Bis auf den Anfangsbuchstaben ihres Familiennamens eint Anton Bruckner und Béla Bartók der Papierform nach wenig. Der Musikverein für Steiermark wagte sich dennoch daran, Bartóks Violinkonzert Nr. 1 und Bruckners Symphonie Nr. 3 in d-Moll im Programm des sechsten Orchesterkonzerts dieser Saison zu kombinieren.

Vilde Frang © Marco Borggreve
Vilde Frang
© Marco Borggreve

Den ersten Teil des Abends bildete Bartóks nur rund 20-minütiges Violinkonzert, dem eine etwas unübliche Vorgeschichte anhaftet. Komponiert hatte Bartók es bereits in der Zeit zwischen 1907 und 1908 und es seiner Angebeteten, der Geigerin Stefi Geyer gewidmet. Geyer erwiderte diese Liebe jedoch nicht, und auch das ihr gewidmete Violinkonzert wurde nicht zur Aufführung gebracht, da sie die Partitur in ihrem Privatbesitz verwahrte. Die Uraufführung fand erst 1958, sowohl nach ihrem als auch Bartóks Tod statt. Im Gegensatz zu traditionell aufgebauten, dreisätzigen Violinkonzerten besteht dieses nur aus zwei Sätzen, von denen der erste offensichtlich Stefi Geyer beschreibt. Im zweiten scheint Bartók zeigen zu wollen, wer er wirklich ist und was er kann, und das Werk erscheint als Aufarbeitung seines Gefühlschaos zwischen Hoffnung, Liebe und Enttäuschung.

Zu Beginn des ersten Satzes ist die Solovioline völlig auf sich alleine gestellt, bis schließlich das Orchester beinahe kammermusikalisch einsetzt. Die norwegische Geigerin Vilde Frang, die zu den Werken Bartóks eine enge Beziehung pflegt, gestaltete schon diesen Beginn sehr klagend, sodass er wie eine dunkle Vorahnung anmutete. Auch die nach und nach einsetzenden Geigen des Orchesters fügten sich perfekt in diese von der Solistin ausgehende elegische Stimmung ein, bis schlussendlich die Bläser schicksalhaft aufwallten und bedrohlich über der sanften Violine zu schweben schienen. Besonders schön geriet in Folge das Zusammenspiel von Solovioline, Flöte und Harfe, das durch Präzision bestach. Das Orchester präsentierte sich kraftvoll, blieb dabei aber auch im Forte gefühlvoll und konnte mit einem reichen Spektrum an warmen Farben sowie großer Präzision glänzen.

Obwohl das Orchester gut disponiert war und mit schönen Phrasierungen, besonders in den lodernden Passagen, Gänsehautmomente lieferte, war es stets Vilde Frang, die alle Ohren auf sich zog. Sie erzählte mit ihrem unheimlich emotionalen Spiel die Geschichte von unerfüllter Liebe und einem Wirrwarr der Gefühle praktisch im Alleingang. Besonders eindrucksvoll waren sanfteste Piani, die zwar oft sehr verliebt klangen, dabei aber immer wieder auch Momente großer Schwermut und Einsamkeit erlebten – ein Eindruck, den die komponierte Zurückhaltung des Orchesters noch verstärkte. Diesem Aspekt von Bartóks Musik standen immer wieder aufflammende Passagen gegenüber, in denen in Frangs Spiel trotzige Wut dominierte. Besonders beeindruckend war dabei, wie schnell sie immer wieder zwischen diesen Stimmungen wechselte und jede von ihnen mit großer emotionaler Intensität gestaltete. Dirigent Jonathan Nott interpretierte Bartóks Gefühlschaos sehr detaillreich und bewahrte zudem eine gute Balance zwischen Solistin und Gesamtklang.

Nach der Pause stand Bruckners Symphonie 3 in d-Moll, die oft als „Wagnersinfonie“ bezeichnet wird, auf dem Programm. Jonathan Nott entschied sich dabei für die Urfassung aus dem Jahr 1873 (Bruckner überarbeitete sein Werk später noch zwei Mal). Im Gegensatz zur differenzierten Gestaltung des Violinkonzertes konnten die Wiener Symphoniker unter Nott in diesem Werk der Romantik allerdings nicht restlos überzeugen. Zum einen nahm Nott die Symphonie für mein Empfinden sehr schnell, wodurch sowohl die Emotion als auch die imposante Wirkung der Musik auf der Strecke blieben. Problematisch war zum anderen vor allem die dynamische Gestaltung. Schon zu Beginn des ersten Satzes waren die Blechbläser, vor allem Posaunen und Trompeten, deren unheimlich energiegeladenes Spiel und gelungene Phrasierungen isoliert betrachtet die majestätische Stimmung der Symphonie eindrucksvoll hervorkehrten, auffällig laut. Das führte dazu, dass die Streicher stellenweise fast völlig untergingen, ebenso wie die Flöten und die Waldhörner. Leider blieb die Ausgewogenheit und dynamische Balance alle vier Sätzen hindurch ein Problem und die Streicher waren oft über längere Passagen praktisch unhörbar, wodurch der Eindruck etwas getrübt blieb.

Auf der positiven Seite aber kostete Jonathan Nott vor allem die epische Stimmung und die drängenden Tempi des ersten Satzes voll aus, und immer wenn die Blechbläser etwas zurückgenommen agierten, konnten besonders die Celli und Bratschen schöne Bögen präsentieren. Ebenso beeindruckend konnte im zweiten Satz das An- und Abschwellen der Streicher kurzfristig seine volle klangliche Wirkung entfalten. Erst im dritten Satz erreichten Streicher und Bläser auch einen ausgewogenen Klang und vermittelten zusätzlich schwungvolle Heiterkeit, doch auch die mitreißende Interpretation des Violinkonzertes – der Höhepunkt des Abends war eindeutig Vilde Frang – konnte leider nicht über die undifferenzierte Gestaltung von Bruckners Symphonie hinwegtrösten.