Was ist dieser Schatten überhaupt, und wie vielen Frauen auf der Bühne fehlt er? Barrie Kosky ist in seiner Interpretation von Die Frau ohne Schatten so konträr wie eh und je: Das übliche „Die Kaiserin kann keine Kinder bekommen“ ist ihm bei weitem nicht interessant genug. In seiner Neuinszenierung in Aix-en-Provence verzichtet er auf die vielfach ausgereizten Extreme des orientalistischen Märchens und der physischen Verkörperung der Freudschen Psychologie und präsentiert uns stattdessen eine reduzierte Bühne, auf der Schauspiel und Musik im Vordergrund stehen – wenn auch gespickt mit einer großzügigen Portion theatralischer Effekte.

Wenn jemand das Starpotenzial hat, Kosky auf dem Höhepunkt seines Schaffens in den Schatten zu stellen, dann ist es sicherlich Klaus Mäkelä. Unter seiner Leitung bot das Orchestre de Paris eine aufschlussreiche Interpretation von Richard Strauss’ opulenter, facettenreicher Partitur. Der Begriff „breite orchestrale Palette“ wird dem Ganzen bei weitem nicht gerecht: Es war ein wahres Kaleidoskop an instrumentalen Klangfarben. Jeder Beitrag eines Blasinstruments oder einer Blechbläsergruppe war atemberaubend; die tiefen Blechbläser und das Kontrafagott – die in dieser Partitur so wichtig sind, um Momente des Eingreifens höherer Mächte oder der Angst vor ihnen zu definieren – hatten sichtlich ihren großen Auftritt. Die Momente des Chaos – diese Oper entstand während des Ersten Weltkriegs – waren explosiv. Die zarten Streicherensembles klangen volltönend, ohne jemals zu dominieren.

Im Mittelpunkt der Inszenierung steht die Figur der Amme, jenes böse Genie, das fast alles Wichtige kontrolliert – oder zumindest versucht. Nina Stemme dominierte die Bühne; ihre stimmlichen Fähigkeiten sind ungebrochen, und ihre Darstellung dieser zutiefst zwiespältigen Figur, die zwischen ihrer Menschenfeindlichkeit und ihren widersprüchlichen Loyalitäten gegenüber der Kaiserin und Keikobad hin- und hergerissen ist, war durchweg fesselnd. Vida Miknevičiūtė war eine sensationelle Kaiserin. Es ist eine Stimme von seltener Schönheit ohne einen Hauch von Schärfe, und von ihrer zierlichen Erscheinung zu Beginn an gewann Miknevičiūtė an Statur und stimmlicher Kraft bis zu den entscheidenden Momenten im zweiten Akt, als sie die Amme verbannt. Victoria Behrs Kostüm für sie im ersten Akt war ein Kunstwerk für sich und erzeugte den im Libretto beschriebenen Effekt, dass das Licht ungehindert durch ihren Körper dringt.

In den Eröffnungsszenen sind Michael Levines Bühnenbilder karg und dunkel. Während wir in die Welt der Männer hinabversetzt werden, hält Kosky die erste Überraschung bereit: Baraks Haus und Werkstatt ist eine mehrstöckige Konstruktion aus Gerüsten und Steampunk-Elementen, die horizontal auf einen beengten und engen Raum komprimiert ist – ein Spiegelbild der Lebensumstände der Färber –, während sie vertikal erweitert wurde, damit die Figuren verschiedene Räume gleichzeitig bewohnen können. Dies bildet den Rahmen für zwei herzzerreißende Momente: das orchestrale Zwischenspiel, in dem Barak und seine Frau zueinanderfinden und stillschweigend verstehen, dass ihr Leben trotz aller harten Worte schwer ist und jeder tut, was er kann, sowie später den Chor der Wächter, der die eheliche Liebe und die Geburt von Kindern preist (wiederum Anklänge an den Ersten Weltkrieg und die Notwendigkeit der Bevölkerungszunahme). Brian Mulligan lieferte eine hervorragende Darstellung des Barak, der trotz seines niedrigen Standes die einzige durchweg edle Figur des Stücks ist. Ambur Braid porträtierte die Ehefrau als komplexe Frau, die zunächst von den Umständen und dann von der Amme an Orte getrieben wird, an die sie nicht gehen möchte.

Es stehen noch weitere dramatische Wendungen bevor: der junge Mann als ganz in Silber gekleideter griechischer Gott, brillant getanzt von Prinz Mihai, die Ansprache des Kaisers im zweiten Akt, die Michael Spyres voller Autorität auf einem riesigen Schaukelpferd singt, während er sich der (unsichtbare) Hütte des Falkners nähert, kopflose Tänzerinnen in funkelnden Ballkleidern als von der Amme projizierte Fantasien, ein paar Zeilen von Héloïse Mas, die hoch oben im Publikum als Stimme von oben die Show stiehlt, sowie ein furchterregender, körperloser Kopf auf mehreren Beinen, der die Metapher vom zu Stein erstarrenden Kaiser verkörpert.

Im letzten Akt gibt es einen echten Schock. Die Bühne, die die ganze Zeit über dunkel war, verwandelt sich in einen schmucklosen weißen Quader, dessen Wände aus allen Winkeln so grell beleuchtet sind, dass niemand auch nur den geringsten Schatten werfen könnte. Und doch können Barak und seine Frau trotz all dieses Lichts einander nicht sehen, während sie verzweifelt die gesamte Breite der Bühne des Grand Théâtre de Provence hin und her durchqueren. Es ist herzzerreißend, doch der Akt gewinnt noch an Kraft und gehört ganz Miknevičiūtė, als die Kaiserin ihrem Vater Keikobad den Wert der Menschlichkeit mit einer Stimme verdeutlicht, deren Stärke und Schönheit unbestreitbar sind.
Ich persönlich neige zu der Vorstellung, dass der Schatten die menschliche Seele ist. Aber das ist meine persönliche Meinung: Entscheidend ist, dass Kosky und Mäkelä in dieser Frau ohne Schatten diese äußerst anspruchsvolle Oper in ihrer ganzen herrlichen Komplexität, mit all ihren Verwirrungen und Widersprüchen für sich selbst sprechen lassen und dabei durchweg für großartige Unterhaltung und starke Emotionen sorgen. Es ist kaum zu glauben, dass dies erst Mäkeläs zweite Inszenierung im Opernorchestergraben war: Man darf dem Festival in Aix keinesfalls vorwerfen, risikoscheu zu sein. Das fühlt sich wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft an.
Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.






