Wie bei den meisten Bühnen und Konzert-Veranstaltern bricht Anfang 2020 eine unvorhergesehene Katastrophe über die Festival-Intendanz herein: Akutphase der Corona-Pandemie und Lockdown zwingen auch in Bad Kissingen zur Absage des bereits vollständig durchorganisierten Festspiel-Sommers. 2022 übernahm Alexander Steinbeis, zuvor 13 Jahre Direktor das Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, die Intendanz des Kissinger Sommers und führte das Festival mit innovativen Konzepten und Formaten, die neue Zuhörerschichten ansprechen, zu wiederum stattlichem Erfolg. „Auf einen Kaffee …“ lädt er nun gastierende Künstler zum lockeren Plausch vor Publikum ein, bei kostenlosen abendlichen Prélude-Konzerten kann man unbekannte Ecken der Stadt zwischen Spielbank und Rathausplatz erkunden, DJs der europäischen Technoszene legen im Kurtheater auf.

Und in der Erlöserkirche wird ein vor gut 200 Jahren verstorbener Dorfschullehrer der Vergessenheit entrissen: Johann Leonhardt Ludwig hat um 1800 im unterfränkischen Sennfeld insgesamt 115 geistliche Kantaten für den sonntäglichen Gottesdienst komponiert, zwei komplette Jahrgänge an evangelischer Kirchenmusik, die nach dem Tod von Bach eigentlich zum Gegengewicht zu damals hauptsächlich von katholischen Messen gefülltem Kompositionsschaffen hätten avancieren können. Der beeindruckende Kantatengottesdienst mit regionalen Künstlern unter Leitung des engagierten Kirchenmusikdirektors Jörg Wöltche war konsequenterweise auch ein wichtiger Termin des Festival-Programmkalenders.
Den Schatten alter hoher Laubbäume musste man an diesem Sonntagmorgen eigentlich nicht suchen, da dicke Wolken bereits sommerliche Abkühlung verschafft hatten. Die gefühlte Temperatur im intensiv begrünten und dicht besetzten Hotelgarten des Grand Hotel Kaiserhof Victoria wussten dann der Klarinettist David Orlowsky und das Schweizer Streicherensemble Chaarts Chamber Artists anzuheizen mit ihrem Programm “The Soul of Klezmer“, das dem glückwünschenden Festival-Motto „Mazel Tov“ eine optimale Tongebung verlieh. Mit „unerhörten“ Klanggestaltungen hatte sich Orlowsky seit Jahren eine Fangemeinde aufgebaut; sein Album Jeremiah, auf dem das fünfstimmige Vokalensemble Singer Pur Klagelieder der Renaissance-Komponisten Palestrina und Gesualdo gestaltet und Orlowsky diese mit seiner betörenden Klarinettenlyrik in aufwühlend neue Klangwelten hebt, gehörte 2010 zu den Höhepunkten klassischer Instrumentalmusik.

Klezmer, eigentlich die Ausführenden traditioneller Musik osteuropäischer Juden bezeichnend, steht heute allgemein für den Volksmusikschatz dieser Volksgruppe. Und professionelle Klezmorim haben diese emotionalen, oft Stunden dauernden Fest- und Hochzeitsmusiken weitergetragen, vom Jubel der Tanzweisen bis zu Tränen hervorrufender Abschiedsmusik für Eltern, die ihre frisch verheirateten Kinder loslassen müssen. Zu einem traditionellen Hochzeitsmarsch und Chassidischem Tanz kann Orlowski sogar die ersten Tanzmutigen zu wiegenden Schritten und Drehungen auf die Wiese locken.
Wie in K’vakarat des 1960 in Argentinien geborenen Osvaldo Golijov kann aber auch eine liturgische Wurzel die Musik kennzeichnen: hier ist es Abschnitt einer Dichtung, die als „Träume und Gebete Isaaks des Blinden“ das Thema der jüdischen Hohen Feiertage verkörpert. Da konnte Orlowsky in seinem Klarinettenton die menschliche Stimme, den näselnden Gesang des Kantors der Synagoge gar charakterisieren, Zerrissenheit, Klage, aber auch versteckten Witz ausdrücken. In eigenen Stücken wie Happiness, Lyra oder Juli haben alltägliche Erlebnisse seine blühende Kompositionsfantasie angestiftet.

Intensive Impulse bekam der Klezmer auch in Amerika, wo Elemente des Jazz und moderner Rhythmik in die Musik einströmten. Der jüdische Klarinettist Naftule Brandwein, in der Ukraine geboren, war 1908 nach New York emigriert und dort als „King of Jewish Music“ zu Ruhm gelangt. Ein Medley seiner Klezmer-Stücke kam gut an beim Publikum, und herzliches Gelächter erntete Orlowsky, als er sich – einer Überlieferung von Brandweins Marotten folgend – bei seinen Soli von den Hörenden wegdrehte, um potentiellen „Konkurrenten“ seine Fingersätze nicht zu verraten.
Vom Streichquartett bis zum vielsaitigen Septett: im Yiddish Concerto des Franzosen Laurent Couson für Violine und Streicher zeigten die Chaarts, wie wechselseitig sie ihren Stil prägen: vibrierend vor energiegeladener Verve, versunken in autosuggestiver Kontemplation, tänzerisch turbulent im Finale. Eine schöne thematische Klammer schließlich, dass die Familie Mendelssohn, die ihre Kinder Fanny und Felix in Berlin evangelisch hatten taufen lassen, zum Programm gehörte: in Felix’ virtuosem Capriccio, Op.81 sowie dem Andante seiner frühen Klarinettensonate, die Orlowsky mit funkelndem Klarinettenschimmer allen zum Nachsummen mitgab. Himmlisch!
Michael Vieths Pressereise nach Bad Kissingen wurde vom Kissinger Sommer bezahlt.



















