Das Markenzeichen der Opernaufführungen an den Bregenzer Festspielen sind die spektakulären Bühnenkonstruktionen. Diese prägen sich auch Jahre später noch im kollektiven Gedächtnis ein. Legende geworden ist das blaue Riesenauge der Tosca von 2007, aus der jüngeren Zeit erinnert man sich an den Clownskopf des Rigoletto von 2021 oder an das überflutete Dorf des Fliegenden Holländers von 2024. Bei der Neuproduktion von Verdis La traviata in diesem Sommer ist es ein riesiger Spiegel, der für Superlative sorgt. Der Spiegel besteht aus 86 zum Teil beweglichen Holzsplittern, die durch aufgeklebtes Kunststoffgewebe den Eindruck einer Spiegeloberfläche hervorrufen. Die Spiegelwand hat eine Fläche von 700 Quadratmetern und wiegt, zusammen mit dem stützenden Stahlgerüst, 195 Tonnen.

Marjukka Tepponen (Violetta) © Bregenzer Festspiele | Anja Koehler
Marjukka Tepponen (Violetta)
© Bregenzer Festspiele | Anja Koehler

Regisseur Damiano Michieletto und Bühnenbauer Paolo Fantin leiten den Riesenspiegel direkt von der Handlung ab: Schon während der Ouvertüre schreitet Violetta über die Bühne, betrachtet in ihrem eigenen Handspiegel ihr Antlitz, erkennt darin ihr nahes Ende und lässt ihn ins Wasser fallen. Der zerbrochene Spiegel wird zum Symbol der von einer unheilbaren Krankheit gezeichneten und von der Mitwelt fallengelassenen Kurtisane.

<i>La traviata</i> &copy; Bregenzer Festspiele | Anja Koehler
La traviata
© Bregenzer Festspiele | Anja Koehler
pbl
pbl

Drei Bereiche sind es, in denen sich die Handlung abspielt: der Riesenspiegel im Hintergrund, die Spielfläche in der Mitte und das Wasserbecken im Vordergrund. Dabei wird den Ausführenden einiges zugemutet. Sie müssen durch das knöcheltiefe Wasser waten, über Spalten springen oder in luftiger Höhe zwischen den beweglichen Puzzleteilen des Spiegels singen. Geschickt setzt dabei der Regisseur die Massenszenen von den intimen ab.

<i>La traviata</i> &copy; Bregenzer Festspiele | Anja Koehler
La traviata
© Bregenzer Festspiele | Anja Koehler

Beim rauschenden Fest, das Violetta Valéry in ihrem Salon gibt, bilden allein schon die von Carla Teti entworfenen und von Alessandro Carletti ins rechte Licht gerückten Kostüme eine Augenweide. Der Bregenzer Festspielchor und der Prager Philharmonische Chor mimen die ausgelassenen Kurtisanen und Kavaliere der Pariser Oberschicht, derweilen sich die Tänzerinnen der Bregenzer Festspiele im Wasserbecken als Badenixen gebärden und eine Statistengruppe, ebenfalls im Wasser stehend, eine Jazzband mimt. Man merkt es: hier wird an die Goldenen Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts angespielt.

Julien Behr (Alfredo) und Marjukka Tepponen (Violetta) &copy; Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann
Julien Behr (Alfredo) und Marjukka Tepponen (Violetta)
© Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann

Kammerspielartig geht es dagegen im zweiten Aufzug weiter: Violetta und Alfredo, die sich beim Fest ineinander verliebt haben, wollen gemeinsam ein Leben in der trauten Zweisamkeit ausprobieren. Die Splitter der Spiegeloberfläche geben ein Kämmerchen hoch oben frei, in dem Alfredo die Wände grün streicht und dabei von der grün gewandeten Violetta beobachtet wird. Die Farbe der Hoffnung eben. Leider haben sie nicht mit Alfredos Vater Germont gerechnet, der in die traute Zweisamkeit eindringt und sein Veto gegen diese Mesalliance einlegt.

Vladimir Stoyanov (Germont) &copy; Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann
Vladimir Stoyanov (Germont)
© Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann

Die sängerischen Hauptrollen sind – bei 28 Aufführungen eine Notwendigkeit – dreifach besetzt. Die Besonderheit liegt darin, dass es nicht eine A-, B- und C-Besetzung gibt, sondern dass alle drei Repräsentanten einer Rolle künstlerisch gleichwertig betrachtet werden. Bei der Premiere ist es die finnische Sopranistin Marjukka Tepponen, welche die Hauptrolle darstellen darf. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme, ihrem empathischen Charakter und ihrem glaubwürdigen Agieren zwischen Todesfurcht und Hoffnung auf ein besseres Leben ist sie eine hinreißende Violetta.

<i>La traviata</i> &copy; Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann
La traviata
© Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann

Den Alfredo gibt der Franzose Julien Behr. Mit seinem in allen Registern makellos klingenden Tenor und seinem feurigen „italienischen“ Temperament bildet er für Violetta einen kongenialen Partner. Als Germont tritt der Bulgare Vladimir Stoyanov auf. Mit seinem warmen Bariton erscheint dieser in Bregenz, anders als bei den meisten Inszenierungen, nicht als kalt-berechnender Padrone, sondern als besorgter Vater, der seinen Sohn für sich zurückgewinnen will. Auf die Ebene der Regie übertragen: Michieletto will nicht die sozialen Verhältnisse kritisieren. Er stellt weder Germont als Täter-Repräsentanten noch Violetta als Opfer einer verlogenen Gesellschaft dar. Er überlässt die Deutung dem Publikum.

pbl
pbl
Julien Behr (Alfredo) und Marjukka Tepponen (Violetta) &copy; Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann
Julien Behr (Alfredo) und Marjukka Tepponen (Violetta)
© Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann

Höchst raffiniert ist auf der Bregenzer Seebühne die elektronische Klangverstärkung gelöst. Die Stimmen der Sängerinnen und Sänger können lokal sehr genau verortet werden, sie klingen von links oder von rechts, von oben oder von unten, und dazu mit einer bewundernswerten Natürlichkeit. Dies gilt auch vom Orchester, das drinnen im Festspielhaus spielt, für das Publikum aber so wahrgenommen wird, als ob es in einem imaginären Orchestergraben vor der ersten Sitzreihe aufgestellt wäre.

<i>La traviata</i> &copy; Bregenzer Festspiele | Anja Koehler
La traviata
© Bregenzer Festspiele | Anja Koehler

Der ukrainische Dirigent Kirill Karabits führt die Wiener Symphoniker, die traditionell bei den Bregenzer Festspielen mitwirken, sicher durch die Tücken dieser Freilichtaufführung, bei der ohne direkten Sichtkontakt große Distanzen überwunden werden müssen. Interpretatorisch vermeidet es Karabits in wohltuender Weise, die vielen Ohrwürmer der Partitur zusätzlich durch sentimentales Zerdehnen „anzureichern“.

Marjukka Tepponen (Violetta) &copy; Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann
Marjukka Tepponen (Violetta)
© Bregenzer Festspiele | Daniel Ammann

Im Schlussduett „Parigi, o cara, noi lasceremo” verbinden sich die musikalische Stimmigkeit und die szenische Bildersprache zu einer überwältigenden Einheit. Während die todkranke Violetta und Alfredo voneinander Abschied nehmen, sieht man im Riesenspiegel ein Video, das eine (nicht gespielte) Kussszene im Kämmerlein des zweiten Akts imaginiert. Dazu schwebt eine überdimensionale schwarze Kugel, die aus dem Spiegel ausgebrochen ist, bedrohlich über dem Körper Violettas und macht alle Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang zunichte.

Julien Behr (Alfredo) und Marjukka Tepponen (Violetta) &copy; Bregenzer Festspiele | Anja Koehler
Julien Behr (Alfredo) und Marjukka Tepponen (Violetta)
© Bregenzer Festspiele | Anja Koehler

Fazit: In ihren Kontrasten von spektakulären und intimen Szenen, ihrer eingängigen Symbolik und den grossartigen sängerischen Leistungen ist diese Bregenzer Traviata ein grosser Wurf. Leider sind bereits alle Vorstellungen ausverkauft.

*****