Oft wird Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust szenisch nicht aufgeführt. Vom Komponisten als „dramatische Legende“ konzipiert, bewegt sich das Stück zwischen Oper, Oratorium und Chorsinfonie. Die episodische Dramaturgie folgt zwar den wesentlichen Stationen aus Goethes Faust, verzichtet jedoch auf eine kontinuierliche psychologische Entwicklung und setzt auf musikalische Kontraste und orchestrale Virtuosität. Die Regie wird also durchaus vor eine große Herausforderung gestellt, denn bei einer Werkdauer von zwei Stunden und vielen dramaturgischen Längen ist die Gefahr groß, dass der Abend in gepflegte Langeweile abdriftet. Die Grazer Oper stellte sich dieser Herausforderung zur Saisoneröffnung nun mit einer Produktion, die visuell ein ganz großer Kracher ist, musikalisch jedoch nicht wirklich ins Schwarze traf.

Nikita Ivasechko (Méphistophélès) © Werner Kmetitsch
Nikita Ivasechko (Méphistophélès)
© Werner Kmetitsch

Denn der einzige, aber markante, Schwachpunkt des Abends war, dass die Musik durch die Platzierung des Orchesters auf der Hinterbühne zu einer Nebendarstellerin degradiert wurde. Die räumliche Distanz erschwerte nicht nur die akustische Durchsetzung, sondern auch die Koordination mit den Solisten, denen der unmittelbare Blickkontakt zum Dirigenten fehlte; stattdessen mussten sie mit auf der Bühne verteilten Bildschirmen vorliebnehmen. Hinzu kam eine permanente szenische Unruhe, die selbst ausgedehnte Orchesterpassagen kaum zur Geltung kommen ließ; bisweilen waren die Schritte des Chors durch die in den Zuschauerraum gezogene Bühne präsenter als das musikalische Geschehen.

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Pavel Petrov (Faust) © Werner Kmetitsch
Pavel Petrov (Faust)
© Werner Kmetitsch

Dass Berlioz’ Musik dennoch immer wieder ihre volle Magie entfalten konnte, spricht für die Qualität des Orchesters und die umsichtige musikalische Leitung von Johannes Braun. Das Orchester interpretierte Berlioz‘ Partitur mit differenzierter Phrasierung, einer ausgeprägten dynamischen Bandbreite und Gespür für den romantischen Klang. Besonders in den lyrischen Passagen entfaltete sich ein nuancenreicher, schwelgerischer Ton, während die dramatischen Höhepunkte mit entsprechender Wucht gestaltet wurden.

Anna Brull (Marguerite) und Nikita Ivasechko (Méphistophélès) © Werner Kmetitsch
Anna Brull (Marguerite) und Nikita Ivasechko (Méphistophélès)
© Werner Kmetitsch

Viel mehr als für die Musik schien sich Regisseur Lorenzo Fioroni aber für alles andere auf, neben und vor der Bühne zu interessieren. Gemeinsam mit Bühnenbildner Sebastian Hannak schuf er eine Spielfläche, die weit in den Zuschauerraum hineinreichte und das Publikum unmittelbar in das Geschehen einbezog. Die Handlung begann bereits vor dem musikalischen Einsatz mit Doktor Fausts missglückten Experimenten, bevor sich die Bühne in einen Schauplatz politischer Unruhe, grotesker Begegnungen und zunehmend surrealer Bilder verwandelte. Mephistopheles erschien zuerst in einem sehr an Thomas Anders zu Modern-Talking-Zeiten erinnernden Look und dann in Drag, wobei er stets in einer elektrischen Pferdekutsche vorfuhr. Marguerite wiederum wurde zur gefeierten Cabaret-Sängerin umgedeutet, die das naive und unschuldige Gretchen lediglich spielt, um Faust zu gefallen.

<i>La Damnation de Faust</i> &copy; Werner Kmetitsch
La Damnation de Faust
© Werner Kmetitsch

Im Zentrum des vokalen Geschehens stand Nikita Ivasechko als Mephistopheles, der die Partie mit souveräner Bühnenpräsenz und subtiler Charakterzeichnung ausstattete. Sein Teufel musste weder dämonisch überzeichnen noch auf plakative Effekte setzen: Mit geschmeidiger Eleganz, trockenem Humor und einer jederzeit spürbaren Überlegenheit beherrschte er das Geschehen. Auch stimmlich überzeugte der Bariton durch sein warmes, farbenreiches Timbre und eine differenzierte dynamische Gestaltung. In tiefer gelegenen Passagen schien die Tessitura für ihn zwar mitunter weniger komfortabel, doch gelang es Ivasechko, solche Momente durch kluge Gestaltung weitgehend abzufedern.

Nikita Ivasechko (Méphistophélès) mit Chor und Statisterie der Oper Graz &copy; Werner Kmetitsch
Nikita Ivasechko (Méphistophélès) mit Chor und Statisterie der Oper Graz
© Werner Kmetitsch

Pavel Petrov bildete als Faust einen idealen Kontrast zum extrovertierten Teufel. Er interpretierte den Titelhelden als einen Mann, dessen intellektuelle Selbstgewissheit längst einer grundlegenden Überforderung gewichen ist. Darstellerisch und stimmlich zeichnete er ein differenziertes Porträt eines Protagonisten, der sich weniger aus Leidenschaft als aus innerer Leere in die Hände des Teufels begibt. Sein weich timbrierter Tenor brachte insbesondere die melancholische Komponente der Partie überzeugend zur Geltung, verfügt er doch über eine wunderbar lyrische Qualität. Vor allem in den zurückgenommenen Passagen lieferte Petrov eine sensible, berührende Gestaltung; lediglich bei einzelnen exponierten Piani in der Höhe waren gewisse Anstrengungen bzw. Registerbrüche hörbar.

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Anna Brull verkörperte die Marguerite überzeugend als Diva, die zunächst nur aus Spaß die liebende Frau mimt, sich dann aber versehentlich wirklich in Faust verliebt – nur um schnell festzustellen, dass dieser Mann kein romantischer Traumtyp, sondern eine Red Flag auf zwei Beinen ist. Sie überzeugte insbesondere in ihrer großen Arie durch fein schattiert eingesetzte Klangfarben, die all die inneren Konflikte der Figur hörbar machten und mit großer emotionaler Intensität beeindruckten.

Nikita Ivasechko (Méphistophélès) und Pavel Petrov (Faust) &copy; Werner Kmetitsch
Nikita Ivasechko (Méphistophélès) und Pavel Petrov (Faust)
© Werner Kmetitsch

Auch Chor und Extrachor sowie die Kinder der Singschul‘ erwiesen sich nicht nur vokal als wichtige Stützen der Produktion, hatten sie doch in viele verschiedene Rollen zu schlüpfen. Ob als aufbegehrende Menge, Teil des turbulenten Treibens im mystischen Elfenwald oder als groteskes Höllenensemble: Sie fügten sich engagiert und spielfreudig in das Regiekonzept ein. Bei allem kurzweiligen Unterhaltungswert des Regiekonzepts – ein bisschen weniger Spektakel und mehr Vertrauen in die musikalischen Qualitäten des Werks hätten der Produktion letztlich gutgetan.

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