Das Artemis Quartett hat sich innerhalb seiner 30-jährigen Geschichte in den Olymp der weltweiten Quartette gespielt. Nach einigen früheren Besetzungswechseln und dem tragischen Tod des Bratschers Friedemann Weigle werden nun zwei weitere Mitglieder Mitte nächsten Jahres aus ihrer aktiven Rolle in die Ruhmeshalle des Artemis Quartett wechseln. Cellist Eckart Runge gab vor einigen Wochen bekannt, dass er sich neuen Aufgaben widmen möchte und nach einem letzten gemeinsamen Konzert im Mai 2019 das Quartett verlassen wird, ebenso wie die zweite Geigerin Anthea Kreston. Die neuen Mitglieder sollen noch in diesem Herbst bekannt gegeben werden.

Artemis Quartett © Nikolaj Lund
Artemis Quartett
© Nikolaj Lund

Somit hatte das Publikum im Münchner Prinzregententheater Glück im doppelten Sinne. Nicht nur handelte es sich um eines der letzten Konzerte in dieser eingespielten Formation, sondern auch um eine äußerst glückliche Programmauswahl, die auf gewohnt hohem Niveau präsentiert wurde. Das Quartett begann mit dem sogenannten „Reiterquartett” in g-moll, Op.74 Nr.3 Hob. III: 74 von Joseph Haydn, welches seinen Beinamen vom Herausgeber wohl aufgrund der rhythmischen Akzentuierungen im ersten und letzten Satz erhalten hatte. Wären für Leistung des Artemis-Quartetts reiterische Noten verteilt worden, so hätte es bei der technischen A-Note im ersten Satz Abstriche gegeben aufgrund einiger intonatorischer Trübungen und kleiner Konzentrations-Fehler. Gegen Ende des ersten Satzes verspielte sich Vineta Sareika gar wenn auch fast unmerklich und Anthea Kreston hatte Schwierigkeiten, ihre solistischen Einwürfe ohne harte Nebengeräusche bei der Bogenführung zu gestalten.

Spätestens im berühmten vierten Satz jedoch hatten die Musiker dann wieder ganz zu sich gefunden und präsentierten unbeschwert dieses einzigartiges Experiment im Schaffen Joseph Haydns. Der Satz ist gespickt mit musikalischen Pointen, schon allein dadurch, dass er zwei Themen anlegt. Das feine Austarieren musikalischer Spannung und oft unvermittelter Entspannung gelang den Musikern vorzüglich, ganz zur Freude des Publikums. Trotz allem gab es aber auch für die B-Note, also für Ausdruck und künstlerische Gestaltung nicht die volle Punktzahl, da das Quartett insgesamt zu steif und akademisch klang.

Es folgte das Streichquartett Nr. 4, Sz 91 von Bela Bartók und damit der interpretatorische Höhepunkt des Konzertabends. Das Vierte Bartók-Quartett ist ebenfalls ein Experiment innerhalb des einzigartigen und fast befremdlich originellen Schaffens des großen ungarischen Musiktitanen. Bartok legt in fünf Sätzen der Form ABCBA nicht nur formal komplexe kontrapunktische Strukturen an, sondern probiert auch neuartige Klänge aus, die durch dissonante Tonschichtungen und rhythmische Impulse, aber auch mechanische Manipulationen wie das Spielen mit Dämpfer (con sordino), das Spielen nah am Steg (sul ponticello), extrem scharfe Pizzicati im vierten Satz und schließlich im letzten Satz das Schlagen des Bogenholzes auf die Saiten (col legno) entstehen. Technisch sind diese Anforderungen zwar per se nicht problematisch. Die hohe Kunst jedoch, welche das Artemis Quartett an jenem Abend eindrucksvoll unter Beweis stellte, besteht darin, sich nicht in diesen technischen und formalen Details zu verlieren, sondern immer die gesamte Anlage dieses epochalen Stücks Streichquartettliteratur im Sinn zu haben. Hier wiederum gereichte die strenge Transparenz und Notentreue dem Artemis Quartett zu einem Glanzstück moderner Bartok-Interpretation.

Der Abend wurde nach der Pause mit dem Streichquartett Nr. 2 a-moll, Op.51 Nr.2 von Johannes Brahms zu einem würdigen Ende gebracht. Wie beim Bartok lieferten auch hier die Artemis-Musiker interpretatorische Referenzen. Nicht zu fett in Vibrato und Tongebung, klanglich stets transluzent und mit einem mitreißenden Groove ließen die vier Musiker keinen Zweifel an ihrer außergewöhnlichen Könnerschaft gerade in der romantischen Quartettliteratur. Wie sie das zweite Hauptthema des ersten Satzes gestalteten, hätte dem Komponisten sicherlich Respekt abverlangt, denn genau so fordert er es in der Partitur: „sempre mezza voce e grazioso“. Hier spielte auch Anthea Kreston im Zusammenspiel mit der versatilen Vineta Sareika wunderbar geschmeidig und sanglich. Gregor Sigl wob seinen warmen und präzise phrasierten Bratschen-Klang in den Brahms’schen Kontrapunkt und lief besonders im zweiten Satz zur persönlichen Bestleistung und damit zu absoluter Weltklasse auf. Auch wenn der zweite Satz vielleicht ein wenig zu schnell geriet – steht doch neben dem „Andante“ noch ein „moderato“ – so war dies doch ein Brahms-Quartett aus einem Guss, wie man es nicht besser spielen kann.

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