Für jeden ehrgeizigen Regisseur lautet die Grundfrage: Gibt es in der 181-jährigen Aufführungsgeschichte von Richard Wagners Tannhäuser einen Aspekt, der bisher noch nicht beachtet worden ist? Lydia Steier hat 2025 an der Wiener Staatsoper den Sängerstreit als Theateraufführung inszeniert, bei der der Landgraf als Strippenzieher auftritt. Tobias Kratzer hat 2019 in Bayreuth das Aufeinanderprallen zweier sozialer Gruppen thematisiert: hier die befreite Aussteigertruppe um Venus, dort die in Konventionen gefangene Gesellschaft der Wartburg. Und Thorleifur Örn Arnarsson in der aktuellen Neuproduktion am Opernhaus Zürich? Der Isländer, der zum ersten Mal in Zürich Regie führt, versteht die Handlung als Projektionen des Titelhelden Tannhäuser. Dazu bedient er sich einer Art von Traumlogik, die das Geschehen als ein von Tannhäuser nur Geträumtes begreift. Das Resultat: viel Heterogenes und Rätselhaftes, das man ohne die Erklärungen des Regisseurs nicht verstehen würde.

Eric Cutler (Tannhäuser) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser)
© Herwig Prammer

Die von Erna Mist entworfenen Bühnenräume stellen innere Traum-Landschaften dar: Der Venusberg ist ein von kaltem Neonlicht beleuchteter schwarzer Innenraum. Venus und Tannhäuser sitzen einander an einem langen Banketttisch gegenüber, auf dem ungezählte leere Gläser stehen. Hat da mal ein Gelage stattgefunden? Die Wartburg zeigt sich als ein erdrückendes Felsverließ, dessen Wände sich gegen Schluss des zweiten Aufzugs bedrohlich verengen. Da bleibt dem geächteten Sänger nur noch der Weg nach draußen. Im dritten Aufzug findet sich Tannhäuser in einer Landschaft wieder, die als Spiegellabyrinth seines zersplitterten Selbst erscheint. Und die Pilger, die erlöst von ihrer Romreise zurückkehren, erscheinen als zahlreiche Alter Ego des unerlösten Helden.

Eric Cutler (Tannhäuser) und Rachael Wilson (Venus) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) und Rachael Wilson (Venus)
© Herwig Prammer

Ihren sinnfälligsten Ausdruck findet das Regiekonzept in der Figur der Elisabeth, die von der Kostümbildnerin Teresa Vergho in die marmornen Kleider einer Statue gesteckt wird. Das Liebesduett zwischen Elisabeth und Tannhäuser gerät dabei zu einem Monolog eines Getriebenen mit einem erträumten Standbild. Als Kritik an diesem Konzept muss bemerkt werden, dass sich einiges auf dem Papier gut liest, dass es aber in der Theaterpraxis nicht funktioniert.

Christina Nilsson (Elisabeth) © Herwig Prammer
Christina Nilsson (Elisabeth)
© Herwig Prammer

So entbehren ausgerechnet die Begegnungen Tannhäusers mit den beiden gegensätzlichen Frauen einer gewissen Sinnlichkeit. Die Venus-Szene im ersten Aufzug kommt sehr stilisiert daher; da hat Lydia Steier in Wien viel Lasziveres gezeigt. Und Elisabeth kann sich als Statue nur beschränkt entfalten. Bezeichnenderweise gelingt ihr dies ausgerechnet in der großen Sängerwettstreit-Szene, wo sie von ihrer bunten Entourage abgeschminkt wird und bei der Fürsprache für den frevlerischen Geliebten für einen Moment reale menschliche Züge annimmt.

Eric Cutler (Tannhäuser) und Christina Nilsson (Elisabeth) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) und Christina Nilsson (Elisabeth)
© Herwig Prammer

Die 36-jährige schwedische Sopranistin Christina Nilsson, die in Zürich debütiert, ist auf jeden Fall eine Entdeckung. Mit ihrer warmen, ausdrucksstarken Stimme und ihrer empathischen Ausstrahlung ist sie für die Rolle der Elisabeth geradezu prädestiniert. Einen wirkungsvollen Gegensatz zu ihr bildet die Venus der US-Amerikanerin Rachael Wilson, die diese Rolle in Zürich zum ersten Mal singt. Als Mezzosopran mit einem etwas dunkleren Timbre ausgestattet, verleiht sie der Liebesgöttin stimmlich eine erotische Präsenz.

Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach) © Herwig Prammer
Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach)
© Herwig Prammer

Dass auch Eric Cutler als Tannhäuser ein Rollendebüt hinlegt, kann man fast nicht glauben. Den an vielen internationalen Häusern anzutreffenden Heldentenor kennt man in Zürich als Siegmund in Andreas Homokis Walküre-Inszenierung. Gekonnt bringt Cutler seine charakterliche Zerrissenheit zur Geltung. Besonders eindrücklich gelingt ihm das im großen Monolog des dritten Aufzugs, wo er nach der geschilderten Enttäuschung über seine Nichtentsühnung sich wieder der Venus an die Brust werfen will; und in der Schlussszene, wo er, auf Geheiß der wütenden Venus, die Statue Elisabeths mit dem Vorschlaghammer zertrümmert. Was hingegen stört, ist Cutlers Unart, in der Lautstärke immer wieder über das Ziel hinauszuschießen.

Christina Nilsson (Elisabeth) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach) © Herwig Prammer
Christina Nilsson (Elisabeth) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach)
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Gewöhnungsbedürftig sind die Rollen von Landgraf Herrmann und von Minnesänger Wolfram von Eschenbach angelegt. Der Landgraf, der meistens als Vaterfigur oder als Strippenzieher dargestellt wird, erscheint bei Arnarsson als unsicherer Zögerer, dem die Führung beim Wettkampf immer wieder entgleitet. Die sonore und versöhnliche Stimme von Christof Fischesser passt überhaupt nicht zu diesem Konzept.

Eric Cutler (Tannhäuser) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach)
© Herwig Prammer

Umgekehrt wird Wolfram, der in seinem Preislied als der platonisch in Elisabeth Verliebte charakterisiert ist, bei Arnarsson als aggressiver Kontrahent Tannhäusers aufgeplustert. Christian Gerhaher, für den Wolfram zu den zentralen Partien zählt, fühlt sich in dieser Lesart, hat man das Gefühl, nicht richtig wohl. Konventionell ist die Rolle Biterolfs ausgestattet, die der Bass-Bariton Andrew Moore mit dem nötigen Grimm auf Tannhäuser ausstattet.

Eric Cutler (Tannhäuser) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser)
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Erstmals bei einer Zürcher Neuproduktion dabei ist der russische Dirigent Tugan Sokhiev. Mit der großen Chor- und Orchesterbesetzung der Tannhäuser-Partitur kommt dieser nur unbefriedigend zurecht. Chor und Orchester der Oper Zürich nehmen denn die Zügel oft selber in die Hand, anstatt dass der Dirigent sie zügeln würde. Schon die Ouvertüre klingt recht grob, und immer wieder sticht die Basstuba heraus. Beim berühmten Chor „Freudig begrüßen wir die edle Halle“ während des Aufzugs der Gäste in der Wartburg driften Chor und Orchester manchmal bedenklich auseinander. Und am Aktschluss, wo das Orchester den Ruf „Nach Rom!“ der Wartburg-Gäste untermauert, singen und spielen die beiden Gruppen derart laut um die Wette, als ob jemand von ihnen den Preis, nämlich die Hand Elisabeths, gewinnen könnte.

Eric Cutler (Tannhäuser) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser)
© Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser)
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Eric Cutler (Tannhäuser) und Rachael Wilson (Venus) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) und Rachael Wilson (Venus)
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Christina Nilsson (Elisabeth) © Herwig Prammer
Christina Nilsson (Elisabeth)
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Eric Cutler (Tannhäuser) und Christina Nilsson (Elisabeth) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) und Christina Nilsson (Elisabeth)
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Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach) © Herwig Prammer
Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach)
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Christina Nilsson (Elisabeth) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach) © Herwig Prammer
Christina Nilsson (Elisabeth) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach)
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Eric Cutler (Tannhäuser) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach) © Herwig Prammer
Eric Cutler (Tannhäuser) und Christian Gerhaher (Wolfram von Eschenbach)
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