Quartettmusikerin, Solistin, Leiterin der Camerata de Bern: Antje Weithaas hat überall ihre Finger im Spiel. Aber es war ihre Leidenschaft für die Lehre, die mir auffiel, als ich sie in einem Klassenzimmer der Hochschule Hanns Eisler in Berlin traf. Es gibt kaum einen internationalen Wettbewerb, der nicht einen Preisträger aus dieser Eliteklasse hat: Tobias Feldmann, Feng Ning, Sarah Christian (Deutsche Kammerphilharmonie Bremen), Clémence de Forceville (Trio Sōra)... die Liste ist endlos. Die Pädagogin wirft einen klugen, aber auch verschmitzten Blick darauf, was in der heutigen Musikwelt auf dem Spiel steht.

Antje Weithaas © Giorgia Bertazzi
Antje Weithaas
© Giorgia Bertazzi

Pierre Liscia: Arthur Grumiaux hat gesagt, es wäre undenkbar, Solist ohne Lehrer zu sein. Was halten Sie davon? Wann kam bei Ihnen der Wunsch zu unterrichten?

Antje Weithaas: Der Wunsch ist sehr früh entstanden. Die Hanns Eisler Hochschule kenn ich als Student. Ich war 17, als ich dort anfing zu studieren. Mit 24 habe ich abgeschlossen und gleich im Lehrauftrag angefangen zu unterrichten. Manchmal denke ich „ich soll doch meinen ersten Schülern eine Entschuldigung schreiben”. Man lernt doch sehr viel mit den Jahren! Was in einem Unterricht passiert ist eine ganz große Selbstreflektion. Jedesmal wenn ich ein Stück unterrichte, erkenne ich etwas Neues. Sehr oft kriege ich auch Ideen durch die Studenten, weil ich auch die große Chance hatte, schon am Anfang sehr begabte Studenten zu unterrichten.

Berlin ist eine der seltenen Städte der Welt mit zwei Musikhochschulen. Sie hatten die Chance, in beiden Schulen zu unterrichten. Haben Sie einen Unterschied gemerkt, hauptsächlich im Verhältnis zur früheren Ost-West-Spaltung ?

Es ist schon ziemlich lange her! Ich glaube, der Unterschied ist mit den Jahren verschwunden. Heute ist es an der Hanns Eisler so international wie an der UdK. Als Student sucht man mehr einen Lehrer als eine Schule, weil der Unterricht in dieser sehr einzigartigen Eins-zu-eins-Situation stattfindet. Für mich ist es eher abhängig von den Kollegen und Studenten als von der Schule! Natürlich ist es für mich an der Hanns Eisler einfacher, weil ich auch dort studiert habe und die Schule als Kind kannte.

Hat die Pandemie Ihre Art zu unterrichten verändert?

Für unseren Beruf ist es eine reine Katastrophe, und es ist auch sehr schade, dass jetzt beim zweiten Lockdown wieder die Kultur betroffen ist, obwohl sich alle mit Hygiene-Konzepten so bemüht haben. Während des ersten Lockdowns sollten wir alle digital unterrichten. Das hat, glaube ich, den Studenten schon geholfen, auch wenn es nicht gleichwertig zum Präsenzunterricht ist. Ehrlich gesagt kann man nicht effizient über Zoom unterrichten. Deshalb haben wir mit den Studenten beschlossen, dass sie mir Aufnahmen schicken sollen und dann über Zoom darüber sprechen. Aufnahmen sollten die Studenten auch in normalen Zeiten machen, aber jetzt waren sie dazu gezwungen und es hat einigen sehr geholfen. Aber keiner will jetzt zurück zum Zoom-Unterricht! Was mich besonders traurig macht, ist, dass wir nicht sicher sind, ob den Studenten all die großartigen Möglichkeiten (wie zum Beispiel Einladungen, zum ersten Mal als Solist in einem großen Saal aufzutreten) wieder angeboten werden.

Antje Weithaas © Giorgia Bertazzi
Antje Weithaas
© Giorgia Bertazzi

Als das Konservatorium in Paris gegründet wurde, gab es eine Tradition von Methoden: Alle Schüler mussten die gleichen Werke bearbeiten und einstudieren. Was halten Sie davon?

Natürlich finde ich es interessant, dass wir uns durch die Zugehörigkeit zu einer Schule von anderen abgrenzen können. Aber als Lehrerin ist es mein Ziel, dass sich die Schüler in allen Stilen wohlfühlen. Was mich betrifft, so habe ich auch das Glück, besonders begabte Studenten zu unterrichten. Und es macht kein Sinn, dass ein Meisterschüler, der schon fast alles spielen kann, Rode-Etüden übt!

Welches Werk spielen Sie so oft wie möglich alleine, wenn Sie Ihre Stimme mit Ihrem Instrument wiederfinden müssen?

Immer Bach, natürlich! Seine Werke sind die beste Selbstreinigung, die es gibt, für die Seele und die Geige. Wenn ich ein Bach-Solowerk spiele, muss ich sowieso fit sein. Bach hat diese doppelte Fähigkeit, uns sofort innerlich zu beruhigen und uns gleichzeitig neugierig zu machen: Man findet immer etwas Neues! Was ich auch spiele, besonders in Coronazeiten, sind Paganini-Capriccios. Sie sind großartig für das Beibehalten einer guten Technik. Obwohl die Motivation, daran zu arbeiten, manchmal, naja, schwer zu finden ist!

Was halten Sie von historisch informierten Interpretationen, z.B. von Bach?

Die finde ich wahnsinnig wichtig! Was uns das Studium der Barockmusik gebracht hat, ist eine viel stärkere Rhetorik und Freiheit...und es dreht sich nicht nur um Barockmusik. Fast jeder große Komponist der deutschen Musikgeschichte hat seine Wurzeln in Bach, und wenn man versteht wie Polyphonie, Rhetorik, Timing bei Bach funktionieren, kann man auch die späteren Stile besser spielen. Ob man jetzt auf historischen Instrumenten spielt, ist noch eine andere Frage, aber selbstverständlich sollte man unbedingt mit einem barocken Bogen und Instrument üben, um zu verstehen, wie sie reagieren, wie der Bogen artikuliert. In meinem Fall habe ich versucht, das auf moderne Instrumente zu übertragen. Es ist eine sehr persönliche Entscheidung. Wenn ein Student Bach mit Barockbogen studieren will, ist er natürlich willkommen! Es ist für mich sehr wichtig, dass jeder Student seine eigene Stimme findet. Es ist für mich ganz furchtbar, wenn einer meiner Studenten spielt und jemand sagt: „Ah, der studiert mit Antje Weithaas!”.

Antje Weithaas © Marco Borggreve
Antje Weithaas
© Marco Borggreve

Heute ist es fast unmöglich, eine Karriere ohne internationale Wettbewerbe aufzubauen...
Ist es wirklich noch möglich, eine Karriere mit Wettbewerben zu machen? (Sie lacht). Das war auch eine der Gründe, warum ich zusammen mit Oliver Wille den Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb übernommen habe, obwohl ich dem gesamten, sagen wir mal, Wettbewerbs-„Geschäft” sehr kritisch gegenüberstehe. Es gab, sozusagen, einen richtigen Wettbewerbstourismus, immer mit den gleichen Leute. In Bezug auf die Teilnehmer gab es natürlich Ausnahmen, aber die meisten Kandidaten haben nicht dadurch eine Karriere gemacht. Deshalb haben wir uns gefragt: Wie kann man diesen Graben zwischen  Wettbewerb und dem Musikmarkt schließen?

Wir haben zum Beispiel das Programm verändert: Wir bitten die Kandidaten, Kammermusik aufzuführen und die Camerata Bern in Bartóks Divertimento zu leiten. Wir haben weiters eine Jury zusammengestellt, die aus sehr unterschiedlichen Richtungen kommt, auch von der Barockmusik. Der Joseph Joachim Violinwettbewerb hatte und hat im Unterschied zu vielen anderen Wettbewerben keine Paganini Capricen im Programm (wie kann es sein, dass heute ein Paganini Capriccio mehr Wert ist als stilistisch gut gespielter Bach?), weil schnelle Finger alleine können sowieso keine Karriere tragen! Paganini selbst hat diese Capricen nie vor Publikum gespielt. Wir suchen wirklich den denkenden Musiker, und haben den Wettbewerb als eine Plattform für einen Start ins Musikleben ausgelegt.… Und zum Glück haben wir die Unterstützung des Landes Niedersachsen. 

Was halten Sie vom aktuellen Trend, dass Wettbewerbsteilnehmer hinter dem Vorhang spielen?

Natürlich verstehe ich, wo das herkommt, aber ich glaube, bei einem Wettbewerb, wo es um künstlerische Persönlichkeiten geht, kann ich ihn nicht hinter einem Vorhang spielen lassen. Es ist auch wichtig zu sehen, welche Ausstrahlung ein Kandidat hat: man füllt  einen Saal nicht nur nur mit einem Klang, sondern auch mit einer Persönlichkeit.

Sie haben kürzlich das Tripelkonzert von Beethoven aufgenommen, nach vielen Jahren Erfahrung im Streichquartett? Ist das Tripelkonzert für Sie eher solistisch oder Kammermusik?

Wenn ich ehrlich bin, gibt es für mich keinen großen Unterschied. Wenn ich ein spätes Beethoven-Streichquartett spiele, brauche ich mindestens die Fähigkeiten als Geigerin, die ich auch im Beethoven-Konzert brauche. Und was das Tripelkonzert betrifft, so ist es ebenso sehr eine Symphonie. Wie in der Kammermusik muss man die gleiche Idee, die gleiche Energie haben – in diesem Fall mit dem Dirigenten und dem Orchester.

Sie waren zehn Jahre Konzertmeisterin der Camerata Bern, ein Ensemble von etwa zwanzig Musikern. Was gefällt Ihnen an dieser Position verglichen mit der in einem Symphonieorchester?

Es ist eine ganz andere Art, Musik zu machen. Wenn der Dirigent vor dem Orchester steht, kommt die Energie vor allem von ihm. Ohne Dirigenten brauche ich als Leiterin die Energie von jedem einzelnen Musiker. Ich habe fast nie im Orchester gespielt, ich habe also mein ganzes Orchesterrepertoire mit der Camerata Bern gespielt.

Sie spielen wie Christian Tetzlaff eine moderne Violine von Stefan-Peter Greiner. Warum diese Wahl?

Einige Geiger wollen unbedingt eine alte Geige spielen; ich wollte ganz einfach eine gute Geige! Letztendlich soll eine Geige das Potenzial haben, sein Innerstes zum Schwingen zu bringen. Verglichen mit der alten italienischen Geige, die ich zuvor gespielt habe, hat meine Greiner eine unglaubliche Wandlungsfähigkeit, dynamisch riesengroße Möglichkeiten, und der Klang ist immer sehr fokussiert. In meinem Fall war es auch genial, dass der Geigenbauer mich kannte, bevor er die Geige gebaut hat. Sein Wissen über die Art und Weise, wie ich Geige spiele, hat ihn vielleicht ein bisschen beeinflusst.

Zum Abschluss, welchen Rat würden Sie einem jungen Violinisten zu Beginn seiner Karriere im aktuellen Kontext geben?

Was ich meinen Studenten sage, ist, dass wir sicherlich einen viel kleineren Markt für klassische Musik nach der Pandemie vorfinden werden. Es wird weniger Stellen geben, weniger Geld für Kultur. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich heute nicht  20 bin! Das bedeutet, Qualität, die natürlich immer wichtig war, wird noch wichtiger. Ich habe meine Studenten auch ermutigt, an grundlegenden Techniken und Schwachstellen (wie Vibrato oder Klangqualität) zu arbeiten, weil sie endlich die Zeit dazu haben. Wenn die Konzerte und Wettbewerbe aufeinander folgen, ist es für die Studenten schwierig, sich bei der Vorbereitung langer und anspruchsvoller Programme instrumental zu hinterfragen. Schließlich ist dies wahrscheinlich das letzte Mal in ihrem Leben, dass sie Zeit haben, sich wirklich mit ihrem Instrument in Ruhe auseinanderzusetzen!