Wer sich auf Benjamin Bernheim als Rodolfo in dieser Bohème-Produktion gefreut hatte, erlebte bereits im ersten Bild eine Überraschung. Kurz vor dem „eiskalten Händchen” streikte nämlich seine Stimme und mit der Aufführung ging es erst einmal nicht weiter. Nach einer halben Stunde aber zauberte Intendant Benedikt Stampa einen Ersatz aus dem Hut, bzw. aus dem Publikum, wo sich offensichtlich rein zufällig ein Mann befand, der diese Rolle – wie sich herausstellte – perfekt beherrschte.

Andrew Owens hieß dieser Retter aus den Not, der sich als bravouröser Tenor herausstellte, stimmlich hervorragend disponiert, mit italienischem Timbre, absolut sicher in der Rolle und dem übrigen Ensemble ebenbürtig. Engagiert ist er am Züricher Opernhaus und vielleicht war er im Tross der Schweizer Künstler dieser Produktion des Gstaad Festivals nach Baden-Baden mitgereist. Ein glücklicher Zufall in dieser Oper, die ja alles Andere als glücklich endet.
Nach dieser Unterbrechung ging es mit Mimìs Auftrittsarie weiter und Carolina López Moreno ließ alle Schwierigkeiten vergessen, eroberte vom ersten Ton an die Herzen des Publikums im Sturm, glänzte in der Emphase, berührte mit warmer Emotionalität. Hier noch sehr gesund und raumfüllend, später im dritten und vierten Bild zutiefst ergreifend und mit faszinierender mezza voce in der Sterbeszene – ein herzzerreißender Abschied, ein ergreifender Operntod.
Ja, La bohème ist ein Rührstück. Puccini selbst bekannte, dass er von mächtigem Schmerz überwältigt diesen Schluss nur unter Tränen habe komponieren können. Aber dank der Disziplin aller Sänger und dank des Gstaad Festival Orchestra unter Marco Armiliato war dieser Abend frei von Sentimentalität oder Kitsch. Im Gegenteil, Armiliato betonte auch die Komik in der Musik, etwa die Ironie in der Szene, wo die bettelarmen Bohèmiens ihren Hauswirt kräftig auf die Schippe nehmen, der wegen der überfälligen Miete angeklopft hat. Kurz zuvor hatte der Ofen dank Rodolfos letztem Manuskript wenigstens ein bisschen Wärme hergegeben. Im Orchester hörte man die Flammen züngeln und bald wieder vergehen. Armiliato reizte Puccinis musikalische Lautmalerei bis ins kleinste Detail aus.

In Allem zeigte sich das Orchester in präziser Artikulation stets pointiert und mit spielerischer Leichtigkeit. Armiliato kostete die Rubati aus, malte intensiv in satten Orchesterfarben die Atmosphäre – nicht nur das Feuer im ersten, auch die Schneeflocken im dritten Bild und ließ das Publikum in sattem Puccini-Sound baden.
Halbkonzertante Oper funktioniert in Baden-Baden meist gut. Fraglich ist aber, ob sich gerade La bohème dazu eignet; eine Oper, die zwar handlungsarm, aber voller kleinteiligem Aktionismus ist und viel Milieu erfordert. Fabio Rickenmanns Spielleitung war da leider überfordert. An einigen Stellen gelang wohl halbszenische Schlüssigkeit, meist aber schienen die Lösungen nicht genügend durchdacht. Das Gewusel im Quatier Latin konnte nicht entwirrt werden und im vierten Bild kamen die Albernheiten der vier Künstler verdächtig nahe an die Klamotte. Auch wurde manches Requisit bemüht, aber nicht konsequent. Eine Staffelei für Marcello war vorhanden, Colline musste aber ohne Mantel den Verlust desselben besingen. Immerhin war aber ein Muff für Mimì aufzutreiben. Und dass die Damen im Abendkleid auftraten, trug zur Glaubwürdigkeit ebenfalls wenig bei. Peinlich, im wahrsten Sinne, wirkte die Sterbeszene Mimìs auf drei Bürostühlen. Weniger wäre mehr gewesen: rein konzertant hätte genügt, denn die Musik sprach für sich, war intensiv genug.

Auch das übrige Ensemble trug zum herausragenden musikalischen Gelingen bei. Ludovico Filippo Ravizza, ein fulminanter Bariton war mit starker Präsenz ein Marcello zwischen enttäuschter Liebe und tiefer Empathie. Mit mächtigem Bass und angemessenem Pathos sang Gianluca Buratto Collines Mantelarie. Biagio Pizzuti fügte sich in das Künstlerquartett der Bohèmiens nahtlos ein. In zwei Rollen zeigte Roberto Abbondanza komisches Talent, als Hausbesitzer Benoît und als Alcondoro, dem Liebhaber und Gepäckträger der Kokotte Musetta. In dieser Rolle verströmte Sandra Hamaoui mit mezzogesättigtem Sopran tiefe Walzersinnlichkeit. Der Chor der Bühnen Bern rundete das musikalisch Gelingen erfolgreich ab.




