Wie feiert ein Orchester seinen Geburtstag in Zeiten von Covid-19? Das BBC Symphony Orchestra besteht 2020 seit 90 Jahren – für sein Geburtstagskonzert musste es jedoch nicht nur auf Publikum verzichten, sondern konnte für die Live-TV-Aufnahme im Londoner Barbican Centre auch mit nur stark reduzierter Kammerorchesterbesetzung auftreten. Um das Ansteckungsrisiko so klein wie möglich zu halten, hatte dessen finnischer Chefdirigent Sakari Oramo seine Ehefrau, die Sopranistin Anu Komsi als Solistin eingeladen. Sie sang das 2014 entstandene gesellschaftskritische Accused des finnischen Komponisten Magnus Lindberg in einer speziell für dieses Konzert neu arrangierten Fassung.

Sakari Oramo dirigiert das BBC Symphony Orchestra
© Mark Allan

Für die Texte seines Stückes gebrauchte Lindberg Vernehmungsprotokolle aus drei Jahrhunderten. Im ersten Satz geht es um das Verhör der Frauenrechtlerin Théroigne de Méricourt. Sie hatte sich während der französischen Revolution u.a. für die Bewaffnung von Frauen eingesetzt. Der Satz beginnt klanglich massiv mit Pauken und Hörnern. Komsi singt sowohl den französischen Text des Anklägers als auch des Opfers und zeichnet flexibel und ausdrucksstark die Stimmung im Kerker äußerst einfühlbar nach. Lindberg beschreibt die Angst der um ehrliche Behandlung bittenden Frau mit immer wieder in Koloraturhöhen hinaufflüchtenden Melodielinien. Das von Oramo sehr beherrscht dirigierte BBC Symphony Orchestra unterstrich mit beängstigenden Farbtönen und widerspenstig rhythmisierten Motiven die düstere Atmosphäre. Im zweiten Satz werden wir Zeuge eines deutschen Stasiverhörs, das sich 1970 zugetragen hat. Die Unterfragte muss sich für den Besitz mehrerer Spiegelmagazine verantworten. Die Stimmung dieses Satzes ist noch bedrohlicher. Komsi machte die hilflose Ohnmacht der Beklagten beinah körperlich schmerzlich fühlbar, die in einer ganzen Reihe von Verhören immer wieder dieselben Fragen beantworten muss. Die ganze Wucht der dieser Beklagten drohenden Gefängnisstrafe offenbart sich am Ende des Satzes, wenn Komsi im unmenschlich gequält klingendem tiefen Parlando die Richtigkeit des Vernehmungsprotokolls bestätigt. Der letzte Satz katapultiert uns mitten hinein ins Verhör des amerikanischen Hackers Adrian Lamo, der 2013 seine Informationen zu Whistleblower Chelsea Manning bezeugen muss. Lamos Antworten beschränken sich auf sehr wenige Worte schuldbewusster Bestätigung seiner Aussagen, die von Komsi in sich immer weiter in die Höhe windenden langgedehnten Klagelauten gesungen wurden. Erst zum Ende hin ermannt Lamo sich zu etwas Zivilcourage und bestreitet die bedrückendsten Beschuldigungen. Dass auch er den ungleichen Kampf nicht gewinnen kann, wird musikalisch von Komsi mit dem aus dem vorigen Satz wiederholten gespenstigen Parlando unterstrichen.

Anu Komsi
© Mark Allan

Ebenfalls auf dem Programm standen die von Oramo warm und erdig dirigierte Symphonie Nr. 49 von Josef Haydn und Anna Clynes Within her Arms. Clyne (London, 1980) hat diesem vor zwölf Jahren komponierten, ihrer Mutter gewidmeten Streicherstück ein Gedicht des buddhistischen Mönchs Thích Nhat Hanh vorangestellt. Der meditative Text steht im deutlichen Gegensatz zu Clynes wehmütiger emotionsgeladener Musik.

Dieses Online-Konzert war ein Geschenk! Es bewies sehr beeindruckend, wie uns zeitgenössische Kompositionen vor allem in Verbindung mit zum Nachdenken anregenden Texten inspirieren können. Damit setzt das wohl berühmteste der BBC-Orchester ein wichtiges Zeichen zur Bestätigung der Rolle von klassischer Musik in unserer Zeit.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Barbican Centres rezensiert.

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