Coburgs nun 200-jährige Theatergeschichte, nach Gründung des ersten eigenständigen Hoftheaters durch Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha, feiert das Landestheater in diesem Jahr unter dem künstlerischen Leitgedanken der Epoche der Romantik, in die die Entstehung des Hauses fällt. Hatte die Saisoneröffnung mit der Uraufführung einer modernen Sicht auf den Stummfilm-Klassiker Das Cabinet des Dr. Caligari, als multiperspektivisches Musiktheater für Sänger, Tänzer, Chor und großes Orchester, noch für gemischte Reaktionen gesorgt, war nach der umjubelten Premiere des romantischen Opernhits La traviata von Giuseppe Verdi ungetrübte Begeisterung bei Publikum und Ensemble zu spüren.

Turbulente Jahre liegen inzwischen hinter dem oberfränkischen Theaterbetrieb, der 2023 sein angestammtes historisches Hauptgebäude im Herzen der Stadt wegen einer aufwendigen Sanierung verlassen musste. Kaum im neuen Globe-Theater angekommen, für welches das elisabethanische Londoner Vorbild Pate gestanden hatte bei der runden äußeren Hülle des Bauwerks, verließen kurz hintereinander Intendant Neil Barry Moss und Generalmusikdirektor Daniel Carter die Kulturstätte. Vollendet hatte Carter noch den seit 2021 geschmiedeten Coburger Ring des Nibelungen, von Alexander Müller-Elmau inszeniert; er übernahm bereits in der Spielzeit 2025/26 die Aufgabe des Musikdirektors am Deutschen Nationaltheater Weimar. Ulrich Peters wurde als Interims-Intendant des Hauses für zwei Spielzeiten bis Ende Juli 2028 berufen.

So war die Aufmerksamkeit des Publikums insbesondere auf den neuen GMD Tommaso Turchetta gerichtet, der nach den Vordirigaten der ausdrückliche Wunschkandidat des Orchesters gewesen war. Der in Neapel geborene Dirigent gehörte seit der Spielzeit 2023/24 in Essen zum musikalischen Leitungsteam des Aalto Theaters, wo er viele Inszenierungen aus dem italienischen Fach betreute.
Der als Intendant der Den Jyske Opera Aarhus tätige Philipp Kochheim versetzte die Handlung des Librettos von Francesco Maria Piave, dem Roman La Dame aux Camélias von Alexandre Dumas d. J. folgend, in ein gegenwartsbezogenes Umfeld. Ariane Unfrieds Kostüme sind modische weiße Freizeitkleidung im ersten Akt, im Billard-Kasino des dritten Akts dann lockere Abendgarderobe. Der Bote eines Paketdienstes bringt Eilpost ins Haus, Treffen werden per Smartphone arrangiert. Die etwas kryptische Bilderkollektion des einheitlichen Bühnenumfassung von Rifail Ajdarpasic zeigt in kleinen Schlaglichtern, wie verletzlich Hüllen und Häute in Natur und menschlichem Lebensumfeld werden können.

Kochheim ließ sich inspirieren von der Lebensgeschichte der bei Dumas porträtierten Marie Duplessis, gefeierte Kurtisane der Pariser Gesellschaft umgeben von Luxus und Vergnügungen. Im Zentrum steht sie als Violetta Valéry, die sich nach einer unheilbaren Schwindsucht-Erkrankung noch einmal in das Leben verliebt. Ihr Wunsch nach persönlichem Glück mit dem jungen Alfredo Germont zerbricht aber an den Konventionen ihrer Zeit, als Vater Giorgio Germont in Sorge um die Verheiratung der Tochter dem Sohn Alfredo die Liaison untersagt. Sogar kleine Begebenheiten aus Duplessis’ Leben fügt Kochheim bewegend ins Spiel ein, so die Versteigerung ihrer Habseligkeiten noch zu ihren Lebzeiten, die sie schwerkrank ertragen muss. Die Tragik, wie nach ihrer Aussöhnung mit Alfredo sowie Giorgio ein kurzes Aufleben durch die Schwindsucht jäh enden muss, wird aufwühlend in Szene gesetzt.
Für die dramatische Zuspitzung von Violettas letzten Lebenswochen fand Turchetta die adäquaten Klangcharaktere: von Hoffnung tragendem, silbrig zerbrechlichem Streicherflirren der Ouvertüre bis in packende Crescendi langer Spannungsbögen, die sich in der drastischen Zuspitzung ihrer Lebenssituation abspielten. Diese ebenso gelassene wie leidenschaftliche Italianità von Verdis mitreißender Musik vermittelte Turchetta unwiderstehlich den Philharmonikern, denen eine großartige musikalische Offenlegung der Stimmungen um Violettas Leidensweg gelang.

Großen Anteil am Erfolg hatte im fabelhaften Ensemble auch die neu engagierte, deutsch-ukrainische Sopranistin Maryna Zubko, die stimmlich wie gestisch zur Idealbesetzung einer leidenschaftlichen Violetta wuchs und in dieser vokalen Brillanz bald überregional gefragt sein wird. Mit substanzstarken Pianissimi ebenso wie dramatischer Sopranhöhe, dezent nur mit wohldosiert erregendem Vibrato ausgekleidet, zog sie von der Auftrittsarie „Libiamo ne'lieti calici“ bis zum zweifelnden „È strano! È strano!“ die Zuhörer in ihren Bann.
Wegen stimmlicher Indisposition musste die Partie des Alfredo leider aufgeteilt werden: der Tenor Jaeil Kim konnte in der Premiere die Rolle nur szenisch ausfüllen; vokal glänzte daneben der kurzfristig eingesprungene Alejandro del Angel vom Aalto Theater Essen. Daniel Carison brachte mit noblen, wunderbar aufgefächerten Baritonfarben eine tief beeindruckende Wandlung von Giorgio Germonts Einstellung zu Violetta, die er am Ende sogar als Tochter umarmen möchte.

Violettas lebensfrohe und doch rücksichtsvolle Freundin Flora wurde von Emily Lorini mit charaktervollem Mezzosopran vorzüglich verkörpert. Adriana Mileto war eine stimmschön fürsorgliche Annina im Haus der Violetta, die besonnen heimlich Wertsachen in Paris verkaufte, um für Violetta Geld zu beschaffen.
In Philipp Kochheims schlüssiger Inszenierung, insbesondere aber in Tommaso Turchettas faszinierender musikalischer Durchleuchtung kann das Coburger Theater auf diesen neuen Besuchermagneten stolz sein.























