Die Metropolitan Opera eröffnete ihre 141. Spielzeit mit einer Neuinszenierung von Macbeth, Giuseppe Verdis Adaption von Shakespeares Meisterwerk über die Grenzen menschlichen Ehrgeizes. Für ihr Haus-Debüt hat die Regisseurin Louisa Proske, Mitbegründerin der Heartbeat Opera – einer in New York ansässigen Opernkompanie, die für ihre kühnen, innovativen Adaptionen klassischer Meisterwerke bekannt ist –, eine düstere, psychologisch geprägte, postapokalyptische Ödnis geschaffen.

Quinn Kelsey (Macbeth) und Chor © Marty Sohl | Met Opera
Quinn Kelsey (Macbeth) und Chor
© Marty Sohl | Met Opera

Mit zerbombten Betonwänden, Schutthaufen, schwelenden Scheiterhaufen und schottischem Nebel verbindet Jon Bausors drehbares Bühnenbild traditionelle elisabethanische Bildsprache mit modernistischen Elementen und nutzt die sich langsam bewegende Drehbühne der Met geschickt, um nahtlos von einer klaustrophobischen Szene zur nächsten überzugehen. Die unheimlichen Schatten, die Adam Silvermans Lichtdesign wirft, verstärken die geheimnisvolle, bedrohliche Atmosphäre. Montana Levi Blancos überwiegend graue Kostümentwürfe, durchsetzt mit leuchtenden Blutflecken und Lady Macbeths prächtigen Kleidern, vermitteln ebenso gekonnt das Bild einer rauen und chaotischen Welt.

In dieser trostlosen Kulisse verlieh Quinn Kelsey, der sich in den jüngsten Met-Inszenierungen von Aida und Rigoletto als meisterhafter Verdi-Bariton erwiesen hatte, der Titelrolle unverkennbare Autorität. Mit seinem äußerst raffinierten Ton, seiner magnetischen Bühnenpräsenz und seiner bemerkenswerten Fähigkeit, emotionale Verletzlichkeit zum Ausdruck zu bringen, schuf er eine brillante Darstellung des schwachen Generals, der von seiner willensstarken Frau dominiert wird, und setzte damit einen neuen Meilenstein in seiner Met-Karriere. Er sang durchweg mit unfehlbarem Geschmack, Feinsinn und Fantasie und bot zwei herausragende Momente, die sein dramatisches Engagement und seine enorme stimmliche Kontrolle unter Beweis stellten.

Quinn Kelsey (Macbeth) und Lise Davidsen (Lady Macbeth) © Marty Sohl | Met Opera
Quinn Kelsey (Macbeth) und Lise Davidsen (Lady Macbeth)
© Marty Sohl | Met Opera

In seinem entscheidenden Dolch-Monolog im ersten Akt, in dem er sich erst zum Mord an König Duncan entschließt, danach jedoch von Entsetzen erfasst wird, wechselte sein Klang gekonnt von einem wunderbar sanften Piano zu einem kraftvollen Forte und spiegelte so den zunehmenden Wahnsinn und das Zögern seiner Figur wider. In der Bankettszene unterstrich seine zunehmend abgehackte und stakkatoartige Phrasierung den sich rasch verschlechternden psychischen Zustand Macbeths, während er auf den Tisch klettert und ein gebratenes Wildschwein angreift, das er für den Geist seines ermordeten Kameraden Banquo hält.

Lise Davidsens mit Spannung erwartetes Bühnendebüt in der Rolle der manipulativen, machthungrigen Lady Macbeth war etwas enttäuschend. Zwar war ihr wunderschöner dramatischer Sopran in Höchstform und ihr Gesang bot einige mitreißende Momente, doch gelang es ihr schauspielerisch nicht, die blutrünstige Rücksichtslosigkeit einer ehrgeizigen Frau, die in den Wahnsinn abgleitet, vollständig einzufangen. Während sie in den früheren Teilen der Partitur kraftlos und schauspielerisch zögerlich wirkte, hinterließ sie in den späteren, düstereren Momenten einen stärkeren Eindruck. Der Höhepunkt ihres Auftritts war „Una macchia è qui tuttora“, die zutiefst eindringliche Schlafwandelszene im vierten Akt, in der ihre Stimmführung mitreißend war.

Lise Davidsen (Lady Macbeth) und Quinn Kelsey (Macbeth) © Marty Sohl | Met Opera
Lise Davidsen (Lady Macbeth) und Quinn Kelsey (Macbeth)
© Marty Sohl | Met Opera

Während die Macbeths den größten Teil der Oper über die Bühne beherrschen, gehören einige wichtige Momente den Nebenfiguren und dem Ensemble. Als Banquo, Macbeths treuer General, der zu seinem Opfer wird, zeigte der amerikanische Bassbariton Ryan Speedo Green eine zurückhaltende stimmliche und schauspielerische Präsenz, brachte jedoch die nötige väterliche Wärme in seine Warnungen vor den Prophezeiungen der Hexen ein. Als der schottische Adlige Macduff, der die Truppen versammelt und Macbeth tötet, hatte der britische Tenor Freddie De Tommaso nur eine einzige Arie, „Ah, la paterna mano“; doch da sie unmittelbar darauf folgte, dass seine Figur erfahren hatte, dass seine Frau und seine Kinder getötet worden waren, bildete sie den emotionalen Mittelpunkt des vierten Aktes. Mit quälender Intensität und einem exquisit lyrischen Ton gesungen, gehörte seine herzzerreißende Darbietung zu den beeindruckendsten Gesangsleistungen des Abends.

Anstatt in mehreren isolierten Szenen aufzutreten, war die Kerngruppe der zwölf Hexen – unter Proskes Regie zeitweise ergänzt durch Tänzer und Chormitglieder – eine ständige Präsenz auf der Bühne. Sie kletterten über Mauern, tauchten aus Rissen auf und beobachteten das Geschehen von verschiedenen Aussichtspunkten aus; so waren sie vollständig in die Handlung eingebunden, wobei ihr durchgehend einheitlicher und dämonischer Gesang dem Abend eine besonders schaurige Note verlieh.

The Metropolitan Opera Chorus © Marty Sohl | Met Opera
The Metropolitan Opera Chorus
© Marty Sohl | Met Opera

Tilman Michaels hervorragende Met-Chorsänger nutzten ihre zahlreichen Auftritte optimal. In ihrer Rolle als schottische Flüchtlinge war ihre präzise, von tiefer Trauer geprägte Darbietung des berühmten Chors „Patria oppressa“ ein emotionaler Höhepunkt des Abends. Unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin lieferte das großartige Met-Orchester eine energiegeladene und leidenschaftliche Darbietung, die das Drama und die übernatürlichen Klangfarben, die in Verdis düster-stimmungsvoller Partitur verborgen sind, voll und ganz einfing.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

Quinn Kelsey (Macbeth) und Chor © Marty Sohl | Met Opera
Quinn Kelsey (Macbeth) und Chor
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Lise Davidsen (Lady Macbeth) und Quinn Kelsey (Macbeth) © Marty Sohl | Met Opera
Lise Davidsen (Lady Macbeth) und Quinn Kelsey (Macbeth)
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Quinn Kelsey (Macbeth) und Lise Davidsen (Lady Macbeth) © Marty Sohl | Met Opera
Quinn Kelsey (Macbeth) und Lise Davidsen (Lady Macbeth)
© Marty Sohl | Met Opera
The Metropolitan Opera Chorus © Marty Sohl | Met Opera
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