What a peaceful day! So titelte das Programm von Dmitry Sinkovsky, Dorothee Oberlinger und ihrem aus insgesamt fünf Solisten firmierten Ensemble 1700 beim diesjährigen Kölner Fest für Alte Musik, unter das sie feurig-schönes barockes Rausschmeißer-Repertoire subsumieren konnten. Im Mottorahmen Krieg und Frieden, dieses Jahr zum 100. Gedenktag des Endes des 1. Weltkrieges Thema vielfacher Festivals, stellten sie den friedensutopischen Entwurf der freiheitlichen Idylle in Zeiten kämpferischer Auseindersetzungen, das mythische Arkadien, vor, das die Komponisten des Barock auf den Plan rief, im realistischen Spannungsfeld zwischen aristokratischem Verklärungsanspruch und bürgerlichem Veränderungsstreben künstlerisch zu wirken. Am Ende dieser verzückenden Reise von meisterlicher Zusammenstellung und Ausführung hieß es: what a beautiful concert experience!

Dmitry Sinkovsky © Marco Borggreve
Dmitry Sinkovsky
© Marco Borggreve

Denn in allen gespielten Werke vermittelten die Musiker die Sehnsucht nach diesem heilen Ort, an dem man relaxed oder ausgelassen seinen Sinnesfreuden freien Lauf lassen kann. Sinnlich und galant schwelgten die beiden Violinen in den verheißungsvollen Vorstellungen der langsamen Sätze Händels originalgefasster Triosonate g-moll, in denen Sinkovsky der Spaß abzulesen war, mit Dynamik und Bogenbetonung zahlreiche expressive Reize – ob besonders zart oder energisch – zu setzen und mit Mayumi Hirasaki luftig-leichte Bewegung zirkulieren zu lassen. Begleitete der Walking-Bass darin gegengewichtig trockener, tanzten sie miteinander in einer intensiven, spritzigen Fuge, die im finalen Allegro zu einem temperamentvoll ornamentierten Schlagabtausch um den besten Platz im gezeichneten Paradies auf Erden wurde. Wie die Geigen vollzog Oberlinger in Mancinis sonata da chiesa-Konzert das spürbar ernste, dringende Verlangen nach, in der sie der Altblockflöte einerseits die aufgreifend streicherische Betonung und dynamische Vielfalt schenkte, andererseits im kinderlachenden knackigen Spiel mit Läufen, Echos und Trilli schärfere Akzente aufbot als ihr gleißend funkelndes Oberteil im silbernen Metallic-Look.

Dorothee Oberlinger © dorotheeoberlinger.de
Dorothee Oberlinger
© dorotheeoberlinger.de
Angenehme Exzentrik, Lust und kindlich verpacktes, unnachgiebiges Wollen versprühten beide Solisten in Telemanns Duo in B-Dur aus seiner Etüdensammlung Der getreue Music-Meister, das nicht nur mit der Überraschung des Wechsels von Voice Flute und Sopranblockflöte aufwartete, sondern nach dieser neckischen Einleitung ein traditionell empfindsam ariosohaftes Largo beinhaltete. Mit der Komik des Finalsatzes erweckten sie schließlich stilsicher den Anschein, als hätte der telemannische Träumer Don Quichotte dieses sagenumwobene Arkadien doch schon einmal gesehen. Erwies sich Oberlinger damit einmal mehr als Beherrscherin von musikalischem Spiel und Scherz, stand sie mit dem naturalistischen Gesang der Vögel in allegorischer Schäferlandschaft im Mittelpunkt, den ihr Vivaldi mit seinem Sopranino-Concerto Il Gardellino verschaffte.

Eindringlich schien hier der gezwitscherte Wunsch nach Unterhaltung und Lechzen nach stillender Nahrung im reichen Grün der projizierten Mangelfreiheit. Blockflöte und Begleitung gaben ein übervolles Schauspiel mit agogischen, dynamischen und artikulatorischen Finessen, das mit der Wärme von Pizzicato-Cello und Lautenzug-Cembalo zu vibrierten Rufen in höchstem Anschwellen im zweiten Satz seine ausdrucksstarke Kulmination fand. Neben dem Ruf eines außerordentlich bunten Distelfinks machte Oberlinger im furiosen Allegro vor allem ihrem Ruf als virtuose Meisterin schwierigster Läufe in freiheitlich gesteigertem Tempo, gepaart mit knackiger Freude an Überraschung, Interaktion und Dynamik, alle Ehre.

Diesem wurde sie zudem in Händels Arie „Venti turbini“ aus Rinaldo gerecht, als sie die Violinstimme mit der Sopranblockflöte übernahm und im kurz durchziehenden rasend geschwinden Wirbelwind den heiklen Punkt aus Genauigkeit, legato und staccato traf, den Sinkovsky, jetzt als talentierter Countertenor auftretend, leider verpasste. Viel besser umschmeichelte er wonnig-warme Züge mit warm melodierender Blockflöte in Albinonis Arie „Pianta bella“ aus Il Nascimento dell'Aurora, in der seine im Saal gut tragende Stimme seinem zuvor gezeigten Können an der Violine entsprach, seinen kommunikativen, überzeugenden Ausdruck mit Vibrato nach italienischem Stil und verzierender Affektmultiplizierung leiser Tupfer garnierte. Platz für deren noch stärkere Ausbreitung mit zartesten Höhen hellblau-weißer Schäfchenwolken hatte er in Händels Kantate Nel dolce Tempo für Alt und Continuo, in der er mit seinem phrasierten Frönen, Präsenz und leichtgängigen Artikulationseinfällen den Zuhörer in den Bann der Lieblichkeit zog. Darin gelang auch flüssiges Frohlocken mit tänzelnd rockigem Einschlag; ein ausschweifendes Feiern, das mit den prototypischen Stimmungsknallern der Bergamasca- und Follia-Sonate nicht wirksamer ging.

Mit Uccelinis La Bergamasca erzeugte das Ensemble einen derartigen Rausch, dass man bei dem flinken Improvisieren von erzeugten Effekten fast den Überblick verlor und – als aufmerksamer Rezensent – so treffsicher von einer Unbekümmertheit und springender Frische angesteckt wurde, die mit jazzigem (collegno) Zupfen und Klopfen in einem hasadeurischen Prestissimo gipfelten. Vivaldis La Follia (nach Corellis Vorbild) führte es am Ende zu einem fetzigen, derben Gewusel mit köstlichen Verschnaufern, stapfend, farbig strahlend und mit genüsslichen Verzierungen, solch anfeuernde, prustende Heias, die am liebsten ewig hätten weiter gehen können. Ein Traum wie Arkadien, der aber zumindest in dieser Zeit kurz Realität wurde.