Wäre die Grazer Kulturlandschaft eine Schulklasse, wäre die Styriarte fraglos der Streber unter den Veranstaltern; schaffen sie es doch jedes Jahr aufs Neue, interessante Künstler und Programme so zusammenzuführen, dass ebenso hochklassige wie unterhaltsame Konzerte herauskommen. Hinter dem Titel „Schönberg im Weißen Rössl“ verbarg sich nämlich ein klug ausgewähltes Werk-Potpourri der künstlerischen Achse Wien-Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts; mit Amarcord Wien und Iris Vermillion wurden die idealen Interpreten gefunden. Nicht nur die Arrangements stammten dabei von Amarcord Wien, sondern auch für Erläuterungen zur Werkauswahl sorgten die Musiker. So wurde die auf den ersten Blick bunt gemischte Zusammenstellung von Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Kurt Weill, Robert Stolz und anderen Zeitgenossen nachvollziehbar – waren sie doch alle Kinder der gleichen Zeit. Sie näherten sich den Problemen des beginnenden 20. Jahrhunderts zwar von unterschiedlichen Gesichtspunkten und Stilen aus, lebten und komponierten aber alle – wenn auch teilweise nur kurz – sowohl in der österreichischen als auch der deutschen Hauptstadt.

Iris Vermillion und Amarcord Wien © Werner Kmetitsch
Iris Vermillion und Amarcord Wien
© Werner Kmetitsch

Ergänzt wurde das Programm durch zwei Eigenkompositionen der Amarcord-Mitglieder; einerseits dem Fugismund von Tommaso Huber, einer Fuge zum Sigismund-Thema aus dem Weißen Rössl und andererseits Tristans Tango von Sebastian Gürtler. Launig angekündigt wurde die Auseinandersetzung mit Richard Wagners Tristan als „charmanter vertont und vor allem auch kürzer“, das Stück selbst bot dabei eine berückende Kombination aus Tango-Melancholie und Tristan-Tiefe. Die vier Musiker lieferten in ihren instrumentalen Solos technische Perfektion, Spielfreude und den ganz eigenen, beinahe volksliedhaften Sound, der durch das Zusammenspiel von Violine, Cello, Bass und Akkordeon entsteht. Und auch als Begleiter für die Solistin bestachen sie. Sich nie in den Vordergrund drängend, dabei aber jeweils die Interpretation auslotend schufen sie etwa ironische Häppchen in den Brettl-Liedern und dunkle Endzeitstimmung bei Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Iris Vermillion ließ ihre Stimme glutvoll schnurren, das tiefe Register ihres Mezzos ist ohnehin immer ein Ereignis und die Spitzentöne treffen so präzise und eindringlich, wie der Giftstachel eines Skorpions. Besonders in den Bann zog das Lied der Seeräuber-Jenny, in dem Vermillion eine detaillierte Charakterstudie menschlicher Abgründe ablieferte, die einem einen kalten Schauer über den Rücken jagte und stilistisch hervorragend in eine Folge von Tom Tykwers Serie Babylon Berlin gepasst hätte. Mit der nicht weniger schweren Kost Moon of Alabama wurden die Besucher in die Pause entlassen; neu ist seit diesem Styriarte-Sommer, dass das Konzertpublikum in dieser nun artgerecht gehalten wird. Für die Pause (bzw. auch die Zeit vor dem Konzert) gibt es den Glücksgarten, in dem die Besucher flanieren können und der, man möge mir die Assoziation verzeihen, ein bisschen an die Freigehege im Zoo Schönbrunn erinnert.

Den Auftakt zur zweiten Konzerthälfte nach diesem „Freigang“ bildete das Adagietto aus Gustav Mahlers Symphonie Nr. 5, das das Ensemble Amarcord so zart und seelenvoll in Klang verwandelte, dass das Publikum wie hypnotisiert schien und nach dem letzten Ton einige Momente der Stille brauchte, um wieder aus dem kollektiven Trancezustand aufzutauchen. Bevor es zum heiteren Abschluss mit den Melodien aus Ralph Benatzkys Operettenrevue Im weißen Rössl ging, kam man in Friedrich Hollaenders Lied Wenn ich mir was wünschen dürfte noch in den Genuss des innigen Zwiegesprächs zwischen Michael Williams‘ Cello und Iris Vermillions Stimme. Dass die Mezzosopranistin auch die leichtere Muse beherrscht, konnte sie in einigen Highlights aus der am Wolfgangsee spielenden Operette demonstrieren. Brauchte sie zunächst in Die ganze Welt ist himmelblau noch eine Weile, um aufzutauen und sich auf den heiter schmachtenden Ton einzustellen, steigerte sie sich kontinuierlich und lieferte im finalen Schlager „Im weißen Rössl am Wolfgangsee” mit leuchtenden Spitzentönen und spritzigem Charme ganz große Operette ab.

Das im Programmheft angesprochene generelle Missverstehen zwischen Österreichern und den Preußen verdeutlichte Iris Vermillion übrigens unfreiwillig im Schmachtfetzen Zuaschaun kann i net, indem sie aus dem österreichisch gezogenen Laut „zua“ ein kurzes, deutsches „zu“ machte. Letztlich war dieses Detail angesichts der leidenschaftlichen Emphase ihrer Darbietung aber egal; und trotz aller (sprachlichen) Unterschiede – wir Österreicher mögen unsere Lieblingsnachbarn ja doch!

****1