Es ist die wohl ungewöhnlichste Styriarte aller Zeiten: Am ursprünglichen Programm angelehnte, modifizierte Konzerte, die jeweils nur eine Stunde dauern, aber dafür drei Mal hintereinander für je 250 Leute im Publikum gespielt werden, lassen auch in Corona-Zeiten ein bisschen Festspiel-Stimmung in Graz aufkommen. Das ursprünglich gewählte Motto „Geschenke der Nacht“ wurde beibehalten und durch die Tatsache, dass in diesem Sommer allen Widrigkeiten zum Trotz doch gespielt werden kann, gleich noch um einen Geschenk-Aspekt erweitert. Empfangen wird man in diesem Jahr bei jedem Konzert in der List-Halle übrigens bereits 20 Minuten vor Vorstellungsbeginn mit einem „Vorspiel im Foyer“; an diesem Abend sorgte das Poltergeisttrio mit Gitarre, Cello, Akkordeon und Gesang – unter anderem wurde Mr. Sandman besungen – für ein beschwingtes Ankommen am Veranstaltungsort.

Pacific Quartet Vienna und Christoph Bielefeld © styriarte | Wagner
Pacific Quartet Vienna und Christoph Bielefeld
© styriarte | Wagner

Und auch wenn nächtliche Schauermärchen der Romantik und strahlender Sonnenschein zu Konzertbeginn um 18:00 Uhr nun nicht unbedingt gut vereinbar scheinen, gelang an diesem Abend, das Publikum in der List-Halle in die düster-romantisierte Stimmung des frühen 19. Jahrhunderts zu entführen. Den Rahmen des Programms bildeten Ausschnitte aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der goldne Topf, die vom (beinahe) alljährlichen Styriarte-Stammgast Peter Simonischek packend gelesen wurden.  

Dass E.T.A. Hoffmann mehr Erfolg als Schriftsteller, denn als Komponist und Musiker beschieden war – Zeit seines Lebens bewarb er sich immer wieder erfolglos für Kapellmeisterstellen – verwundert nicht weiter, wenn man sein Quintett c-Moll für Harfe und Streichquartett hört. Seine Komposition ist zweifellos schön und nett anzuhören, lässt aber die zündende Idee, den überspringenden Funken vermissen; als Hintergrunduntermalung eines romantischen Dîners in gehobener Gesellschaft war diese Musik zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewiss ideal, in einem Konzertprogramm unserer Zeit wäre es für sich alleine stehend dann doch etwas belanglos. Durch die Einbettung in Hoffmanns Text ergab sich allerdings eine stimmige Kombination und den Damen und Herren des Pacific Quartet Vienna und Christoph Bielefeld an der Harfe gelang es dennoch, ihre eigenen Akzente zu setzen. Elegisch-romantisch, ohne dabei die Schwelle zur Depression zu überschreiten, gestalteten sie den ersten Satz; das perfekt abgestimmte kammermusikalische Zusammenspiel war den ganzen Abend über bewundernswert. Das laue Lüftchen einer Sommernacht und die vorbeziehenden Wolken malten Streicher und die Harfe im Adagio und Allegro in warmen Klangfarben in den sommerlichen Grazer Abend.

Peter Simonischek © styriarte | Wagner
Peter Simonischek
© styriarte | Wagner

Gabriel Faurés impressionistisches Solostück für Harfe Une châtelaine en sa tour bot einerseits einen starken Kontrast zum gefälligen Quintett von Hoffmann und andererseits gab das Stück dem Harfenisten die Möglichkeit, seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Es war beeindruckend zu hören, wie viel aus einem einzigen Instrument herausgeholt werden kann – nicht nur die oft mit der Harfe assoziierten reinen, elfenhaften Farben entlockte Bielefeld seinem Instrument, sondern auch düster brummenden Emotionen gab er in seinem Spiel Raum. Die vier Streicher des Pacific Quartet Vienna packten schließlich im zweiten Satz, dem Scherzo, aus Felix Mendelssohns Streichquartett f-Moll nochmals kräftig zu, kosteten von einem inneren Drive getrieben die Bandbreite der Dynamik aus und illustrierten somit die in Hoffmanns Erzählung geschilderte düster-bedrohliche Sturmnacht.

Und während die erste Publikums-Partie des Abends den Saal dann kurz nach 19:00 Uhr über einen Seitenausgang verlässt, erklingt im Foyer bereits das Vorspiel zum nächsten Konzert und die Geisterstunde beginnt von vorne!

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