Parkett und Rang eines Opernhauses dicht zu füllen für einen Liederabend mit Franz Schuberts Winterreise ist keine Selbstverständlichkeit. Dass das Staatstheater Nürnberg dieses Konzert nicht in den deutlich kleineren Glucksaal legte, sondern das große Haus öffnete, war sicher der Zugkraft des Sängers geschuldet: der junge Bariton Samuel Hasselhorn, 1990 in Göttingen geboren, war mehrere Jahre gefeiertes Ensemblemitglied des hiesigen Opernensembles und ist noch als freischaffender Künstler in dieser Spielzeit in vier Produktionen aktiv. Auch die Ankündigung des erst 2001 geborenen Pianisten Lukas Sternath, 2022 beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb mit dem 1. Preis sowie mehreren Sonderpreisen ausgezeichnet, hatte sicher viele Neugierige motiviert. Leider sagte Sternath kurzfristig seinen Auftritt ab; der Veranstalter konnte mit Joseph Breinl, Professor für Liedinterpretation an der Kunstuniversität Graz, einen versierten Begleiter verpflichten.

Bis heute gehört Winterreise zu den am häufigsten aufgeführten und aufgenommenen Liederzyklen, den Hasselhorn bis zum Schubert-Jahr 2028, als Teil seines Projekts „Schubert200“, mit Liedern der letzten Schaffensjahre des Komponisten aufzeichnen wird. Schubert komponierte die 24 Lieder in zwei Abteilungen und setzte die Texte Wilhelm Müllers, der in Dessau lebte und 1827 noch vor Veröffentlichung der Lieder starb, in eine neue Reihenfolge. Auch Schubert verstarb kurze Zeit später. Bei ersten Aufführungen im Freundeskreis Schuberts reagierten die Hörer mit Unverständnis über die „schauerlichen Lieder“. Heute bewundern wir den hochmusikalischen Ausdruck der Seelenzustände von Liebe und Schmerz, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit, die der Winterreisende als sein Schicksal besingt, nachdem sein Mädchen ihn jäh verlassen hat. Albträume, süße Erinnerung: jede Erarbeitung dieses singulären Liederzyklus verdient allerhöchsten Respekt.
Hasselhorn ist seine Theatererfahrung auch bei der dramatischen Gestaltung von Schuberts Liederzyklus anzumerken. Texte werden schlüssig und wortverständlich formuliert, Spannungsbögen bei mehrstrophigen Liedern dem Handlungsverlauf angepasst. So wurde bereits das erste Lied Gute Nacht, eines der längsten auch, ein kleines Drama in sich: sehnsüchtiger Rückblick auf die Geliebte, Abschied; auflehnende innere Sammlung zum Wandern, das Gott so gewollt habe; letzte Zärtlichkeit, das Mädchen im Traum nicht zu stören. Den Schmerz, Aufbäumen und ausklingendes Verliebtsein brachte Hasselhorn in deutenden Facetten famos zum Ausdruck, zog sofort die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums auf sich.
Ruhige Reflexion klang aus Gefrorne Tränen, die selbst die glühend heiße Brust nicht schmelzen kann. Der Lindenbaum weckt alte Erinnerungen, ein Moment der Ruhe, dem die kalten Winde brüsk ein Ende setzen und schließlich den Gedanken hegen lassen an die Ruhe im Tod. Da begann Hasselhorn in leichter Bewegung, die der Sturm zu aufgeregtem Widerstand peitschte, ein beruhigtes Abebben schließlich. Hier wie im gesamten ersten Teil war Breinl ein verlässlicher Begleiter, der den Klavierpart als rahmendes Element verstand, ohne zu viele eigene Impulse einzuwerfen.
Dann bewirken des Winterreisenden Gedanken von blühenden Blumen im Frühlingstraum nur, dass die Wirklichkeit noch beklemmender erscheint. Sehr flexibel malte Hasselhorn die Bilder aus, grüne Wiesen und schöne Maid mit zarter Mittellage seines Baritons, der in der Höhe mal die Kopfstimme einsetzen muss, mit festem Zugriff des Brustregisters die Einwürfe der Hähne und Raben erzählend.
Bei den Stimmungsgegensätzen im zweiten Teil trat auch Breinl mehr aus der Rolle des Begleiters heraus, baute mit Rubati Spannung auf. Wo Der greise Kopf Tiefe vom Sänger fordert wie beim „Reif“ oder „Abendrot“, ging Hasselhorn in der Basslage zu einem eher gepressten, kernigen Ansatz über. Wunderbar fahl dann sein Gedankenspiel mit der Bahre als Lebensziel.
Abrupte Wechsel zwischen Trauer und Verzweiflung gelangen beiden Künstlern in den letzten vier Liedern am ausgeprägtesten. Wo der Totenacker zum Wirtshaus wird, spiegelte Hasselhorns Stimme das Entsetzen über die grünen Totenkränze wider, ließ der Leidende sich vom Wanderstab weiterleiten auf seinem Pfad. Der Leiermann schließlich ist die erste menschliche Seele auf dem Weg, wunderlich zwar, ein Gefährte vielleicht. Offen bleibt, wohin die Reise letztlich führt. Schlicht und gerade deshalb anrührend, wie Hasselhorn immer dezenter und leiser deklamierte, Breinl fast lapidar die Schlussnoten setzte. Wohltuend langes Nachsinnen des andächtigen Auditoriums auf dieses Ende, dann viele Bravi und frenetischer Applaus.


















