Ganz im Zeichen von Antonín Dvořák und der tschechischen Märchenwelt stand der Abend im Grazer Stefaniensaal, den das recreation – Großes Orchester Graz gestaltete. Nachdem Dvořák im Anschluss an die Vollendung seiner Symphonie „Aus der neuen Welt“ beschlossen hatte, dass in Sachen Symphonie aller guten Dinge neun sind, widmete er sich den symphonischen Dichtungen, nach den Volkssagen von Karel Jaromír Erben. Düstere, bisweilen grausame, Geschichten sind es, die aber immer auch mit Poesie und Zauber aufwarten können. Diese Gegensätze hat wohl niemand schöner vertont als Dvořák, der als musikalischer Märchenonkel die tschechischen Wälder und Schlösser in berauschende Musik gegossen hat.

Andrei Ioniţă und Ruth Reinhardt © Margit Kleinburger
Andrei Ioniţă und Ruth Reinhardt
© Margit Kleinburger

Dass es nicht nur um Mitternacht, sondern auch vormittags zwischen 11 und 12 Uhr eine Geisterstunde gibt, davon erzählt das Werk Die Mittagshexe. Ein quengelndes Kind – expressiv von der Oboe dargestellt – stört die das Mittagessen vorbereitende Mutter, deren Ärger sich in den sich aufplusternden Streichern widerspiegelt. Das Nörgeln und Schimpfen schaukelte sich im Orchester transparent hoch, bis die Mutter dem Kind schließlich mit der Hexe droht und diese anruft. Vor dem Erscheinen der Hexe nahm Dirigentin Ruth Reinhardt die Musiker zu einem beinahe unhörbaren Pianissimo zurück, bevor das Hexenmotiv in Gestalt von Bassklarinette und Fagott mit unheilvollem Brodeln die Szenerie an sich zog. Plastisch geriet die Steigerung im Kampf um das Kind zwischen Hexe und Mutter; das Heimkehren des Vaters, der das tote Kind und die ohnmächtige Frau findet, fand in einem betont lyrischen Rezitativ der Oboe seine Entsprechung.

Um die längste von Dvořáks symphonischen Dichtungen, Das goldene Spinnrad, für das Publikum greifbarer, lebendiger und nachvollziehbarer zu machen, griff Ruth Reinhardt zunächst zum Mikrofon anstatt zum Taktstock. Sie führte in die verschiedenen Motive ein, wobei das Orchester die jeweils wichtigsten auch kurz anspielte. So vorbereitet war es ein Leichtes, das Märchen – in diesem Fall sogar mit Happy End! – nachzuverfolgen. Musikalisch geriet Das goldene Spinnrad ein bisschen zu forsch, die Dirigentin packte gar fest zu, worunter die Sanftheit und die Melancholie der Komposition mitunter litten. Außerdem schienen die Hörner, die den König zeichneten und so eine wichtige Rolle spielten, nicht ihren besten Tag erwischt zu haben; der Ansatz war oft wackelig, der Ton nicht immer rein. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Posaunen in ihrem Choral. Wunderbar sauber und träumerisch hingegen die Soloviolin-Passagen, die die Hauptfigur Dornička verklanglichten, sowie die Klarinette und die Harfe, die das Spinnrad symbolisieren und goldene Klangfäden spannen. Gut gelang auch der Kontrast zwischen Gut und Böse, den das Orchester unter seiner Dirigentin bildhaft herausarbeiten konnte.

Andrei Ioniţă © Nikolaj Lund
Andrei Ioniţă
© Nikolaj Lund

Nach der Pause wurde der tschechische Märchenwald verlassen, denn es stand das Cellokonzert in h-Moll auf dem Programm. Wie bereits im ersten Teil waren auch hier die Bläser nicht immer ganz einwandfrei und der Zugang von Ruth Reinhardt ein sehr unsentimentaler. So blieb es dem Cellisten Andrei Ioniță überlassen, für eine gehörige Portion Pathos zu sorgen, was dieser auch durchaus tat. Zwischen den herben Wogen des Orchesters leuchtete das Cello wie eine Reflexion des Mondes auf dem Meer und in das Zwiegespräch mit der Flöte, die zwitscherte wie ein Vögelchen, vermochte der Solist viel Seele zu legen. Im schmissigen dritten Satz, der in seinem Elan an die Slawischen Tänze erinnert, konnte Ioniță seine gesamte technische Finesse ausspielen und mit dem Orchester in einen ausbalancierten Tanz-Dialog treten. Innig geriet dann das stumme Schlusswort: Während der letzten Orchesterwogen umschlang Solist Andrei Ioniță sein Cello zu einer finalen, von Herzen kommenden Umarmung.

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