Ein Programmzettel kann beim Zuhörer verschiedene Reaktionen hervorrufen. Das Programm des Wiener Konzerthauses am vergangenen Samstag rief vor allem zwei Gefühle wach: Ehrfurcht und Vorfreude.

Warum? Das lässt sich durch die Programmpunkte ebenso wie durch die Ausführenden erklären. Die Wiener Philharmoniker unter Christoph Eschenbach brachten ein im wahrsten Sinne des Wortes „klassisches“ Konzertprogramm zu Gehör, das unter anderem die Frage danach zu beantworten half, warum der US-amerikanische Musikwissenschaftler James Webster vorgeschlagen hat, zukünftig von einer Ersten Wiener Moderne statt einer Wiener Klassik zu sprechen.

Christoph Eschenbach © Eric Brissaud
Christoph Eschenbach
© Eric Brissaud
Haydn – Mozart – Beethoven, damit standen die drei Klassiker auf dem Programm, oder vielleicht doch nicht? Jedenfalls für die mittlere Komposition, die zweifelsohne einen Höhepunkt des Konzertes darstellte, sind Zweifel angebracht. Die Sinfonia concertante in Es-Dur für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester, die vermutlich im April des Jahres 1778 in Paris komponiert wurde, war lange verschollen und wurde erst 1868 im Nachlass des Mozart-Forschers Otto Jahn entdeckt. Nach reiflicher Untersuchung entschied sich die Fachwelt für die Anerkennung dieser Komposition, dennoch sind Zweifel nicht gänzlich aus der Welt zu räumen. Da wäre einmal ein Brief von Wolfgang Amadé Mozart an seinen Vater, in welchem er von einer Komposition für Flöte, Oboe, Horn und Fagott spricht, und zum anderen gibt es kompositorische Aspekte wie die Tonartengleichheit der Sätze oder die gehäuften Unisono-Führungen, die gegen eine Autorenschaft Mozarts sprechen.

Mag die Sinfonia concertante nun von Mozart sein oder auch nicht; mag es sich um eine Bearbeitung eines Mozart'schen Originals handeln oder um die Schöpfung eines in Vergessenheit geratenen Komponisten, eines ist zumindest sicher: dieses Werk bereitet dem Zuhörer wohl bei jeder Aufführung viel Vergnügen und darf als eine große Herausforderung für die vier Solisten gelten. Dieser Herausforderung stellten sich vier Solisten aus den Reihen der Philharmoniker, dabei standen Clemens Horak und Ernst Ottensamer partiturgemäß in einer Art virtuosen Zweikampf, während Ronald Janezic und Harald Müller die jeweils mit großer Präzision gespielten Einwürfe blieben. Auch erwiesen sich die vier Solisten als kleines Ensemble gegen das große Ensemble des Orchesters und gestalteten äußerst homogen die schöne Kadenz des ersten Satzes. Gerne würde man jeden der vier einmal mit einem jeweiligen Konzert aus der Hand Haydns oder Mozarts hören.

Eingerahmt wurde die Sinfonia concertante von zwei Symphonien an denen sich auch ein Wandel erkennen lässt, den die Wiener Klassik mit sich brachte. Bei Joseph Haydns Symphonie G-Dur Hob.I/92 aus dem Jahr 1788, welcher,die Rezeptionsgeschichte den klangvollen Beinamen „Oxford“ verliehen hat, war bei Eschenbachs Interpretation vor allem der zweite Satz hervorzuheben. Hier zeigte er mit den Wiener Philharmonikern, dass Adagio zwar langsam bedeutet, er kehrte aber auch die Ursprungsbedeutung dieser Tempobezeichnung „behaglich“ hervor, sodass sich das Lied-Thema dieses Satzes mit all seiner Lyrik entfalten konnte und jegliches Statutarische verlor.

Die Musiker des Orchesters zeigten nicht zuletzt in diesem Satz, warum sie zu Recht als eines der besten Orchester der Welt, gerade für dieses Repertoire, gelten können. Der Gesamtklang des Ensembles, man darf vom legendären Wiener Klang sprechen, war bis zum Äußersten homogen und die Leistungen der Bläsersoli waren hervorragend. Wollte man nach einem Haar in der Suppe suchen, so könnte man einzig hervorheben, dass die Trompeten im ersten Satz etwas zu sehr auftrumpften.

Christoph Eschenbach © Luca Piva
Christoph Eschenbach
© Luca Piva
Für die Besonderheit des letzten Programmpunktes spricht bereits das symbolische Entstehungsdatum Bände. Die Symphonie Nr. 1 in C-Dur Op.21 von Ludwig van Beethoven entstand bekanntlich in den Jahren 1799 und 1800 und wurde anlässlich einer Akademie im April desselben Jahres gemeinsam mit dem 1. Klavierkonzert und dem Septett in Es-Dur Op.20 uraufgeführt. So sehr sich das Septett als auf die Divertimento-Tradition zurückblickende Komposition erweist, so sehr lässt die besagte Symphonie in die Zukunft blicken. Der besondere Effekt dieser Symphonie liegt ohne Zweifel an der andersartigen Behandlung dieses Orchesterapparates und den zum Teil gewagten Ideen, die der junge Beethoven hier verwendet. Als berühmt-berüchtigt wäre hier beispielsweise die Adagio molto-Einleitung zum ersten Satz zu nennen: Beginnend in F-Dur verrät Beethoven erst im achten Takt, dass es sich hier um ein Stück in C-Dur handeln könnte.

Ideen wie diese verlangen nach einer entsprechenden Interpretation. Wie es nicht anders zu erwarten war, lieferten die Wiener Philharmoniker unter Eschenbach diese, wobei vor allem Eschenbachs Dirigat – frisch und erfrischend zugleich – hervorzuheben ist. Bei ihm erstarrte das frühe wie kühne Werk nicht zum Monolithischen, wie dies manche Interpretation an einen späteren Beethoven gedenkend tut, sondern blieb immer lebhaft.

Als ebenfalls erfrischende Idee brachte Eschenbach den Übergang vom Menuett zum Finalsatz attacca. So kam die für die damalige Zeit ungewöhnliche Adagio-Einleitung des Finales noch überraschender und verwegener daher. Im Übergang zum ersten Thema zeigten die Violinisten der Wiener Philharmoniker ihre Meisterschaft im „Daherschleichen“, sodass das Thema des Allegro molto e vivace überschriebenen Satzes auch für den Kenner als Überraschung erschien.

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