Man kam, um Angela Gheorghiu als Floria Tosca und Jonas Kaufmann als Mario Cavaradossi zu erleben – und erfreute sich stattdessen wieder einmal daran, dass die Staatsoper-Tosca auch knapp vor dem 60-jährigen Jubiläum ihrer Inszenierung noch immer zu überzeugen weiß, auch wenn das erwähnte Opern-Traumpaar absagt und stattdessen Martina Serafin und Aleksandrs Antonenko einspringen.

Beide sind ohnehin hochrangige Besetzungen für diese Partien und mit dieser Inszenierung schon länger vertraut: Aleksandrs Antonenko gab seinen letzten Wiener Cavaradossi vor drei Monaten und Martina Serafin hatte Angela Gheorghiu bereits in der Vorstellung vor der hier rezensierten vertreten.

Margarethe Wallmanns <i>Tosca</i> an der Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Margarethe Wallmanns Tosca an der Wiener Staatsoper
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Die Regiearbeit von Margarethe Wallmann zeigt sich auch in der 595. Aufführung als große Kunst, die die Zeiten überdauert. In Analogie zum Ort ihrer Handlung, dem ewigen Rom, kann man sie beinahe schon Tosca aeterna nennen. 1958 unter der Leitung von Herbert von Karajan mit Renata Tebaldi in der Titelpartie aus der Taufe gehoben, hat sie seither über eine Million Besucher in die Staatsoper gelockt. Die Ausstattung von Nicola Benois, die im ersten Akt den Bühnenraum als gewaltiges Kirchenschiff erscheinen lässt und im dritten Akt vom Engel auf dem Castel Sant’Angelo dominiert wird, zeigt eine Bilderbuch-Tosca, für die an dieser Stelle auch einmal den Unsichtbaren im Opernschaffen gedankt sei: Neben den Künstlern der Kostümschneiderei sind das vor allem jene Handwerker und Bühnenarbeiter, welche die Kulissen gebaut und sie trotz hunderter Auf- und Abbauten unbeschadet durch die Jahrzehnte gebracht haben. Nicht zu vergessen seien auch die Beleuchter, ohne die keine rechte Stimmung aufkommen könnte.

Martina Serfain (Tosca) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Martina Serfain (Tosca)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Allerdings nützt die schönste Optik wenig, wenn sie nicht mit Leben gefüllt wird, und das ist sicherlich ein Punkt, den Margarethe Wallmann ernstgenommen hat, lang bevor das Wort „Personenregie“ überhaupt in Mode kam: Wenn sich Tosca vom aufdringlichen Scarpia in einem Moment der Schwäche ein wenig die Hand halten lässt, um sie ihm dann gleich zu entziehen, macht das heute noch immer Eindruck, wie auch der dritte Akt mit dem rhythmischen Auf- und Abmarsch des Erschießungskommandos seine Wirkung nie verfehlt.

Kernstück jeder Tosca ist jedoch der zweite Akt, in dem das persönliche Drama der Diva angesichts Scarpias Bösartigkeit auf dem Höhepunkt ist. Wie sich das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden entwickelt, hängt wesentlich von den Akteuren ab, und in der besprochenen Vorstellung gab es ein besonders interessantes Paar zu sehen: War Marco Vratognas gesangliche Leistung als Scarpia im ersten Akt noch etwas schwerfällig, lief er nun als vordergründig eleganter, aber zynisch-brutaler Machtmensch zur Hochform auf. Zusammen mit der großen und attraktiven Martina Serafin, der man es zutraut, sich nach Kräften zu wehren, ergab sich ein selten so spannendes Duo, das sich im Gefecht seiner dramatischen Stimmen nichts schuldig blieb. Serafins „Vissi d’arte“ hatte zwar Ecken und Kanten, passte aber in seiner Emotionalität zur aufgeheizten Stimmung, die sich aufs Publikum übertrug. Ihr elektrisierendes „Mori, maledetto! Mori! Mori!“ – „Stirb, Elender! Stirb! Stirb!“ war im besten Sinne markerschütternd und erzeugte mehr Anspannung als die meisten Hollywood-Thriller.

Aleksandrs Antonenko (Marco Cavaradossi) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Aleksandrs Antonenko (Marco Cavaradossi)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Aleksandrs Antonenkos kraftvoll-viriler Cavaradossi rückte den Fokus dieser Partie eher auf den jugendlichen Überschwang und die Freiheitsliebe denn auf ein geschmachtetes „E lucevan le stelle“, welches er nach subtilem Beginn betont dramatisch-emotional anlegte. Besonders gelungen waren die unbändigen Freuden-Schreie „Vittoria, Vittoria!“. Von der übrigen, durchwegs adäquaten Besetzung blieben Paolo Rumetz als witziger aber bigotter Mesner und besonders Clemens Unterreiner als schönstimmiger Cesare Angelotti in Erinnerung.

Eivind Gullberg Jensen, welcher im Rahmen dieser Aufführungsserie erstmals an der Wiener Staatsoper dirigierte, tat das mit Umsicht und Detailgenauigkeit, wenngleich es oftmals laut wurde; allerdings wurde das den durchwegs großen Stimmen, die auf der Bühne standen, nie zum Problem. Vielleicht ist die bereits öfter wahrgenommene Lautstärke bei Tosca auch dem Umstand geschuldet, dass das Staatsopernorchester gern vorführt, was es gut und gerne spielt – wenn einem die Streicher vor „E lucevan le stelle“ die Sterne vom Himmel holen, nimmt man das auch gern in Kauf.

Tipp: Tosca kehrt im Oktober 2017 für drei Vorstellungen (Adrianne Pieczonka, Yonghoon Lee, Ambrogio Maestri) zurück auf den Spielplan. Für die Jubiläums-Aufführungsserie mit der 600. Vorstellung dieser Inszenierung im Jänner 2018 sind Angela Gheorghiu, Massimo Giordano und Erwin Schrott angesagt. Dirigent beider Serien wird Jesús López Cobos sein.