Zur Saisoneröffnung holte die Wiener Staatsoper eine Inszenierung wortwörtlich aus dem Kostümfundus, die bei ihrer Premiere vor zwei Jahren für reichlich Tumult gesorgt hatte. Die Aufregung hat sich mittlerweile gelegt – wozu auch buhen, wenn der Regisseur bei einer Repertoirevorstellung ohnehin nicht im Haus ist? – und das Publikum hat sich mit grauem Beton statt spanischem Hof abgefunden.

Zugegebenermaßen funktioniert Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Verdis Don Carlo (der italienischen, vieraktigen Version) im ersten Akt auch noch durchaus gut: Man lernt die Mitarbeiter eines Kostüminstituts kennen, die im Grunde die gleichen Probleme in ihrem Leben haben, wie die historischen Figuren, die sie erforschen. Egal ob Escorial oder Museum – es menschelt gewaltig am Arbeitsplatz und Liebe und Intrigen überschatten den Job. Wobei natürlich die Beziehung zwischen Elisabetta und Carlo in diesem modernen Setting längst nicht so unmöglich scheint, wie sie es am spanischen Hof des Originals war – ein Gespräch mit der HR-Abteilung, ein paar gekränkte Eitelkeiten sowie eine Scheidung und einen Jobwechsel später könnten die stellvertretende Geschäftsführerin und der wissenschaftliche Mitarbeiter in dieser Inszenierung eigentlich glücklich miteinander werden.

Das Konzept, Carlo und Posa als Aktivisten (wofür oder wogegen weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht) einzuführen, ergibt dann auch noch Sinn, aber wenn klar wird, dass sich ihr Protest gegen übermäßigen Konsum und Fast Fashion richtet, beginnt sich der Abend gewaltig zu spießen. Würde es sich bei Philipps „Reich” um eine Fast-Fashion-Brand handeln, könnte man dem Gedanken ja noch folgen, aber es erschließt sich wirklich nicht, warum sich die Rebellion gegen ein Kostüminstitut, das sich der Bewahrung historischer Kleidungsstücke widmet und somit ein Gegenentwurf zu schnelllebigem Konsum ist, richtet. Völlig unlogisch wird es übrigens, als sich librettogemäß auch noch die Kirche mit dem Großinquisitor einschaltet und die Regie im dritten und vierten Akt verzweifelt versucht, einen roten Faden zu generieren, der aber schon vor der Pause verloren gegangen ist.

All den Ungereimtheiten der Regie zum Trotz warf sich Vittorio Grigolo mit viel Energie in den Abend und verlieh dem Don Carlo eine große Portion schmachtend-verzweifeltes Pathos. Die Stimme strahlte, die Spitzentöne saßen und der emotionale Ausdruck wurde stets voll aufgedreht. Darstellerisch weniger exaltiert, aber stimmlich ebenso glanzvoll, ging an seiner Seite Elena Stikhina als Elisabetta ans Werk, wobei sie die Rolle mit Legatobögen voll Eleganz, zarten Piani und technischer Raffinesse – etwa in sanft aufblühenden Höhen – ausstattete.

Bereits seit der Premierenserie mit dieser Inszenierung vertraut ist Étienne Dupuis und die Erfahrung merkte man ihm an, denn er gestaltete die Rolle des Rodrigo in jeder Hinsicht überzeugend. Da saß jedes schauspielerische Detail und auch stimmlich blieben keinerlei Wünsche offen – sein warm timbrierter Bariton strömte energisch in der geplanten Rebellion und sorgte schließlich mit gefühlvollen Farben in der Sterbeszene für Gänsehaut. Ebenso routiniert gestaltete Eve-Maud Hubeaux die Eboli und verlieh ihr mit in allen Lagen elegant geführtem Mezzosopran die nötige Portion Intrigantentum; aber auch die (zu späte) Reue gelang es ihr überzeugend zu zeichnen.

Als durchwachsen lässt sich die Leistung von Günther Groissböck als Philipp II. beschreiben, denn nur phasenweise blitzten die elegante Phrasierung und das ebenmäßige, mit Farbenreichtum ausgestattete Timbre auf, die ihn einst an die Weltspitze brachten. Stattdessen wirkte er an diesem Abend häufig angestrengt, zuweilen beinahe außer Atem und durch den fast permanent in die eine oder andere Richtung verschobenen Unterkiefer klang die Stimme unfokussiert und dumpf. Mit stimmlicher Wucht stattete hingegen Ain Anger den Großinquisitor aus, wobei er die latente Bedrohlichkeit der kirchlichen Macht mit düsteren Farben gestaltete und keine Zweifel daran ließ, wer an diesem Hof wirklich die Entscheidungshoheit innehat.

Eine saubere Leistung bot der Chor und von den kleinen Rollen stach Ilia Staple als spielfreudiger Tebaldo mit schön geführtem, hell timbriertem Sopran hervor. Nach einem etwas wackeligen Start mit einigen Unsauberkeiten fand dann auch das Orchester unter Pier Giorgio Morandi im Laufe des Abends doch noch zu ansprechender Form und verband feurig forsches Zupacken mit zarten Momente – etwa mit herrlich melancholischen Streicherpassagen am Beginn des dritten Akts oder transparent herausgearbeiteten Details in den Holzbläsern im vierten.


























