Hoffnungslos überbucht und mit Spannung erwartet war Bizets Carmen, die dank Starbesetzung im Vorhinein bereits als die Produktion des heurigen Salzburger Festspielsommers gehyped wurde. Aber wie das oft so ist mit den hohen Erwartungen, wurden längst nicht alle davon restlos erfüllt.

Dabei hätte alleine schon die Inszenierung durchaus viel Potenzial gehabt, denn das Konzept von Regisseurin Gabriela Carrizo legt den Kern des Werks schonungslos frei: ganz ohne Sevilla-Romantik und Femme-Fatale-Fantasie bringt sie in einer kargen Betonwüstenlandschaft eine von Gewalt geprägte Gesellschaft auf die Bühne. Hier gibt es keinen Platz für Helden und Idylle, da lernen Kinder bereits das Schießen auf andere Menschen, Stierkämpfer werden von Hörnern durchbohrt und in zwielichtigen Bars dient Alkohol als Flucht aus der Realität.

Beinahe ist es erstaunlich, wie eindimensional die Charaktere in Carrizos Interpretation trotz dieser spannenden Ausgangslage bleiben – Personenregie sucht man den Abend über vergeblich; allzu oft flüchten sich die Sänger daher an die Rampe. Als wenig klug erwies sich in dieser Hinsicht auch die Idee, sämtliche Dialoge bzw. Rezitative zu streichen, denn so wirkte nicht nur die Handlung inkohärent, sondern die Beziehungen der Figuren zueinander kaum existent.

Generell scheint die Regisseurin an fast allem anderen mehr interessiert zu sein als an den Sängern; da gibt es unter anderem eingespielte Soundeffekte, ein A-capella-Flamenco-Intermezzo von einer weiblichen Lillas Pastia, einen Hirsch, der es nicht schafft aus einem Wasserloch zu trinken und eine Art Gollum mit Heiligenschein während Micaëla ihre Arie singt. Die Idee von Carrizo, ihre Tanzkompagnie Peeping Tom permanent auf der Bühne einzusetzen, erweist sich als missglücktes Experiment, denn auch wenn die Tänzerinnen und Tänzer wirklich Großartiges leisten, lenken sie vor allem von der Oper ab.

Wirklich stark wurde die Inszenierung erst in der finalen Szene, in der Carmen und Don José beschienen von blutrotem Licht alleine in der Betonwüste sind und das Bühnenbild durch das Absenken der Decke immer beklemmender wird und der Femizid schonungslos brutal gezeigt wird. Der Interpretation des Publikums bleibt es überlassen, ob Carmen stirbt oder es schafft, sich schwer verletzt davon zu schleppen. Eindeutig hingegen endet der Abend für Don José – er versinkt in feigem Selbstmitleid und entzieht sich mittels Suizid jeglicher Konsequenz seines Handelns.

Darstellerisch drehte Jonathan Tetelman nach einem bis dahin verhaltenen Abend hier auch endlich voll auf und brachte die Mischung aus gekränktem männlichen Ego und Wahnsinn bedrohlich überzeugend auf die Bühne. Und auch stimmlich hatte er hier seine stärksten Momente, denn während sein dunkel timbrierter Tenor zuvor immer wieder etwas kehlig klang, insbesondere in der Höhe und bei exponierten Piani, strahlte die Stimme im Finale mit intensiven Farben und stählernem Kern.

Mit Spannung waren aber natürlich alle Augen und Ohren auf die Carmen von Asmik Grigorian gerichtet, denn auch wenn sich in der Vergangenheit bereits so manche Sopranistin an die wohl bekannteste Mezzo-Rolle gewagt hatte, ist ein solches Debüt im Rahmen der Salzburger Festspiele noch einmal ein anderes Kaliber. Erwartungsgemäß stürzte sich Grigorian mit vollem Einsatz in die Partie und schaffte es trotz mangelnder Personenregie, der Figur schauspielerisch Dreidimensionalität zu verleihen; und auch stimmlich lieferte sie ein durchaus packendes Portrait der Carmen. Ob aufblühende Höhe, dunkel schattierte Mittellage oder gurrende Tiefe – technisch und interpretatorisch gab es wirklich nichts auszusetzen. Aber so wie eine Bratsche niemals den Klang eines Cellos haben wird, selbst wenn sie die gleichen Töne spielt, so fehlten – zumindest mir – letztlich doch die verführerisch samtigen Farben, die einen echten Mezzosopran ausmachen.

Als angepassten Gegenpol zur unabhängigen Carmen legte Kristina Mkhitaryan darstellerisch die Micaëla an und spann mit delikatem Sopran wunderbar lyrische Bögen voll zarter Farbschattierungen und Gefühl, wobei sie durchaus auch Durchschlagskraft hören ließ in ihren verzweifelten Versuchen, Don José zurückzugewinnen. Davide Luciano beeindruckte als Escamillo ebenfalls auf ganzer Linie, denn er bewältigte die anspruchsvolle Tessitur der Partie mühelos und ließ seine Stimme in seiner Arie bruchlos von der profunden Tiefe über die karamellige Mittellage bis in die sonnengetränkte Höhe fließen. Angesichts dieser geballten baritonalen Strahlkraft verwunderte es eigentlich nicht weiter, dass Carmen diesem Stierkämpfer sofort verfällt.

Sämtliche kleine Rollen waren durchwegs adäquat besetzt, wenngleich es niemand schaffte, seiner Rolle wirklich Profil zu verleihen oder stimmlich herauszuragen. Stark hingegen präsentierten sich die eingesetzten Chöre – bestehend aus dem Utopia Chor, dem Bachchor und dem Kinderchor der Festspiele – die mit exaktem Timing und schönem Klang positiv auffielen.

Teodor Currentzis zog im Graben erwartungsgemäß seine Show ab – so ließ er sein Utopia Orchester etwa wie in einem katholischen Gottesdienst permanent zwischen sitzen und stehen wechseln – und traf bezüglich der gewählten Tempi phasenweise fragwürdige Entscheidungen. So ließ er den Beginn des zweiten Akts ziemlich schleppen, nur um ein paar Minuten später beim Schmugglerquintett die Sänger durch den Text zu hetzen. Aber trotz all dieser Mätzchen muss man gestehen, dass Dirigent und Orchester auch verdammt geniale Momente schufen, etwa im farbenstrahlenden, gefühlsgetränkten Intermezzo und dem vor subtiler Bedrohlichkeit strotzenden Kartenterzett. Die stärksten Momente hatte das Orchester aber zweifellos immer dann, wenn Bizets Komposition und Currentzis’ Dirigat die Leidenschaft so richtig hochfahren ließen; denn dann kreierten die Musiker strahlende Klangwogen, deren hypnotischer Sogwirkung man sich kaum entziehen konnte.


























