Maria ist die wohl berühmteste Frau der Menschheit und inspirierte zahllose Gebete, Gesänge, Geschichten und Kunstwerke. Millionen Menschen tragen ihren Namen, Kirchen, Burgen, Städte und Inseln sind nach ihr bekannt. In Spanien, der Heimat des Regisseurs Calixto Bieito, herrscht ein regelrechter Marienkult. Dennoch ist nur wenig über Maria, die Mutter Gottes bekannt. Die Bibel erwähnt sie nur einige wenige Male und so bleibt ihr Leben und ihre Person ein Mysterium.

<i>Marienvesper</i> © Hans Jörg Michel
Marienvesper
© Hans Jörg Michel

Claudio Monteverdi, der als „Erfinder“ der Gattung Oper gilt, komponierte neben seinen Bühnenwerken auch geistige Werke. Das Sakralwerk Vespro della Beata Vergine zählt zu den bekannteren des Œuvres Monteverdis. Es ist kein Oratorium, noch nicht einmal ein zusammenhängendes Werk, sondern diente bei seiner Fertigstellung um 1610 wohl als Bewerbung um ein Kirchenamt in Rom unter Papst Paul V.

Der Titel Marienvesper weist auf den liturgischen Charakter des Stücks hin und so enthält die Komposition Bestandteile des katholischen Abendgottesdienstes. Wie jede andere Vesper besteht auch diese aus einem sogenannten Invitatorium, fünf Psalmen, einem Hymnus und Magnificat. Es ist jedoch nicht überliefert, ob die Vesper ein zusammenhängendes Werk oder eher eine Auswahl unterschiedlicher repräsentativer Stile darstellen soll.

Nikola Hillebrand und Amelia Scicolone © Hans Jörg Michel
Nikola Hillebrand und Amelia Scicolone
© Hans Jörg Michel

Statt des Versuchs einer Rekonstruktion und der Wiedergabe einer korrekten Verspernliturgie, entscheidet man sich in Mannheim für einen versöhnlichen Mittelweg. Durch das Einfügen von Antiphonen in Anlehnung an Monteverdis Hohelied-Texte wird das Sujet der Marienverehrung verbildlicht und theatralisch erfahrbar gemacht. So verschmelzen die Elemente der barocken Kirchenmusik mit den dramatischen Prinzipien der Oper.

Es als Loseblattsammlung zu betiteln wird der Marienvesper jedoch keinesfalls gerecht. Umso gewagter ist daher die Idee, es szenisch, gar als Oper oder dramatisches Bühnenstück, umzusetzen. Noch dazu mit Calixto Bieito, einem Regisseur, der für seine radikalen, teils schockierenden Regietheater-Ideen bekannt ist.

Bieitos Kindheit und sein Leben in einen spanischen, katholisch geprägten Dorf wird zur Initialzündung für die Mannheimer Inszenierung. Das Dorf wird zum Mikrokosmos in dem sich alles abspielt und in dem die unterschiedlichsten Personen vertreten sind. Besonders in den Mittelpunkt werden jedoch die Frauen gerückt. Von Kindern über jungen Frauen, alte Frauen, Schwangeren, eine, die keine Kinder bekommen kann und ihre Schwangerschaft erfindet, ist alles vertreten.

Joshua Whitener, Kristofer Lundin, Amelia Scicolone und Raphael Wittmer © Hans Jörg Michel
Joshua Whitener, Kristofer Lundin, Amelia Scicolone und Raphael Wittmer
© Hans Jörg Michel

Die Bühne stellt ein zusammengezimmertes, abstraktes Kirchenschiff aus Holz dar, das bis in den Zuschauerraum ragt und so eine besondere Nähe zum Publikum aufbaut. Während am hinteren Ende der Bühne ein Altarraum erkennbar ist, wird das Orchester im vorderen Teil eingebettet.

Calixto Bieito, der die Produktion als szenische Vertonung eines Gedichts sieht, erzählt episodenhaft von den Schicksalen der Frauen. Allen Voran: Maria. Diese, in stummer Rolle dargestellt von Simone Becherer, steht ganz vorn am Bühnenrand und ist stets präsent. Statt wie in der Bibel fast nur auf eine Fußnote beschränkt zu sein, steht sie in dieser Marienvesper ganz im Mittelpunkt. Erfahrbar und nachempfindbar wird ihr Leben und ist plötzlich nicht mehr das einer Heiligen, weltweit verehrten, sondern das einer ganz normalen jungen Frau mit all ihren Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen.

Bieito beweist erneut ein unnachahmliches Gespür für das Ausdrücken seelischer Empfindungen und legt den Fokus bei der Personenregie auf das Miteinander der Personen und die musikalische Untermalung. Die abstrakt anmutenden gesungenen Gebete treten dabei in den Hintergrund.

Das Orchester Il Gusto Barocco unter der musikalischen Leitung von Jörg Halubek ist bereits für die dritte Monteverdi-Produktion zu Gast am Nationaltheater und bringen ein fundiertes Wissen um die historisch-informierte Aufführungspraxis mit. Neben den Streichern, Zinken und Posaunen ist die Continuo-Gruppe mit Lauten, Lirone, Gambe und Harfe vertreten und wird von der musikalisch sehr präsenten italienischen Orgel abgerundet.

<i>Marienvesper</i> © Hans Jörg Michel
Marienvesper
© Hans Jörg Michel

Il Gusto Barocco überzeugte in der Interpretation Monteverdis frühbarocker Musik mit Experimentier- und Spielfreude. Der mitunter raue, knochige Klang der alten Instrumente bereitete da ein ganz ungewöhnliches, aber nicht minder eindrucksvolles Klangerlebnis. Bei „Sonata sopra Sancta Maria“ hatten die begleitenden Instrumentalisten die Gelegenheit, sich virtuos zu entfalten, was sie auch taten. Die beiden Sopranistinnen Nikola Hillebrand und Amelia Scicolone ergänzten dies mit ihren klaren Stimmen und eleganten Gesangslinien. Die Stimmen der beiden gehörten zu den besten des Abends. Sie beeindruckten ebenso mit berührenden Interpretationen der Stationen Marias. Alle Solisten ergänzten das durchweg hohe Niveau. Der Tenor Joshua Whitener mit kräftig, eleganten Timbre und der Bass Patrick Zielke mit warmer gefühlvoller Stimme, stachen besonders hervor.

Wer behauptet, dass Oratorien und Sakralwerke nicht auf die Bühne gehören, mag hier eines Besseren belehrt werden. Bieito erzählt die Geschichte Marias unglaublich menschlich, emotional und zeitlos. Alle Personen agieren nachvollziehbar, nahbar und dennoch in gewissem Maße archetypisch. Getragen von Monteverdis zeitlos schöner Musik, die Il Gusto Barocco klangvoll zum Leben erweckt, schafft er einen berührenden Einblick in Marias Leben, wie es die Bibel nicht zu erzählen vermochte. Am Ende steht Maria da, fasst sich an ihren Bauch und lächelt, dass es ansteckend ist. Sie lächelt um das Wissen, dass sie ein Kind in sich trägt und von der Gnade Gottes berührt wurde.

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