Die Vier letzten Lieder waren der letzte Geniestreich, der Richard Strauss kurz vor seinem Tod in der Mitte des 20. Jahrhunderts gelang, und sie klingen dabei wie ein längst überholter Anachronismus, der jedoch in seiner mystischen Schönheit und Jenseitsthematik niemals aus der Zeit gefallen wirkt. Man kann diese Lieder mit großem dramatischem Ansatz angehen, wie es Jessye Norman getan hat, man kann aber auch einen dezenteren Weg gehen. Diana Damrau wählte im Münchener Herkulessaal die letztere Variante.

Diana Damrau und Mariss Jansons © Peter Meisel
Diana Damrau und Mariss Jansons
© Peter Meisel

In der vergangenen Saison hatte Damrau die Strauss-Lieder mit Kirill Petrenko und dem Staatsorchester im Nationaltheater auf die Bühne gebracht. Diesmal standen mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nicht weniger illustre Musiker an ihrer Seite. Die gebürtige Günzburgerin gestaltete wieder eine betörend schöne und differenzierte Interpretation der Lieder, die ganz auf dynamische Nuancen und große erzählerische Bögen setzte. Bei Damrau schlich sich kein Resümieren ein, viel mehr war jedes Lied eine Exploration, die sich untrennbar mit dem farbenreichen Orchesterpart vermischte. Groß spannten sich die lyrischen Linien, die Damrau unaufdringlich dynamisch entwickelte und luxuriös fließen ließ. Auch Jansons ließ den Symphonikern viel Raum zur Entwicklung, hatte aber stets die Balance mit der Solistin im Blick. Die BR-Symphoniker spielten farbenreich, emotional, aber niemals sentimental. Im dritten Lied Beim Schlafengehn leuchtete Damrau mit klarem Timbre, das im Zusammenspiel mit der Solo-Violine von Konzertmeister Anton Barakhovsky geflügelt wurde. Im ausgreifenden vierten Lied Im Abendrot agierte Damrau sehr zart, verschmolz im Pianissimo mit dem Orchesterklang und blieb gleichfalls unglaublich präsent. Der letzte Vers des Eichendorff-Textes schließt mit der Frage „Ist dies etwa der Tod?“ bevor das Orchester mit dem Verklärungsmotiv aus Strauss‘ Symphonischen Dichtung Tod und Verklärung und Lärchenrufen langsam verstummt. Hier schafften Damrau und Jansons mit den Symphonikern ganz große Strauss-Kunst, die weit über den kurzen Moment, den Jansons nach dem Schluss des „Abendrots“ einforderte, wirkte.

Sally Matthews, Karen Cargill, Mariss Jansons und Ilker Arcayürek © Peter Meisel
Sally Matthews, Karen Cargill, Mariss Jansons und Ilker Arcayürek
© Peter Meisel

Handfester ging es nach der Pause mit Bruckners f-Moll-Messe weiter, die im Gegensatz zu den farbenreichen Orchesterliedern von Strauss gradliniger und Bruckner-typisch mit satten Fortissimos aufwartete. Bevor Bruckner der große Durchbruch mit seiner Siebten Symphonie gelang, war seine Kirchenmusik selbst im Bruckner feindlichen Wien durchaus erfolgreich zur Aufführung gebracht worden. Mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Solistenquartett hatte Jansons eine luxuriöse Besetzung der Extraklasse. Egal ob im fanfarenhaften Et resurrexit oder in den vielen kurzen Acapella-Passagen agierte der Chor mit entfesselnder Kompaktheit und Homogenität. Wie selbstverständlich rasteten die Harmonien ein und gleichzeitig modulierte Jansons die einzelnen Stimmen klar und differenziert heraus. Sopranistin Sally Matthews und Mezzo Karen Cargill agierten mit viel dramatischer Kraft – gerade Cargill hörte man ihre Wagner-Erfahrung positiv an. Tenor Ilker Arcayürek und Bass Stanislav Trofimov schufen eine lyrische Balance.

Das BRSO spielte kompakt, dennoch durchleuchtete Jansons auch hier genau wie in den vorangegangenen Vier letzten Lieder die Orchesterstimmen sehr genau und differenziert. Die Messe klang optimistisch; Jansons hielt die teils üppigen Forte schlank und räumte vor allem den stilleren Momenten des Werks großen Platz ein.

****1