Unsere Welt wird immer komplexer und viele Fragen, die wir uns stellen, können wir nicht beantworten. Es ist „The Age of Anxiety“, in dem wir leben – so beschrieb Kent Nagano das Programm, das er für sein Konzert mit den Münchner Philharmonikers im Gasteig ausgesucht hatte. Charles Ives’ Unanswered Question und Bernsteins Zweite Symphonie, „Age of Anxiety“, spiegeln wieder, was Nagano nach IS-Terrorismus und schmuddeligem Präsidentschaftswahlkampf in seinem Heimatland USA empfindet. Das Konzert soll uns, der Gesellschaft, einen Spiegel

Kent Nagano © Felix Broede
Kent Nagano
© Felix Broede

Ives, der als Teilzeitkomponist und Vollzeitversicherungsagent erst spät Anerkennung für seine Werke erfuhr, schuf mit The Unanswered Question ein atmosphärisches Meisterwerk. Die ewig gleiche Frage der Solotrompete erklang unter Naganos Leitung aus einer Box oberhalb der Bühne. Hinter dunklem Glas war der Fragesteller nur schemenhaft zu erkennen und seine Phrase klang dumpf aus der Ferne. Nagano zauberte aus dem so schlichten Werk jedes Detail genau hervor. Die Streicher hielten ein extremes Pianissimo von Beginn an durch und ließen sich auch von den hektisch werdenden Holzbläsern nicht beirren. Diese gegenseitige Gleichgültigkeit in einer ungewissen Atmosphäre ließen das Werk unbehaglich nachklingen.

George Benjamins Dream of the Song erlebte seine Uraufführung 2015 im Königlichen Concertgebouw unter der Leitung des Komponisten. Es ist ein sechssätziges Werk für Countertenor, Frauenchor und kleines Orchester, das allerdings mit zwei Schlagwerkern, Hörnern und zwei Harfen über einige Klangkraft verfügt. Zu spüren bekam das besonders Countertenor Christopher Robson, der kurzfristig für den erkrankten Andrew Watts eingesprungen war: gegen das aufbrausende Orchester in The Pen kamen Robsons technisch äußerst anspruchsvolle Koloraturen kaum an. Erst im Zusammenspiel mit dem Frauenchor, der zunächst als Gegenpart zum Countertenor agierte und schließlich mehr und mehr Klangfarben entwickelte, offenbarte sich die Differenziertheit in Benjamins Werk.

Gilles Vonsattel © Beowulf Sheehan
Gilles Vonsattel
© Beowulf Sheehan
Grundlage für die Komposition waren Texte der hebräischen Dichter Samuel HaNagid und Solomon ibn Gabriol, die im arabischen Granada des 11. Jahrhunderts lebten, sowie Texte von Federico García Lorca, der 1936 im spanischen Bürgerkrieg ermordet wurde. Dream of the Song überzeugte vor allem mit seinem Orchesterpart, der schimmernde Klarheit, aber auch dicht verwobene Mystik beinhaltete. Ein roter Faden allerdings zog sich lediglich durch die Texte, die allesamt des Menschen Not kundtaten. Zwar webt Benjamin mit höchster Präzision polyphone Klanggeflechte, die sich zu guter Letzt in Gleichklang auflösen, dennoch erreicht das Werk nur an wenigen Stellen wirklich packende Momente und schöpft die unzähligen Möglichkeiten, die die ungewöhnliche Besetzung bietet, nicht wirklich aus.

Bernsteins Zweite Symphonie, die den Abend abrundete, ist ein Hybrid, der irgendwo zwischen symphonischer Dichtung, Klavierkonzert und Symphonie angesiedelt werden kann. In seiner zweiteiligen Struktur bietet „The Age of Anxiety“ von beißender Chromatik bis verrücktem Jazz eine volle Bandbreite an musikalischen Farben, und auch hier bewies Nagano sein genaues Verständnis für die Ausdruckskraft des Werks. Neben den gedankenverlorenen, fast melancholischen Klarinetten im Prolog scheute Nagano die Dissonanzen nicht, sondern zelebrierte diese besonders in den lauten Passagen.

In Pianist Gilles Vonsattel hatten die Münchner Philharmoniker einen Partner, der die unglaubliche Wandlungsfähigkeit zeigte, über die er verfügt, und dabei stets im Dienste des Orchesters arbeitete, Melodien weiterführte oder Stimmungen übernahm. Verträumt und nachdenklich begann Vonsattel den Prolog mit klarem, schnörkellosem Ton und entwickelte seinen Part konsequent weiter. Perlige Läufe in der rechten Hand trafen auf wild expressive Akkordschläge und man hatte nie das Gefühl, dass sein Spiel überlegt wirkte. Vielmehr entführte Vonsattel auf eine alptraumhafte Odyssee, die Nagano mit grotesker Überspitzung im Maskenball und spannungsgeladenem Finale zu füttern wusste.

Es war ein bemerkenswert spannendes Programm, das Kent Nagano sich für sein Gastspiel bei den Philharmonikern ausgesucht hatte, und die Spielfreude, die er dem Orchester entlockte, bewies, dass die Philharmoniker auch abseits ihres Wohlfühlrepertoires aus Romantischem aller Art exzellente Leitung bieten.