein, getroffen wird hier tatsächlich Francesca da Riminis Konflikt im Kern. Illustriert werden drei fast belanglose Frauen, die ebenfalls die Konsequenzen für Ihr Handeln büßen müssen. Freilich nicht im zweiten Kreis der Hölle, doch an Parallelen hapert es ebenfalls nicht: „Einer wurde sogar in den Bademantel gekackt,“ informiert Vivien Mahler als Schauspielerin II laut lachend das Publikum.

Begleitet werden diese Monologe durch eine Neukomposition von Stefan Wirth. Zum Vorbild nahm er sich Franz Liszts Symphonie nach Dantes Divina Commedia. Aus der ohnehin schon sperrigen Musik schuf Wirth etwas noch Unbequemeres, doch bleibt seine Komposition durch die fortschreitende Melodie noch greifbar. Nur zwei Klaviere stehen auf der Bühne; an einem sitzt Wirth selbst. Der Komponist tritt energisch, ja fast schon manisch in Pedale und Tasten und zieht das Publikum mit in den Höllenschuld von Dantes italienischem Klassiker.

Von Liszt bleibt dabei, außer der schieren Klanggewalt, nicht viel übrig. Ein paar Töne hier und da mag der Liebhaber erkennen. „Aber da müssen Sie schon sehr genau hinhören,“ gab Wirth wenige Minuten vor Vorstellungsbeginn lächelnd im Schatten der Terrasse des Münchner P1 zu, und summte dazu seine langgestreckte Interpretation von Liszts ursprünglichem Allegro.

Judith Huber (Schauspieler), Stefan Wirth und Iulia Maria Dan © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Judith Huber (Schauspieler), Stefan Wirth und Iulia Maria Dan
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Und Oper? Was macht dieses Stück eigentlich zur Oper? Die Frage wird erst spät beantwortet. Bereits vor Stückbeginn wartet Iulia Maria Dan vor den Türen des Saales auf das Publikum, schweigend und vertieft in einen alten Band von Dantes Göttlicher Komödie. Doch die ersten zagenden Töne der Sopranistin erklingen spät. Nur einzelne Textfragmente koloriert sie. Ein, zwei Takte, dann übernehmen die inhaftierten Frauen wieder die Handlung.

Eine Francesca im eigentlichen Sinne gibt es nicht, auch wenn Wirth für Julia Maria Dan eine eigene Arie basierend auf den Originaltexten geschrieben hat. Ihre Rolle wird dennoch zum Bindeglied der gesamten Inszenierung. So streift sie oft stillschweigend um die beiden Flügel herum und lässt das Publikum wundern, ob die virtuosen Spieler nicht eigentlich Paolo und Giovanni darstellen. Immer wieder setzt sie die vorgelesenen Zitate der Insassen mit kurzen Zwischenrufen in den historischen Kontext. Klar, aber entrückt ertönt dann ihr Sopran, als sitze Francesca da Rimini immer noch in der Hölle, habe jedoch den Bezug zum aktuellen Geschehen über die Jahrhunderte verloren.

Wenn es einen Kritikpunkt gibt, dann wohl dieser etwas karge Einsatz von Gesang. Nur eine große Arie darf Julia Maria Dan zum Besten geben, nur ein großes Aufbäumen von Francesca erlebt das Publikum. Sie erklingt zum Wendepunkt des Stückes, als Giovanni den Mord an Paolo und Francesca begeht. Wohl die einzige Stelle, an der im Stück echte Texttreue zu erkennen ist, die es aber sonst an keiner Stelle vermissen lässt.

In der Summe war es eine fulminante Uraufführung von Francesca da Rimini, die vom sonst so kritischen Münchner Publikum ganz ohne Buhrufe und mit viel Applaus aufgenommen wurde. Um ehrlich zu sein kommen mir beim Gedanken, dass sowohl Komposition als auch Inszenierung von Fördermitteln der Freunde des Nationaltheaters e.V. finanziert wurden, fast die Tränen. Moderne Musik, in ungewohntem Ambiente, mit anspruchsvoller Inszenierung und durch private Finanzierung – wer wagt da noch zu sagen, die Oper sei tot!