Plötzlicher Gewittersturm, aufleuchtende Blitze und Donnerschläge unterbrachen jäh die ruhevolle Einstimmung des Premierenpublikums auf die musikalische Introduktion zu Giuseppe Verdis Otello am südthüringischen Staatstheater Meiningen. Generalmusikdirektor Killian Farrell hatte sich unbemerkt im abgedunkelten Orchestergraben zu den Musikern der Hofkapelle begeben, dann ohne Auftritts-Applaus mit der grandiosen, fast zehnminütigen Sturmszene die Hörer aufgeschreckt, wie im 15. Jahrhundert ein Unwetter in der Hafenstadt auf Zypern das Volk, das die Einfahrt der gegen die Türken siegreichen, von Otello befehligten Flotte erwartete.

Es ist einiges bei dieser Oper anders als man es von früheren Werken des erfolgreichen italienischen Opernschöpfers gewohnt ist. Eigentlich wollte Verdi nach seinem Requiem nicht mehr komponieren. Doch sein Verleger Ricordi und der Künstlerfreund Arrigo Boito, selbst erfolgreicher Komponist, schlugen ihm eine Oper nach Shakespeares Othello vor; Verdi war sofort von der Psychologie im Drama und den Abgründen von Verzweiflung und Eifersucht über scheinbare eheliche Untreue gepackt. Wie Jago, ein bis dahin loyaler Fähnrich aus Otellos Armee, durch Einflüsterung und Manipulation die Ehe von Otello und Desdemona zerstört und Otello zuerst Desdemona umbringt und am Ende sich selbst, ist ein geradezu moderner Psychokrimi und zeigt Shakespeare als genialen Menschenkenner.

Von Verdi keine national gesinnten, emotionalen Momente des Risorgimento mehr, der italienischen Einigungsbewegung, die ja inzwischen ihr Ziel erreicht hatte. Boitos Libretto fokussiert auf drei Hauptcharaktere: den maurischen Heerführer, der seine Heimat verlassen musste, sich erfolgreich hochgekämpft hat und auf Grund seiner Herkunft als „Mohr von Venedig“ sich ständig beobachtet fühlt, daher anfällig für Eifersucht ist. Desdemona, die ihn gegen den Willen ihrer Eltern bewusst geheiratet hatte und eine berührende Herzensbildung ausstrahlt. Schließlich Jago, der zynisch und berechnend Figuren in seinem Umfeld nur für den persönlichen Erfolg opfert und der gefühllos im zweiten Akt sein Credo „Ich glaube an einen grausamen Gott!“ verkündet, das aber nicht von Shakespeare stammt, sondern von Boito hinzugefügt wurde.

Auch musikalisch lässt Verdi die Struktur klar abgegrenzter Arien oder Ensembles hinter sich, bettet große Soloszenen nun vollkommen in einen durchgängigen musikalischen Fluss ein. Das Bild einer unendlichen Melodie, eigentlich eher Wagner zugeschrieben, drängt sich auf; Verdi bewunderte offensichtlich Wagner, ohne es öffentlich zu deutlich zu konkretisieren.
Hinrich Horstkotte, der in Meiningen bereits mit Mozarts Don Giovanni überzeugt hatte, ist auch bei der Neuinszenierung von Otello Regisseur, Bühnenbildner und Ausstatter in einem. Kostüme sind stilvolle Renaissancegewänder aus afrikanischen Stoffen. Zeit und Landschaft werden nicht konkretisiert, die Handlung spielt meist in weitläufigen Innenräumen, die mit wenigen Requisiten labyrinthisch wirken. Dort zieht der Intrigant Jago seine Fäden, rennen Personen sich hinterher, ohne zueinander zu finden. Ein Foucaultsches Pendel zeigt das Verrinnen der Zeit, keine Muße für Aussprachen. Jago greift in die Schwingung, will das Pendel der Macht selbst bestimmen.

Desdemonas Taschentuch, das in falsche Hände gerät und als Beweis scheinbarer Verfehlung dienen muss, vervielfältigt sich im vierten Akt an Decke und Bodenlampen, fließt wie ein Store aus dem Plafond herab. Horstkotte zeichnet empathisch und feinfühlig Figuren und Charaktere, ohne sie zu überspitzen. Er gibt einfach Raum dem, was in Libretto und Partitur angelegt ist, legt die Nervenbahnen offen, drückt Gedankenströme bildlich aus.
Shin Taniguchi, in Meiningen bereits in vielschichtigen Rollen eines Don Giovanni oder Cardillac gefeiert, ist als Jago kein plumper Bösewicht. Sein Spiel konnte man eher als mephistophelisch empfinden, ein geduldiger Vollstrecker eines teuflischen Plans. Taniguchi gibt seinem Jago fordernde, aber auch leise baritonale Töne: wirkungsvoll intrigant und bis zur Gewissenlosigkeit zynisch, dabei nur selten aufbrausend.

Bewundernswert, dass fast alle Rollen aus dem Meininger Haus selbst hochkarätig besetzt werden konnten. Lediglich für die fordernde Partie des Otello hatte man einen Gast eingeladen: Der Südafrikaner Owen Metsileng ist erster Tenor im Chor der Hamburgischen Staatsoper und in Rollen wie Macbeth auch weltweit gefragt. Der Otello am Staatstheater Meiningen ist sein Rollendebüt, er wird 2026/27 damit auch in Frankreich und Belgien gastieren. Überzeugend gelang es ihm, die verhängnisvolle, haltlose Getriebenheit des Titelhelden auf die Bühne zu bringen, der traumatisiertes Opfer wie impulsiver Täter ist, wenn er sich vor der Mordtat das Gesicht mit weißer Farbe unkenntlich macht. Stimmlich vereinte er vorzüglich seine kraftvoll ansprechende Tenorhöhe mit fundierender Beimischung eines herben Bariton-Timbres.

Desdemona sowie ihre Freundin Emilia, die das Ränkespiel ihres Gatten im Finale mutig und konsequent entlarvt, sind nicht nur „von Reinheit und Sanftmut durchdrungen“, wie Boito einmal forderte. Horstkotte macht Desdemona eher zur Aktiv-Liebenden, die ihren Mann genau einschätzen kann. Ihre Tragik liegt im Verlorengehen von Kommunikation und Vertrauen, verstärkt durch öffentliche Demütigung.
Mit leuchtend dramatischem Sopran kämpfte Emma McNairy um Wahrheit und Otellos Liebe, im emotional aufgeladenen Disput, Traurigkeit tragenden Lied von der Weide, dem introvertiert entrückten „Ave Maria” im bewegenden Schlussakt. Tamta Tarielashvili machte aus der kleinen Partie der Dienerin Emilia mit flammendem Mezzo das Aufbegehren einer emanzipierten Frau, im aufgestauten Zorn über die Intrige ihres Gatten.

Chöre, Statisten und Kinderchor des Staatstheaters mischten sich lebhaft in die pulsierende Bühnenhandlung ein. Die Meininger Hofkapelle spielte sich unter Killian Farrells forderndem und inspirierendem Dirigat in einen wahren Verdi-Rausch, der alle Facetten dieses Spätwerks zu einem wirklich aufwühlenden und fesselnden Gesamteindruck verband. Enthusiastische standing ovations des von den Emotionen erschütterten Premieren-Publikums!
























