Kirill Petrenko verband als designierter Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zur Eröffnung der Saison 2018/19 Orchesterwerke von Richard Strauss und Beethoven miteinander und erfüllte damit einen Wunsch des Komponisten. Dieser hatte sich von den „Herren Musikgelehrten“ erhofft, dass sie Vergleiche der Beethovenschen mit seinen eigenen Tondichtungen vornähmen. Was die Forschung bisher nicht geleistet hat, das taten die Philharmoniker an diesem Abend, ob sie von dem Wunsch wussten oder nicht.

Kirill Petrenko © Monika Rittershaus
Kirill Petrenko
© Monika Rittershaus

Die beiden unmittelbar nacheinander entstandenen Tondichtungen Don Juan und Tod und Verklärung sind wie gegensätzlich zueinander komponiert und wurden von den Musikern zu Recht auch ganz unterschiedlich gespielt. Bei aller Orchesterkultur, die an diesem Abend einen schlanken, durchsichtigen Klang hörbar machte, stand die Formentwicklung im Zentrum der Aufführungen. Darum ließ Petrenko die Philharmoniker brillant spielen und verlangte von den Musikern Kontrolle bis in die kleinste Nebenstimme.

Mit seiner Mauern einrennenden Gewalt brach der Titelheld zu Beginn aus dem Dunklen hervor. Doch schon im Hauptthema ließen die Musiker dunkle Töne erklingen und kehrten so des Helden Zerrissenheit hervor. Wie genau der mit Partitur dirigierende Petrenko das Werk im Kopf hatte, wurde deutlich, als er in der fast scherzohaften Überleitung zwischen den beiden Hauptthemen die Akkordfolge deutlich im Klang heraushob, die den Keim allen Untergangs bildet. Dieses Motiv breitet sich unterschwellig aus und zersetzt die Form der Tondichtung innerlich. Unbeschwert sinnliche Klangschönheit war in dieser Aufführung allein bei der Schilderung der Liebesabenteuer des Helden hörbar. So etwa in dem geschmeidigen Geigensolo des Konzertmeisters Daishin Kashimoto und in dem von Albrecht Mayer berückend gespielten Oboensolo des Idylls. Aus diesem Thema ließ Petrenko schlüssig das Hornthema hervorgehen, das er zu Recht nicht als triumphales Heldenthema, sondern als die Musikalisierung einer höheren, bedrohlichen Gewalt erklingen ließ. Nach seinem Auftritt kamen allein noch die Schattenbilder der Frauenthemen zu Gehör, die das Orchester in wunderbar dunklen Tönen verdämmern ließ. Nach großem Kampf gab sich der Held der Naturnotwendigkeit gegenüber geschlagen, die schließlich alle Lust im Überdruss erstickte. Zum Höhepunkt der Aufführung geriet der fahl abgetönte Schluss, mit dem das Erkalten der Glut in Klänge gesetzt wurde. Das bisher verborgene, aber eigentliche Hauptmotiv ließ Petrenko eindrucksvoll am Ende für sich stehen und als Schlusswort hervortreten.

Tod und Verklärung verfolgt eine ganz andere Dramaturgie und führt nicht in den Untergang, sondern zielt von der tönenden Darstellung eines Sterbenden auf ein zu Lebzeiten nicht erreichtes, erst im Tode erlangtes höheres Ideal. Anfangs ließen die Philharmoniker einen unregelmäßig atmenden Todkranken röcheln. In den an diesem Abend vorzüglich aufgelegten Holzbläsern wurden dann aber auch freundliche Töne hörbar, in denen Kindheitserinnerungen musikalisiert sind. Petrenko hielt die Motive zunächst ahnungsvoll in der Schwebe. Im Hauptthema der Exposition ließ er den von Schmerzen getriebenen Mann erwachen. Wenn dessen Kindheit in Erinnerung vorüberzog, fanden die Philharmoniker zu betörend idyllischen Tönen. Als in der Durchführung die Themen in Konflikt miteinander gerieten, wurde aber dem Programm folgend aller verklärenden Besinnung der Garaus gemacht. Die Motive zerfielen in sich und die Musik kam zum Stillstand. Dann öffnete sich der Vorhang und im Sinne eines „Stirb-und-Werde“ verdämmerten die dem Todkranken anhängenden Themen und gaben den Raum frei für das dreimal je noch gesteigerte Ideal-Thema, das nun als Resultat aller Entwicklung erklingen durfte. Wie sorgsam Petrenko sein Orchester leitete, wurde auch daran deutlich, dass er dynamische Effekte nicht achtlos verschwendete, sondern tatsächlich erst dann, wenn das Motiv seine endgültige Gestalt angenommen hatte, auch ein Fortissimo hörbar machte, das nun aber nicht dröhnte, sondern edel artikuliert hervortrat, bevor die Musik ganz leise ausklang.

Die Aufführung von Beethovens Siebenter Symphonie kann nur als sensationell bezeichnet werden. Alle Reserviertheit war verschwunden und der Funke sprang vom ersten Takt der Introduktion an vom Dirigenten in das stark reduzierte Orchester und von dort direkt ins Publikum. Petrenko enthielt sich aller historisch informierten Aufführungspraxis, die sich mitunter bei aller Authentizität im Klang auch belehrend vor seine Hörer stellt. Petrenko gestaltete Beethovens ganze A-Dur-Symphonie vom Rhythmus her und unterwarf ihm konsequent alle thematische Arbeit. So schon im Kopfsatz. Was war das für für eine gestalterische Phantasie, die nie pedantisch war, stets innerlich leuchtete - uch wenn die Motive nach Moll abschattiert wurden. Den zweiten Satz dirigierte Petrenko wie von Beethoven gewünscht als Andante quasi Allegretto und ließ eine große Prozession entstehen. Die letzten beiden Sätze haben eine ganz andere Ausrichtung und bringen ekstatische Diesseitigkeit in die Symphonie. Petrenko ließ mit seiner pointierten Zeichengebung schon die Carmagnole im dritten Satz zu einem übermütigen Tanzkreisel werden. Doch wer glaubte, dass sich die Ausgelassenheit nun nicht mehr sich steigern ließ, der wurde vom Finale eines Besseren belehrt. Was andere Dirigenten gerne als ein „Auf-Wiedersehen-im-letzten Takt“ durchhetzen, wurde in dieser Aufführung zu einem so rasanten wie wohlartikulierten Kontertanz gesteigert. Die bis an die Leistungsgrenze der Musiker getriebene Orchestervirtuosität riss die Hörer schlicht von ihren Sitzen.

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